Passauer Aktionskreis sagt „NEIN zu Gewalt an Frauen“

Passau. Die eigenen vier Wände sollten ein Ort der Sicherheit sein. Ein friedvoller Ort, an dem man sich zurückziehen kann. Doch viele Frauen erleben ihr Zuhause als einen Tatort, an dem sie permanent Angst haben müssen. Aktuelle Zahlen des Bundesfamilienministeriums belegen, dass etwa jede vierte Frau mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von körperlicher oder sexueller Gewalt wird. Alleine in Niederbayern verzeichnete die Polizei im Jahr 2019 über 1800 Fälle von häuslicher Gewalt. Zu 80 Prozent waren Frauen die Opfer. Täter sind oftmals der frühere oder der aktuelle Partner.

Auf diesen gesellschaftlichen Missstand, der sich im Zuge der Corona-Krise weiter verschärfen dürfte, macht der Passauer Aktionskreis „NEIN zu Gewalt an Frauen“ zum wiederholten Male aufmerksam. Wie schon in den Vorjahren nehmen die Partnerinnen und Partner den Internationalen Gedenktag gegen Gewalt an Frauen, der alljährlich am 25. November begangen wird, zum Anlass, um das Thema aus der Dunkelheit ans Licht zu holen. Denn bislang wird Gewalt gegen Frauen immer noch häufig als Tabuthema unter den Tisch gekehrt. „Doch mit Schweigen ist niemanden geholfen. Dem Opfer und auch dem Täter nicht. Die Gewaltspirale kann so kein Ende finden“, sagt Hildegard Weileder-Wurm, Frauenseelsorgerin im Bistum Passau und geistliche Begleiterin des Katholischen Deutschen Frauenbundes (KDFB) in der Diözese Passau. Leider sei immer wieder feststellbar, dass Angst und Scham die betroffenen Frauen am Handeln hindern. Die Covid19-Pandemie sorgt zudem für noch schwierigere Rahmenbedingungen. Wenn Unsicherheiten dominieren, fällt es Gewaltopfern unter Umständen noch schwerer, eigenständig Hilfsangebote in Anspruch zu nehmen. Deshalb sendet das Aktionsbündnis einen klaren Appell an jede einzelne und jeden einzelnen: Bleibt aufmerksam! „Gerade jetzt ist es wichtig, Augen und Ohren offenzuhalten. Trotz des Distanzgebots müssen wir hinschauen und hinhören – und im Zweifel lieber einmal zu viel einen Verdacht melden oder Hilfe anbieten, als einmal zu wenig“, betont Weileder-Wurm. Eine zentrale Anlaufstelle für weibliche Gewaltopfer ist das Passauer Frauenhaus. Das Frauenhaus ist für die Frauen und ihre Kinder ein sicherer Ort. Natürlich gelten im Frauenhaus die derzeit wichtigen Hygiene- und Abstandsvorschriften. Das macht die Arbeit manchmal etwas schwieriger, sagt Leiterin Selina Wagner. „Gerade bei Neuaufnahmen ist es schon eine andere Situation, wenn man wegen des Mundschutzes der Frau nicht richtig ins Gesicht sehen kann. Das erzeugt eine Blockade. Aber wir versuchen, das Beste aus der Situation zu machen.“ Mit Sorge hat sie beobachtet, dass zeitgleich zu den (Teil-)Lockdowns die Anfragen deutlich zurückgingen. Das führt die Leiterin des Frauenhauses darauf zurück, dass die Frauen keine Möglichkeit mehr hatten, sich Hilfe zu suchen oder eine Flucht zu planen, wenn der Mann im Homeoffice, wegen Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit ständig zu Hause war. „Sobald die Regeln gelockert wurden, hatten wir nach dem Lockdown im Frühjahr dann wieder eine Häufung von Anfragen“, sagt Wagner. In den letzten Monaten war das Frauenhaus so auch ständig voll besetzt mit Frauen, die allesamt einen langen Leidensweg hinter sich haben. „Wenn die Frauen bei uns sind, ist der erste Schritt getan. Doch viele berichten uns dann, wie lange sie gezögert haben, ob sie diesen Weg einschlagen sollen oder nicht“, so Wagner. Viele kommen aus Beziehungen, in denen sie systematisch klein gehalten, erniedrigt und verschiedene Formen weiterer Gewalt erdulden mussten.

