Ariadne von Schirach seziert „Die psychotische Gesellschaft“ im Scharfrichterhaus

(von Tobias Schmidt)

Wir leben in einer Welt, die mehr als je zuvor und nun auch beinahe überall auf dem Planeten dem Primat der Wirtschaft folgt. Selbst aktuelle, auf nachhaltigen Klimaschutz angelegte Kampagnen, sind so gesteuert, dass sie optimale Reichweiten bei Mediennutzern erzielen. Da mag man zwar freitags für die Zukunft des blauen Planeten auf die Straße gehen, doch der Kampf um die Aufmerksamkeitsökonomie tobt sieben Tage die Woche.

Die zunehmend durchökonomisierte Welt tangiert uns nicht nur mit Waren, Nachrichten, Handelskriegen und wenig erquicklichen ökologischen Szenarios, nein, sie hat auch von unserem Innern Besitz ergriffen. Wir vermessen uns selbst nach Marktkategorien. Wohl weil wir recht aktionistisch eine Welt bearbeiten wollen, von der wir glauben, dass sie genau so, nach Angebots- und Nachfragekategorien „tickt“. Doch kommt vor dem Bearbeiten nicht das Verstehen? Kommt da nicht erst das bewusste Auf-durchdringende-Distanz-Gehen von Ich und Welt? Weg vom Alarmismus, der „Empörokratie“ von SocialMedia und der allgemeinen Krisenstimmung, um wieder zu entdecken, wer man selbst und wer man selbst in echter, großer Gemeinschaft ist. Man besinne sich also, das Verhältnis zur gegenwärtigen, ziemlich aufgekratzten Welt neu zu justieren, um diese nachhaltiger zu verändern.

Buchcover

Seit Mitte der 2000er Jahre analysiert die Autorin und Hochschullehrerin Ariadne von Schirach die großen Zeitläufte. Ihre Bücher drehen sich um die Sexualisierung der gesellschaftlichen Gegenwart, oder sie rufen zum mutigen agenda setting im eigenen Leben auf. Von Schirach geht es dabei stets um den Zustand der Freiheit in den westlichen Gesellschaften, und wie diese entweder unter ihren Möglichkeiten bleibt oder überstrapaziert wird. In ihrem aktuellen, im Berliner Tropen Verlag erschienenen Buch „Die psychotische Gesellschaft. Wie wir Angst und Ohnmacht überwinden“ macht die Autorin eine kollektive Identitätskrise aus, die in der fortschreitenden Ökonomisierung der Moderne wurzelt. Und so finden wir uns, laut von Schirach, in einer Gesellschaft wieder, deren Mitglieder weder wissen, wer sie sind, noch was sie sollen, und deshalb unfähig sind, mit sich, miteinander und mit ihren natürlichen Lebensressourcen bewusst, wertschätzend und angemessen umzugehen.

Wo führt das hin in dieser gern herbei geredeten Endzeit des Kapitalismus? Und: welche Chancen bietet das vielleicht auch? Am Montag, 29. Juli, stellt Ariadne von Schirach „Die psychotische Gesellschaft. Wie wir Angst und Ohnmacht überwinden“, im Scharfrichterhaus vor. Ein Sachbuch von der Neuerzählung der Welt, von der griechischen ‚poiesis‘, dem tätigen Erschaffen in unserer Zeit. Von der es ja semantisch nicht weit ist zur ‚Poesie‘, und von dort zu den Lebensträumen von uns selbstverliebten, weltverlorenen Weltenbezwingern. Denn zum Träumen fordert dieses Buch ebenfalls auf, soviel sei verraten. Beginn der Lesung ist um 20 Uhr; weitere Informationen und Karten sind unter www.scharfrichterhaus.de erhältlich.