Gedanken zu Christine Rieck-Sonntags Ausstellung „flußaufwärts“ im Kulturmodell Passau

(von Tobias Schmidt)

Unter dem Titel „flußaufwärts“ bespielt die Landshuter Künstlerin Christine Rieck-Sonntag aktuell das Kulturmodell in der Passauer Bräugasse mit zwei Bilderzyklen. Zum einen sind Tuschzeichnungen zu sehen, die während Arbeitsaufenthalten in Bulgarien entstanden und den antiken Sagenkreis um den Sänger Orpheus behandeln. Der war mit der Nymphe Eurydike verheiratet, die, nach einem Schlangenbiss starb. Er folgte ihr in die Unterwelt, besänftigte mit seiner Sangeskunst zunächst den Höllenhund und durfte schließlich seine Ehefrau mit in die Oberwelt nehmen. Doch nur, wenn er sich während des Aufstiegs nicht nach ihr umsah. Was ihm misslang, so verlor er Eurydike für immer. Für Einzelheiten dieser ewig schönen Liebeserzählungbefrage man die Herren Vergil, Ovid oder Hugo von Hofmannsthal. Oder lese nach bei „Eurydike und Orpheus“, einem deutsch-bulgarischen Prosaband des Schriftstellers und ehemaligen Kulturredakteurs Hans Krieger, erschienen 2013 im feinen ehemaligen Passauer Verlag Karl Stutz. Die Illustrationen dieses Buches stammen von Christine Rieck-Sonntag. Eine „kratzige“ Strichführung, vorgegeben durch das Material, das seine Herkunft nicht verleugnet: bulgarische Obstkisten. Was Eurydike und Orpheus irgendwie auch zurück zu ihren Ursprüngen liegt, denn die lagen in Thrakien, einem historischen Gebiet, welches heute größtenteils in Bulgarien liegt.

Zwei Seelen, ach… (Bildquelle: Christine Rieck-Sonntag)

Und was verbindet das Passauer Kulturmodell mit Bulgarien? Richtig, der Fluss, die Donau. Christine Rieck-Sonntag dazu: „Flußaufwärts ist die Kultur zu uns gekommen. Denn die Wiege Europas stand am Schwarzen Meer, wo vor gut zehntausend Jahren die älteste Hochkultur entstand, die offenbar sehr friedfertig war und noch kein Patriarchat kannte. Zudem waren viele der jetzt im Kulturmodell gezeigten Bilder zuerst in der alten Römerstadt Plowdiw, der zweitgrößten Stadt Bulgariens ausgestellt, die in diesem Jahr Europäische Kulturhauptstadt ist. Auch die Bilder sind also flussaufwärts nach Passau gekommen.“ Flussaufwärts heißt aber auch: gegen den Strom. Oder: Gegen die Vergänglichkeit von Trends und mit Wissen um die am Flussdelta gelegenen Quellen die Kunst daheim nach Herkunft zu befragen. Und danach, ob die Quellen wirklich wohlbekannt, mithin ausgeschöpft sind. Einst lautete der Schlachtruf der Humanisten „Ad Fontes!“ (lat. „Zu den Quellen!“), gemeint waren jene der Antike. Eine merkwürdige Angelegenheit für die Donau, deren Quelle ja im Schwarzwald liegt, und die an ihrer Mündung zivilisationsbildend wirkte. Heißt das doch, dass das Schöne, das Friedfertige, Wohlwollen und Wohlstand gewissermaßen „zurück“ zu tragen sind. Was schwimmt da an Passau vorbei? Und sollte doch nicht unbesehen vorbei ziehen? Was gilt es festzuhalten, dingfest zu machen für die Deutung unserer Zeit? 

Christine Rieck-Sonntags zweite Bilderserie „Zwei Seelen, ach…“ nimmt andere, sehr viel gegenwärtigere Zeitläufte in den Blick. Anno Domini 2019 befinden wir uns schließlich auch im dreißigsten Jahr des de-facto Endes der deutsch-deutschen Teilung. Alles verweist auf den sich unweigerlich unbarmherzig nahenden 30. Jahrestag der Deutschen Wiedervereinigung 2020. Zwar wird die jetzige Bundesrepublik ihre beiden Vorgängerstaaten noch nicht zeitlich überlebt haben, aber mit zwei nachgewachsenen Generationen kann das widervereinigte Deutschland aufwarten. Ob die jungen Leute wohl selbst in diesem Bewusstsein leben?. Nicht nur für eine, im sächsischen Zwickau gebürtige Künstlerin ein Thema. Dazu Rieck-Sonntag rückblickend auf den 3. Oktober 1990: „Wie „begeht“ man so einen Tag? Für eine Einheit, die ich mir eigentlich anders gewünschthatte. Mit Fragen, aber auch mit Dankbarkeit, dass eine Deutsche Wiedervereinigung ohne Blutvergießen möglich geworden war, ging ich ins Atelier. Wohin sonst an einem geschenkten Tag?“ 

Eurydike und Orpheus (Bildquelle: Christine Rieck-Sonntag)

Im Oktober 2017 stellte die Künstlerin das Bild „Kuss der Deutschen Einheit“ in Frankfurt an der Oder aus. Und lies die Betrachter assoziieren. Die Gesprächsinhalte von damals zeichnete Christine Rieck-Sonntag auf. Und „Zeichnen“ sei hier wortwörtlich verstanden. Eine Serie aus Bildern des Zueinander-Findens, Gegenüber-Stehens, Eins-Werden und Werden-Wollen ist daraus entstanden.

Größtenteils unbetitelt, laden sie nun ihrerseits im Passauer Kulturmodell die Betrachter zum Nachdenken ein. Die Ausstellung von Christine Rieck-Sonntag ist noch bis 31. März jeweils Donnerstag bis Sonntag 14–17 Uhr und nach Vereinbarung geöffnet. Eintritt frei.