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Samstag, Juli 20, 2024

Bayerischer Wald voller Mythen und magischen Orten

Lesestoff

Schönberg(kfr) Gleich ein ganzes Wochenende widmete sich die Sektion Schönberg des bayerischen Wald-Vereins dem Thema „Mythen und magische Orte im Bayerischen Wald. Dazu hatte man zuerst einen Mythenforscher zu einem Vortragsabend geladen um am Tag darauf per Wanderung magische Orte vor allem in der Saldenburger Gegend zu erkunden.

Das Interesse der Mitglieder an dieser Thematik war beeindruckend.

Gut besetzt war der Nebenraum im Schönberger KuK, als Jakob Wünsch, seines Zeichens Mythenforscher aus Deggendorf, seinen informativen und recht unterhaltsamen Vortrag hielt. Zu Beginn widmete sich Jakob Wünsch erst einmal dem als Dämon und Rosshirt bei den älteren Zuhörern bekannten „Stilzl“, von dem sich auch die Märchenfigur des Rumpelstilzchens ableitet und über den es viele Fantasien im Böhmerwald gibt. Alle kennen ja den Berggipfel Brotjacklriegel in der Region Langfurth, allgemein wird er übersetzt als „Breiter Jägerriegel“. Doch laut Sage kommt die Bezeichnung dieser Bergspitze von einem Jäger namens Jackl, der dort oben hungernde Fremde mit Brot versorgt haben soll. Von den Schweden wurde er während des 30jährigen Krieges angeblich in eine Höhle gesperrt, wo er schließlich verhungert sei. Auch im Sternbild Orion finden sich demnach einmal der „Breite Jäger“ und auch der Jakobus, dem später der Jakobusweg gewidmet wurde. Natürlich durfte bei einem Vortrag zum Thema Mythen und Sagen der Rachel und da vor allem der Rachelsee, als das „Tor zur Unterwelt“ nicht zu kurz kommen. Am steilen Felshang, wo heute die Rachelkapelle steht, soll ein Reiter auf seinem Pferd im „magischen Nebel“ zum Glück nicht abgestürzt sein. In diesen See wurden laut Sage viele Menschen verbannt, so auch die „Wecklin“, Burgherrin am Schönberger Ramelsberg, deren Sarg, wie in anderen Fällen auch, von Raben begleitet worden sein soll. Die ursprüngliche Bezeichnung des Ramelsberg stamme von dem Namen „Raminsberg“, übersetzt „Raben-Berg“. Nächste Station war dann die Region Bischofsmais, wo der „Teufelstisch“ zu bewundern ist. Auf diesem von ihm erstellten Felsgebilde soll sich der Teufel wegen großen Hungers zum Mittagessen niedergelassen haben und dann aber durch das „Zwölf-Uhr-Läuten“ der Kirchenglocken vertrieben worden sein. Auch über die Saulochschlucht bei Deggendorf berichtete der Mythenforscher, weil dort Teufeln beim Kegeln waren und sich in vorchristlicher Zeit der Gott Donar gezeigt habe. Der Ort St. Oswald in der Schönberger Nachbarschaft verdanke seinen Namen einem heiligen König aus England. Allerdings spiele auch dort wie überall der germanische Gott Wotan mit seinen Raben eine Rolle. Es gebe laut Jakob Wünsch ja schließlich ein kultisches Fest mit der Bezeichnung „Lugnasad“, was auf das keltische „Lug“, lateinisiert „lugus“, der Rabe hindeute. Auch die Bezeichnung „Oswald“ könne von der Bezeichnung „Asenwalter“ (=Wotan mit 2 Raben) zurück zu führen sein. Da zu Zeiten Karls des Großen dessen Interesse am Bayerischen Wald anlässlich der Christianisierung nicht sehr groß war, dürfte dies auch der Grund sein, dass sich hier sehr viele heidnische Bräuche erhalten haben.

