Durch den utopischen Filter gedrückt

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    In „Tahiti Utopia“ verpackt Michal Tvorecky Geschichte hintersinnig | Lesung im Scharfrichterhaus

    (von Tobias Schmidt)

    Passau. Mittwochs im November um 20 Uhr lädt der Passauer Pegasus zu einer literarischen „Herbstlese“ ins Scharfrichterhaus ein. Dem Auftakt mit Hans Pleschinski und seinem Roman „Am Götterbaum“ über den Münchner Schriftsteller und ersten deutschen Literaturnobelpreisträger Paul Heyse (1830-1914) wird am 10. November 2021 die ebenfalls literaturhistorische Lesung mit Uwe Wittstock folgen. Der erzählt im Sachbuch „Februar 22 – Der Winter der Literatur“, wie deutsche Schriftsteller von Else Lasker-Schüler, über Joseph Roth, Alfred Döblin bis Thomas Mann auf die Machtergreifung der Nationalsozialisten und deren radikale und ausnehmend rasche Umgestaltung des kulturellen Lebens in Deutschland reagierten.

    Ein dicht erzähltes Panorama aus ungeheurer Zeit, geprägt von Angst, aber auch von Selbsttäuschung unter den Schriftstellern, von Passivität bei den einen und Entschlossenheit bei den anderen. Wer schmiegte sich den neuen Machthabern an, wer musste um sein Leben fürchten und fliehen? Zuvor jedoch stattet der slowakische Autor Michal Tvorecky dem Scharfrichterhaus erneut einen Besuch ab. Mitte vierzig, ist er nach der „Samtenen Revolution“ sozialisiert, gehört – wie etwa auch der Tscheche Jaroslav Rudiš – zur Literatengeneration nach Jáchym Topol, Andrzej Stasiuk oder Jurij Andruchowytsch und anderer, Anfang der 1960er Jahre geborener Autoren. Alle vermessen sie Ostmitteleuropa, diesen unmittelbar angrenzenden und doch für Hiesige so unmittelbar wenig inhaltlich gefüllten Raum beschreibend neu, unternehmen bisweilen gewagte geographische und geopolitische Volten.

    In seiner 2019 im Scharfrichterhaus vorgestellten und in einer darniederliegenden Europäischen Union der nahen Zukunft angesiedelten Science Fiction-Groteske „Troll“ schloss Hvorecký dabei den entgrenzten virtuellen Raum mit ein. Nun folgt, erneut im für innovative zeitgenössische Literatur bekannten Haus Tropen des Verlags Klett-Cotta Hvoreckys neuer Roman „Tahiti Utopia“. Aus der Rückschau des Jahres 2020 wird hier nicht weniger als eine alternative slowakische Nationalgeschichte verhandelt, angesiedelt – obacht! – in der Südsee. Dorthin, in die Neu-Slowakei, wanderten die Slowaken dereinst im Lauf eines im Buch ganz anders verlaufenen Ersten Weltkriegs aus. Denn Großungarn, einschließlich Magyarisierungspolitik, gibt es noch, und die Slowakei ging nie in einer Tschechoslowakischen Republik auf. Soweit die zugrundeliegenden fiktionalen Gedankenspiele.

    Der Rest von Hvoreckys Roman zirkuliert um die Dekonstruktion durchaus realer nationaler Mythen. Denn die namenlose Hauptgestalt ist die Urenkelin von Milan Rastilav Štefánik, Astronom, Diplomat, General, Gründergestalt der Tschechoslowakei von 1918, der 1919 bei einem Flugunglück ums Leben kam und um dessen Tod und womögliche Besserstellung der Slowaken, hätte er denn nur länger gelebt, sich bis heute viele historische Erzählungen ranken. Hvorecky überhöht dies herrlich grotesk in einer „Die Donaukarawane“ genannten Binnenerzählung: Dort ist Štefánik eine Erlösergestalt, die sein Volk dereinst nach Tahiti führte. Der Autor macht hier die Slowaken seiner eigenen Epoche zu Flüchtlingen – pompös-galanter geht Kritik an Migrationskritik eigentlich kaum?

    Michal Hvorecky (Foto: Martina Šimkovičová)

    Zurück zur namenlosen Erzählerin der Haupthandlung: Diese Frau findet allerlei wenig Schmeichelhaftes über den Vorfahren heraus. Es hagelt Proteste, sie wird zur Nestbeschmuzerin und „ausländischen Agentin“ erklärt, die sich am nationalen Mythos vergreife. Auch den, allen Neu-Slowaken wenig freundlich gesonnenen Ungarn ist die Frau ein Dorn im Auge, auch dort kratzt sie – sicherlich vom Investor George Soros finanziert – an einer nationalen Großmachtserzählung. Dass hier eigentlich diejenige eines Viktor Orbán gemeint ist, wissen aufmerksame Leser schnell zu dekodieren.

    Ausgehend von einer verrückt erscheinenden Fiktion hat Milan Hvorecky mit „Tahiti Utopia“ einen rasanten Mitteleuropa-Roman vorgelegt, der die Geschichte des beginnenden 20. Jahrhunderts durch einen utopischen Filter ins 21. Jahrhundert drückt und ein wenig erquickliches, nur allzu gut bekanntes Destillat aus Nationalismus und Fake News erhält. Historische Utopie wird hier zur Dystopie verdichtet. Dieser, gut getarnt mit Wie-wäre-es-eigentlich-gewesen-wenn-Plot daher kommende „Stoff“ ist uns mitteleuropäischen Lesern nicht nur geographisch näher, als uns vielleicht lieb ist.

    Die von der Buchhandlung Pustet und dem Passauer Pegasus präsentierten Lesungen mit Michal Hvorecky und Uwe Wittstock beginnen jeweils um 20 Uhr. Karten zu 14 Euro (ermäßigt 10 Euro) sind unter Telefon 0851 5608913 oder per Email an passau@pustet.de reservierbar.

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