Der Wahlkampf zur Bundestagswahl von außen betrachtet

Ein Kommentar von Stefan Häseli, Experte für Alltagskommunikation*

Drachentöter? Prinzessin? Oder doch das Superwahljahr 2017? Warum nicht alle drei zusammen? Denn wie alle vier Jahre wirft auch die Bundestagswahl im September diesen Jahres ihre Schatten bereits voraus. Der scheinbar niemals pausierende Wahlkampf geht derzeit wieder in die Vollen. Prognostiker und Analysten übertreffen sich derweil in noch vermeintlich präziseren Interpretationen und Wahlprognosen. Politische Interpretationen hin, Parteiprogramme her: Kann der Wahlkampf im Demokratievorbild Deutschland auf der kommunikativen Ebene punkten?

Wenn auch die Inhalte nicht immer zünden, zumindest die Inszenierung macht einiges her. Als TV-Ereignis, als politisches Spektakel in den Medien, als Dauerwahlkampf durch das Wahljahr davor in diversen Ländern. Betrachten wir die Parteien und ihre Zugpferde aus kommunikativer Sicht, fällt auf, dass sie den richtigen Tritt irgendwie noch nicht ganz gefunden haben.

Zugpferde aus dem Tritt
Da ist Merkels CDU, die kaum kommuniziert, sondern abwartend die Fehler anderer ausnutzt. Kommunikativ noch keine Meisterleistung.
Wenn ich die SPD mit ihrem Kurz-Zeit-Shooting-Star Schulz ansehe, zeigt sich, dass besagter Spitzenkandidat äußerst vage bleibt. Etwas mehr Gerechtigkeit, aber dann?
Die AfD, die offenbar ihre ganz großen Zeiten bereits hinter sich hat, sagt vor allem, was sie nicht will. Irgendwie fehlt hier die kommunikative Lösung, wie diese „Alternative“ wirklich aussieht. Keine Partei verwendet in ihren Statements das Wort „nicht“ oder „nicht mehr“ so oft wie sie.
Und die FDP? Inwieweit sie politisch aktiv ist, wage ich nicht zu beurteilen, man nimmt sie einfach nicht wahr.
Wenn ich an „Grün“ denke, kann ich zumindest das Wort zuordnen. Grün = Umwelt, die Karte wird gespielt. Inhaltlich vielleicht am klarsten, aber am wenigsten klar, was das Profil in einer Regierung ist.

Kommunikation im Wahlkampf: konkret, bitte!
Stellt sich die Frage, was in Anbetracht des fehlenden Tritts der etablierten Parteien im deutschen Wahlkampf überhaupt erfolgreiche Kommunikation auszeichnet? Ganz einfach und scheinbar doch so schwer: Gute Kommunikation beschreibt Absichten, Befindlichkeiten, Wünsche. Und dann so konkret wie möglich. „Was will ich?“ Das ist hier die Frage. Aber wo bleibt das?

Verallgemeinerung verliert langfristig
Allgemeinplätze zu bedienen, langweilt. Weil es so extrem berechenbar und nichtssagend ist. Irgendwie ja auch verständlich. So wird zumindest kommunikativ niemand ausgeschlossen. Denn wer ist nicht für mehr Sicherheit, mehr Gerechtigkeit, sichere Renten und so weiter. Aber: Wenn ich niemanden ausschließe, weil ich alle so allgemein anspreche, dass sich alle das eigene Rezept ausmalen können, verliere ich langfristig. Kurzfristig kann es natürlich funktionieren. Trump hat es vorgemacht. America first – den Rest können sich alle so denken, wie es ihnen gefällt. Er hat gewonnen – ob er auch wirklich ein erfolgreicher Präsident wird …?

Echte Leidenschaft statt gut geschliffen
Was ich nun wirklich noch vermisse, sind wahre Leidenschaft und Emotion. Klar, es werden gut geschliffen und trainiert Emotionen angesprochen. „Wir sind für mehr soziale Sicherheit“, „wir wollen wieder sicher sein“… Aber wo bleibt die Leidenschaft? Die echte Leidenschaft! „Ich will das Amt!“ – das hört man. Schade. Ich möchte hören: „Ich will euch etwas Gutes tun.“ Das soll nicht mit Worten erläutert werden, sondern in der Gesamtheit des Ausdrucks erlebbar sein.

Wenn Drachentöter und Prinzessinnen ins Spiel kommen
Warum nicht auf die „Prinzessinnen-Taktik“ setzten? Im Gegensatz zur „Drachentöter-Taktik“ ist sie nämlich durchaus auf längerfristigen Erfolg angelegt. In der Drachentöter-Taktik wird zuerst kommunikativ ein Feindbild aufgebaut. Die AfD beherrscht das Kunststück wohl am besten. Wobei die anderen durchaus Nachahmungspotenzial zeigen, indem sie wiederum die AfD zum Drachen machen. Dieses Feindbild kann bekämpft werden. Eine alte Taktik, die durchaus Wahlerfolge zeitigen kann. Allerdings haben wir das Problem, dass der Drache am Leben gehalten werden muss, sonst kann man ihn ja nicht mehr bekämpfen. Kann gut gehen, muss aber nicht. Längerfristig erfolgreicher dürfte da schon die Prinzessinnen-Taktik sein. Die „Prinzessin“ steht dabei sinnbildlich und symbolisch für Visionen, Träume oder einen schlichtweg emotional freudigen Zustand. Echt, ehrlich und für alle sehr erstrebenswert. Auch im Herzen. Wofür die Drachentöter-Taktik also zunächst ein Feindbild schafft, begeistert die Prinzessinnen-Taktik von Beginn an mit einem positiven Bild. Das hat Obama vor 9 Jahren geschafft. Und ein wenig hat es wohl auch Macron in Frankreich zu seinem Erdrutschsieg verholfen. Zugegeben: Kurzfristig ist der Drachentöteransatz oft erfolgreicher, längerfristig aber hat der „Prinzessinnen-Weg“ mehr Bewegungsenergie, denn Wählerin und Wähler wollen und verdienen letztendlich genau das: Prinzessinnen-Ideen, wahre Freude, positive Worte und konkret formulierte Ideen, die auch tatsächlich so kommuniziert werden, dass sie erstrebenswert sind. Aber immerhin: Es bleibt offen, spannend, es geht alles mit fairen und rechten Dingen zu. Das gefällt. Deutschlands Demokratie hat Stil, mobilisiert viele Menschen und die Politik beherrscht auch das Alltagsgespräch. Das soll so sein, denn Politik ist „allgemein“. Europa und die Welt brauchen das!

* Stefan Häseli regt als internationaler Speaker dazu an, wirkungsvolle Kommunikation im Alltag mit Spaß zu erleben. Dazu ist er Autor von zahlreichen Büchern und bekannt als Ratgeber in Radio- und TV-Sendungen; www.stefanhaeseli.ch

(Bildnachweis: stefan-haeseli.com)