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Mythenforscher Jakob Wünsch informierte über Mythen und Sagen im Bayerischen Wald

Gleich am Tag nach diesem Vortragsabend machte sich eine große Gruppe von Sektionsmitgliedern auf den Weg nach Saldenburg, um dortige magische Orte zu erkunden. Wilhelm Schmauß, selber Sektionsmitglied, ist dort oft als Führer unterwegs und zeigte auch den neugierigen Schönbergern, was es in der historischen Burg und in deren Nachbarschaft zu bestaunen gibt. Die spätmittelalterliche Festung (erbaut 1368) ist schon wegen des nach französischem Muster gebauten Wohnturms, im Volksmund als „Waldlaterne“ bezeichnet,  ein in Bayern sehr seltenes Bauwerk. Dort lebte der Ritter Tuschl von Söldenau, ein reicher und lebensfroher Mann, der sich dem Jagen, Zechen und Trinken widmete. Er heiratete das Fräulein Anna vom Schloss Aheim. Der Name Anna deute auf „Ana“ hin, einen uralten Göttinnennamen. Eine üble Gewohnheit der hübschen Gattin, nachts laut und rührend mit dem Mond zu sprechen, brachte den Ritter Tuschl in Rage, so dass er sie in das Burgverlies einmauern ließ. Doch daraus war sie eines Tages verschwunden und mit ihr der Reitknecht. Voller Unruhe und Reue ritt der Tuschl durch die Lande und fand beide rein zufällig in der Nähe von Rom. Der Ritter beherrschte sich allerdings und kehrte nach Saldenburg zurück, wo er dann einsam lebte und sich sogar den Namen „Ritter Allein“ gab.

Nächste Station der Wandergruppe war dann der „Saldenburger Schalenstein“, von Dr. Heide Göttner-Abendroth entdeckt und eines der wichtigsten prähistorischen Weihestätten im Bayerischen Wald. An den drei Steinthronen handelt es sich um Sitze für ein Priesterinnen-Trio der Großen Göttin. Die erhabenen Plätze dienten wahrscheinlich religiöser Zeremonien wie unter anderem auch Heilige Hochzeiten und auch Geburten. Noch im 14. Jahrhundert praktizierte man dort heidnische Zeremonien, was wahrscheinlich dazu führte, dass der Burgherr Tuschl in Konflikt mit der katholischen Kirche, also dem Bistum Passau kam. Beim Schalenstein und weiteren herausragenden heidnischen Sakralstätten in der Nähe der spätmittelalterlichen Festung handelt es sich äußerst eindrucksvolle vorchristliche Denkmäler des Bayerischen Waldes.

Der frühere Forstmann Norbert Schrüfer hatte ein weiteres bis heute für die Wissenschaftler rätselhaftes Objekt entdeckt, nämlich den „mittelalterlichen Glasofen“. Der genaue Verwendungszweck ist bis heute nicht geklärt, dieser Glasofen, mittels C-14-Analyse auf die zeit zwischen 1280 und 1460 bestimmt, könnte möglicherweise zur Glaserzeugung oder für Alchemie gedient haben.

Leicht hungrig und durstig marschierten dann die neugierigen Schönberger Wanderer nach Hundsruck, um sich dort wieder zu stärken. Allerdings durften sie auch dort eines von fünf weiteren in der Gemeinde Saldenburg existierenden interessanten geschichtlichen Denkmälern besichtigen. In den Kellerräumen des Gasthauses Klessinger hat der Wirt nämlich auch einen „Erdstall“ ausgegraben. Der Name „Erdstall“ bezeichnet eine Stelle in der Erde, im Volksmund „Schrazlgänge“ genannt. „Schrazln“ bezeichnen zwergenartige Schutzgeister, die in Erdlöchern wohnen. Die Ganghöhe beträgt meist nicht mehr als 1,30 Meter. Deren Geheimnis ist auch bisher nicht zweifelsfrei gelüftet. Sie stammen allerdings aus dem späten Mittelalter.

Bei stärkenden Getränken und guter Brotzeit sorgten die Wandererlebnisse dann schon für viel Gesprächsstoff, bevor man sich wieder auf den Weg nach Schönberg machte.

(Bericht/Fotos: Franz König)

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