Neben dem Frauenhaus engagiert sich auch der Verein Solwodi für Frauen, die dringend Hilfe benötigen. Solwodi stellt sich insbesondere an die Seite von Migrantinnen, die durch Verletzung der Menschenrechte wie Zwangsprostitution und Menschenhandel, Zwangsverheiratung und Bedrohung durch Ehrenmord, Ausbeutungssituationen, Gewalt in vielfältiger Form, Aufenthaltsprobleme oder sonstige schwierige Lebenssituationen, die die Frauen nicht alleine lösen können, in Not geraten sind. In Passau gibt es für diese Frauen eine Schutzwohnung, die laut Sr. Verena Bergmair, Leiterin der Passauer Beratungsstelle, in der gesamten Corona-Zeit durchgehend belegt ist. Sie schildert unter anderem, dass Frauen, die in der Prostitution arbeiten, mit der Schließung der Bordelle sowohl ihre Unterkunft als auch ihr Einkommen verlieren würden. Das Geld fehle in erster Linie dem Zuhälter, da die Frauen fast alles abgeben müssten. „Eine Frau hat uns erzählt: Der Zuhälter kam täglich zum abkassieren und machte jedes Mal eine Leibesvisitation, damit sie nirgends was verstecken konnte. Sollte es zu wenig sein, gab es Essensentzug oder Schläge. Das heißt für die Frauen: Sie müssen irgendwie zu Geld kommen oder Schulden beim Zuhälter machen und das dann später abarbeiten. Vielfach wird illegal weitergearbeitet – die Nachfrage ist da und auch der Druck der Zuhälter. So kommen die Frauen nicht raus aus der Abhängigkeit“, so Bergmair. Den Mitgliedern des Aktionskreises ist es ein Anliegen, derart unhaltbare Zustände öffentlich bekannt zu machen. Zugleich ist es ihnen wichtig, die Hilfsangebote immer wieder in den Fokus der Bevölkerung zu rücken. Auch vergleichsweise einfach umsetzbare Verhaltensweisen, die in potenziell gefährlichen Situationen auf einen gewalttätigen Partner deeskalierend wirken können, wollen sie aufzeigen. Ein Beispiel: Laut Petra Schmidt, der stellvertretenden Leiterin der Ehe-, Familien- und Lebensberatung in Passau, sei es sinnvoll, auf gegenseitige Schuldzuschreibungen und Vorwürfe bewusst zu verzichten und bei Konflikten auf die Formulierungen zu achten. „Ich-Botschaften sind die bessere Wahl. Man sollte also lieber sagen: ‚Ich fühle mich nicht verstanden‘ und nicht ‚Du verstehst mich nicht‘. Das hat bedeutend weniger Aggressionspotenzial“, so Schmidt. Auch generalisierende Vorwürfe seien fehl am Platz. Lieber sollte bei einer Diskussion die konkrete Situation benannt werden. Beispielsweise wird so der Vorwurf „Du bist nie für die Kinder da“ zu „In diesem Moment habe ich mich nicht unterstützt gefühlt“. Eine deeskalierende Wirkung kann zudem eintreten, wenn man in einer brenzligen Situation auf den Pausenknopf drückt und aus der Situation herausgeht. „Das muss allerdings ich selbst tun. Ich kann nicht mein Gegenüber zwingen, zu gehen“, so Schmidt.

Das Aktionsprogramm zum Internationalen Gedenktag musste kurzfristig angepasst werden. Der Informationsstand in einem Passauer Einkaufsmarkt und eine Filmvorführung müssen wegen der derzeit geltenden Regeln entfallen. Stattdessen wird es einen Online-Vortrag mit Selina Wagner geben, die über das Frauenhaus Passau als unverzichtbare Anlaufstelle für weibliche Gewaltopfer und ihre Kinder informiert. Auch ein Austausch und eine Diskussion sind im Rahmen des Online-Formats möglich. Der Vortrag findet am Mittwoch, 25. November, ab 19 Uhr statt. Eine Anmeldung ist bis zum 23. November beim KDFB-Diözesanverband Passau unter kdfb.passau@bistum-passau.de erforderlich. Daraufhin erhalten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer rechtzeitig per E-Mail alle wichtigen Instruktionen zum Vorgehen. Stattfinden kann zudem das traditionelle ökumenische Abendgebet, bei dem Gewalt als Menschenrechtsverachtung klar benannt werden soll. „Zudem wollen wir für die Opfer beten und unsere Solidarität zum Ausdruck bringen“, sagt Hildegard Weileder-Wurm. Das Abendgebet findet am Donnerstag, 26. November, um 18 Uhr in der Kirche St. Nikola in Passau statt.


Info: Zum Passauer Aktionskreis „NEIN zu Gewalt an Frauen“ gehören die Frauenseelsorge im Bistum Passau, die Gleichstellungsbeauftragten von Stadt und Landkreis Passau, amnesty international, der KDFB-Diözesanverband, das evangelische Dekanatsfrauenteam, pro familia, Solwodi, der Sozialdienst katholischer Frauen mit dem Frauenhaus, die VHS sowie der Weiße Ring.

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