(von Tobias Schmidt)

Neben ihren Buch- und Kalenderillustrationen ist die in Triftern im Landkreis Rottal-Inn lebende Malerin Rut Kohn vor allem für ihre Schraffurarbeiten mit Farbstift auf Sperrholz bekannt. Übrigens nicht nur auf, gern in Serie gearbeiteten, Gemälden: Die Kapelle des zwischen Haarbach und Ortenburg gelegenen Hof Grillenöd hat Kohn so ausgestaltet, und im Bereich der Objektkunst findet man diese Gestaltungstechnik zum Beispiel auf Schachteln mit frei wählbarer Schauseite. Stillleben, florale und literarische Allegorien sind nur einige Sujets Rut Kohns. Ihre pastellfarbenen Figurendarstellungen aus dem Alten Testament oder der jüdischen Sagenwelt lassen einen Moment an Marc Chagall denken. Und dann ist da auch noch „die zeichnende Semiotikerin“, die spielerisch Wortbedeutungen oder Formen der Buchstaben im Deutschen, Tschechischen oder Hebräischen ihren Bildern zueignet. Ist Kohns illustrierendes Werk voll davon, findet man derlei Kommentare in ihren Farbstiftarbeiten seltener, es lohnt aber auch hier, auf Spurensuche zu gehen. Vor einigen Jahren überraschte die Malerin mit einer Kanaldeckel-Serie. Ausgerechnet hier springen sie einen an, die Wappentiere und Ortsnamen, ausgerechnet auf einem Gegenstand, der das sich-seinen-Ort-suchende (Ab)wasser „verortet“. Soviel Hintersinn und Humor, in so mühevoll erstellten Kunstwerken? Denn Rut Kohn erzielt die Mischtöne ihrer Schraffurarbeiten, indem sie die Farbe zumeist in drei bis vier Schichten mit starkem Druck in die Fasern unbearbeiteter, gesperrter Holzplatten einreibt. Die Pigmente sind nicht pastos, die hernach schön zu sehende Interaktion von Linienführung, Maserung der Holzoberfläche und leuchtender Farbwirkung ist Ergebnis purer Kärrnerarbeit.

Die Malerin Rut Kohn bei der Eröffnung von „Umwege-Wege“, der Werkschau zum 80. Geburtstag

Rut Kohn, „Schlachthof II“, Farbstift aus Holz, 1983

Rut Kohn, „5 Messer“ aus dem Zyklus „Positionen“, Farbstift auf Holz, 2016

Rut Kohn stammt aus Mittelböhmen und arbeitete in Karlsbad und Prag zwölf Jahre lang als Kunstlehrerin. Mit ihrem Mann Pavel und den Kindern Rahel und David emigrierte sie 1967 in die Bundesrepublik. Rut Kohn konnte sich, frei allen kommunistischen Parteidiktats, ihrer künstlerischen Arbeit widmen. Der ersten großen Münchner Ausstellung 1977 folgten Einzelschauen und Ausstellungsbeteiligungen unter anderem in Paris, Salzburg, Zürich, Basel und Berlin. Seit dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ konnte Rut Kohn ihre Kunst auch wieder in der Tschechischen Republik zeigen. Der tschechischen Literatur waren beide Eheleute als Übersetzer, Kommentatoren beziehungsweise als Illustratorin verbunden. Waren es früher Autoren der oft im Selbstverlag publizierenden Exil- und Untergrundliteratur (Samisdat), so findet man heute Beiträge von Rut und Pavel Kohn an Neuausgaben des allegorischen Trostromans „Das Labyrinth der Welt und das Paradies des Herzens“ des mährischen Bischofs und Pädagogen Jan Amos Komenský/Comenius (1631) oder Karel Jaromir Erbens „Blumenstrauß nationaler Sagen“ (1853). Leben und Werk Franz Kafkas bilden seit den frühen 1980er Jahren ebenfalls eine Säule sowohl im grafischen als auch malerischen Werk Rut Kohns. Im Februar wurde Rut Kohn 80 Jahre alt, der Kunstverein Passau zeigt aus diesem Anlass noch bis 23. Juli 2017 eine Werkschau unter dem Titel „Umwege-Wege. Die Kunst von Rut Kohn“. in der St. Anna-Kapelle, Heiliggeistgasse 4. Zu sehen sind Arbeiten aus den Zyklen „Häuser“, „Positionen“ oder „Heraklion“ (mit Vorzeichnungen), ferner Kleinserien, (leider in zu geringem Umfang) Illustrationen und Einzelwerke, darunter „Anna“ ein 20-teiliges Epitaph für Opfer der Schoa sowie die Theresienstadt-Allegorien „Fenster“ und „Schlachthaus“. Es ist der Blick der Künstlerin auf Erlebnisse ihres Ehemannes Pavel Kohn, Überlebender der Konzentrationslager Theresienstadt, Buchenwald und Auschwitz. Zwei Porträts erinnern überdies an den wenige Tage vor der Vernissage gestorbenen Dramaturgen, Publizisten, Lyriker und langjährigen Redaktionsleiter der tschechoslowakischen Abteilung des Rundfunksenders Radio Freies Europa. Eine Besichtigung der Ausstellung ist jeweils Dienstag bis Sonntag, 13-18 Uhr bei freiem Eintritt möglich.

(Titelbild: Rut Kohn, „Granatapfel“, Farbstift aus Holz, 1984)

(Bildquelle: Schmidt)

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