Geduldig nimmt sich Schwester Maria Luisa Silverio Zeit, um auf die besonderen Bedürfnisse von Angie Karina, Evelyns Schwägerin, zu hören. Heute braucht sie Socken für die Kinder (Foto: Sandra Weiss)

Auf der Flucht vor dem Klimawandel

Vor einem halben Jahr richteten zwei Hurrikane schwere Schäden in Mittelamerika an. Viele von ihnen stehen nur an der US-Grenze

(von Sandra Weiss)

Bojay. Vor einem halben Jahr fegte Hurrikan Eta über Mittelamerika. Kurz darauf folgte Iota. Derart zahlreich waren in der vergangenen Sturmsaison die Wirbelstürme über dem Atlantik, dass den Meteorologen die Buchstaben des Alphabets ausgegangen waren. Zuflucht suchten sie bei den griechischen Schriftzeichen. 200 Menschen starben. Hunderttausende standen vor dem Nichts. Tragisch waren weniger die Windböen als vielmehr die heftigen Niederschläge, die zu Erdrutschen und Überschwemmungen führten. So auch im Valle de Sula. Das ökonomische Herzen von Honduras stand tagelang komplett unter Wasser. „Es war ein schwerer Schlag zusätzlich zur Corona-Pandemie für Länder, die von Gewalt und Armut geprägt sind“, sagt Inés Klissenbauer, Mittelamerika-Referentin beim Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat. „80 Prozent der Menschen dort leben in Armut.“

Die Sturmschäden trieben viele dazu, ihrer Heimat den Rücken zu kehren. Geschürt wurden die Hoffnungen auch durch den Regierungswechsel in den USA. Schließlich hatte Präsident Joe Biden im Wahlkampf eine humanitäre Einwanderungspolitik versprochen. Zehntausende sind derzeit unterwegs in Richtung USA, wo sie sich mehr Chancen auf Arbeit und ein menschenwürdiges Auskommen erhoffen als in ihren Heimatländern. „Sie haben nichts mehr zu verlieren“, sagt Adveniat-Referentin Inés Klissenbauer. Mehr als 172.000 Migranten griffen die US-Grenzschützer alleine im März auf – ein 20-Jahres-Rekord.

Evelyn und Favian warten auf den Güterzug der sie weiter nördlich nach Irapuato fahren wird (Foto: Sandra Weiss)

Zu den Klimaflüchtlingen gehört auch die Familie Castillo aus Honduras. „Die Stürme haben unser Haus zerstört“, erzählt Evelyn Castillo aus Santa Barbara. „Wir mussten unter der Brücke schlafen, wo wir uns aus Karton und Plastikplanen eine notdürftige Unterkunft gebaut haben.“ Auf Unterstützung des Staates hat sie lange gewartet. Vergeblich. Nur internationale und kirchliche Hilfsorganisationen verteilten in den ersten Wochen Hygienekits und Essenspakete. Das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat hat allein in Honduras Pfarrgemeinden, Bistümern und der örtlichen Caritas fast 100.000 Euro als Hurrikan-Nothilfe zur Verfügung gestellt. „Ich habe mein letztes Geld zusammengekratzt, um meinen Lebenslauf auszudrucken und nach San Pedro Sula zu fahren. Dort habe ich Textil-Fertigungsbetriebe abgeklappert“, schildert die 24-Jährige. „Aber niemand hatte einen Job, und viele Fabriken waren wegen der Sturmschäden und der Pandemie dicht.“ Nach Schätzungen der UN-Wirtschaftskommission wurden 4,6 Millionen Menschen Opfer der Stürme, rund 200.000 wurden obdachlos, die Schäden beliefen sich insgesamt auf 15 Milliarden US-Dollar.

Bis heute ist nur ein Teil der Infrastruktur repariert. Noch immer sind unzählige der von den Hurrikanen zerstörten Häuser und Schulen unter Sand und Schlamm begraben, ohne dass Alternativen geschaffen wurden, stellte die UNO kürzlich bei einem Besuch fest. „Von unserer Regierung ist nichts zu erwarten“, sagt Castillo. Sie ist nun mit ihrem dreijährigen Sohn unterwegs durch Mexiko. Begleitet wird sie von ihrem Bruder, ihrer Schwester, deren Ehemann und deren eineinhalbjährigen Tochter. Die Minderjährigen, so hoffen die Erwachsenen, erleichtern die Einreise in die USA. „Ich habe gehört, dass die neue US-Regierung Familien mit kleinen Kindern nicht zurückschickt“, sagt Castillos Schwager Enil Ferguson. Aufgrund der Hurrikane hatte er seinen Job als Zuckerrohrschneider verloren.

Tagelang musste die Familie zu Fuß durch den Dschungel zwischen Guatemala und Mexiko laufen und sich vor den dortigen Grenzschützern verstecken, die Jagd auf Migranten machen. „Manchmal schenkten uns Bauern etwas zu essen, manchmal hatten wir Hunger“, berichtet Castillo. Dann sprang die Familie auf einen der Güterzüge auf, die Mexiko durchqueren und eine beliebte Route für Migranten sind. Jeder hat einen kleinen Rucksack dabei mit dem Nötigsten: Wäsche zum Wechseln, Seife und Zahnbürste, eine Wasserflasche, ein Milchfläschchen für die Kinder und ein paar Kekse. Decken, Handtücher und Plastikplanen schleppt Orlando in einem Müllsack mit. „Viel mehr hatten wir zuhause ohnehin nicht.“ Er zuckt mit den Achseln.

Noch ein letztes warmes auf Wiedersehen für Schwester Maria Luisa Silverio und Familie Castillo klettert auf den Güterzug in Richtung der Grenze zu den USA (Foto: Sandra Weiss)

Derzeit befinden sie sich in Zentralmexiko, in der Flüchtlingsherberge „El Samaritano“, also „Zum Samariter“.Verstaubt, überhitzt, müde und ausgehungert kamen sie spätabends an. Die Reise durch Mexiko, immer auf der Hut vor Grenzschützern, Menschenhändlern und Kriminellen, ist für Flüchtlinge lebensgefährlich. Diese Zufluchtsorte entlang der Flüchtlingsroute, die Adveniat in diesem und dem vergangenen Jahr in Mexiko mit knapp 150.000 Euro unterstützt, sind Gold wert. „Dort können wir uns duschen und in Sicherheit übernachten, bekommen etwas Warmes zu Essen, und es gibt Windeln und Milch für die Kinder“, zählt Castillo auf.

Sogar eine kleine Krankenstation haben die Schwestern der Heiligsten Herzen eingerichtet. Dort können Sonnenbrände, Kopfschmerzen, Durchfall oder Platzwunden versorgt werden. „Bis zu 1700 Migranten registrieren wir im Monat“, schildert die Leiterin der Herberge, Schwester Maria Luisa Silverio. 1250 Euro Kosten fallen monatlich an – weniger als ein Euro pro Flüchtling. Für die Familie Castillo-Ferguson ein Geschenk des Himmels: „Jetzt fühle ich mich wieder wie ein Mensch“, seufzt Castillo erleichtert, als nach dem Abendessen und einer warmen Dusche ihr kleiner Sohn zufrieden einschläft.