Und Goethe, die Manns und die Rolling Stones machen Kultur daraus. Öffentliche Ringvorlesung an der Universität Passau zur Wirkungsgeschichte des „Faust“-Stoffes

(von Tobias Schmidt)

Wissensdurstiger Wahrheitssucher, bisweilen mutiger Grenzüberschreiter dann wieder grenzenlos verzagt, Frauenheld, Bundesgenosse des Teufels Mephistopheles, literarisches Abziehbild, und darum eben auch Quälgeist so ziemlich aller Abiturienten-Exegeten in der Bundesrepublik, und für manche sogar der Inbegriff des deutschen Wesens – zumindest auf der Theaterbühne.

Ganz schön viel, was man dem historischen Dr. Faust da andichtet. Unweit von Karlsruhe (seinerzeit ein Teil der Pfalz, heute Baden) soll er Ende des 15. Jahrhunderts aufgewachsen sein; und sein Tun als wandernder Wunderheiler, Alchemist, Magier, Astrologe und Wahrsager führte ihn wohl bis ins Fränkische. Doch viel ist über die historische Gestalt Johann Georg Fausts (ca. 1480-ca. 1541) nicht gesichert bekannt. Die Erzählungen und Sagen um seinen Pakt mit dem Teufel schossen ins Kraut. Was mit den Jahren zu einem durchaus ansehnlichen Musenschatz anwuchs, beginnend mit der 1587 erschienenen „Historia von D. Johann Fausten“, dem Schauspiel des englischen Dramatikers Christopher Marlowe, einem gewissen Freiherrn von Goethe, der von einer Puppenspielfassung auf dem Jahrmarkt fasziniert, insgesamt zweiundsechzig Jahre an dem Stoff und zwei Dramen feilte, Vater und Sohn Thomas und Klaus Mann, die jeweils Motive in einem Roman verspannen. Die Tonsetzer Liszt, Gounod und Berlioz seinen noch erwähnt. Letzterer bitte nicht zu verwechseln mit jener Figur, die in Michail Bulgakows alle Gewissheiten auf den Kopf stellender Sowjet-Faustiade „Meister und Margarita“, ihren Kopf einbüßt.

Julius Nisle “Der Teufelspakt“ Stahlstich, 1840 (Quelle: Rütting & Loening)

Ein wunderbarer Roman, der die Rolling Stones zu einem bekannten Song, und Randy Newman, Meister des gehässig genäselten Novelty-Songs, gleich zu einem ganzen Liederzyklus inspirierte… Womit diese Liste übrigens längst noch nicht vollständig ist. Ob deshalb die Stadt München heuer ein „Faust-Festival“ mit über 100 Events veranstaltet? So ganz ohne irgendeinen Goethe-Geburtstag oder ein Editionsjubiläum und nur sehr schwachen Bezügen des Faust-Stoffes zu Bayern? Nun ist der selbst recht untätige, die beständig wirkende Tatkraft seines mephistophelischen Bundesgenossen preisende „Akademiker-Beau“, dieser permanent Wissensdurst mit Erfahrungshunger verwechselnde, dieser zaudernde und irgendwie auch bindungslose Mensch Faust eben auch ein Typ für unsere Zeit. Und darüber hinaus auch noch popkulturtauglich. Was und wie sehr er das alles ist, lässt sich nicht nur in München erfahren, sondern auch in der Dreiflüssestadt.

Anton Kaulbach “Faust und Mephisto“, Öl auf Leinwand, Ende des 19. Jahrhunderts (Quelle: Auktionshaus Hampel)

Prof. Dr. Andrea Siebert, Professur für Ältere Deutsche Literaturwissenschaft und Prof. Dr. Hans Krah, Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Passau laden im Sommersemester zur öffentlichen Ringvorlesung „Faust. Von 1587 bis 2018“. Vom 17. April an bis 3. Juli werden Wissenschaftler aus Passau, Münster und Berlin die Wirkungsgeschichte des Faust-Stoffes vom Spätmittelalter bis in die aktuelle Gegenwart beleuchten. Die Vorträge finden jeweils am Dienstag, 18-20 Uhr, im Hörsaal 2 des Gebäudes Innstraße 25 (Philosophicum) der Universität Passau statt. Eintritt frei. Weitere Informationen auch unter: www.phil.uni-passau.de/aeltere-literaturwissenschaft