Martin R. Dean liest im Scharfrichterhaus aus „Warum wir zusammen sind“

(von Tobias Schmidt)

Da ist dem Schweizer Schriftsteller Martin R. Dean fürwahr ein Kunststück gelungen. In „Warum wir zusammen sind“ gelingt es ihm die Vielgestaltigkeit, und Neurosen moderner Paarbeziehungen vor dem Hintergrund einer in gefühlter Schieflage befindlichen Welt analytisch zu beschreiben.

Der Titel gemahnt an eine soziologische Studie, doch handelt es sich um einen gut lesbaren Roman, der wie ein Ensemblestück im Theater beginnt: Auf einer Eislaufbahn und beim Bleigießen an Silvester werden verschiedene Paare eines Freundeskreises vorgestellt. Gemeinsam beschließen sie, in einem alten Hotel am Stadtrand einen „Sanssouci“ (frz. „sorgenfrei“) getauften Rückzugsort einzurichten, in dem sie zukünftige Lebens- und Liebesentwürfe umsetzen möchten. Doch mit den Jahren greift die Gewohnheit um sich, man zieht sich auf kleine vermeintliche Sicherheiten zurück, weil die immer wieder im Text durchscheinende große Zukunft der Welt am Beginn der 2010er Jahre alles andere als sicher erscheint. Mal kommen die Zweifel schleichend, dann wieder wie ein Paukenschlag – und immer setzen sie sich in den Paarbeziehungen fest.

Bestehen Liebe und Ehe den Lackmustest der Epoche? Martin R. Dean stellt den Architekten Marc und die Übersetzerin Irma in den Mittelpunkt. Beide feiern ihren zwanzigsten Hochzeitstag, auf der Feier verlautbart etwas über ihren gemeinsamen Sohn. Dies löst eine Kaskade von Geschehnissen aus, die Irma und Marc – mal jeder für sich, mal im Dialog – als Beobachtende begleiten. In der Krise der eigenen Paarbeziehung, werden plötzlich auch die Bruchstellen der befreundeten Paare sichtbar. Oder sind es doch nur andere Lebensstile, die die eigene Toleranz immer wieder herausfordern. Auch in ihrer Arbeit machen die beiden diese Erfahrung: in der Wertschätzung für architektonische Entwürfe und unternehmerischen Kalamitäten bei Marc. Und Irma, die sich am radikalen Realismus eines Autors in Gestalt obszöner Sprache abarbeitet. Auch hier also liest man von zwei eigentlich Vereinzelten, von zwei Zugängen der Bewältigung von Welt, die den Wagemut der Utopie nicht mehr zu kennen scheint. Es ist Matti, beider Sohn, der ihnen dieses vorhält. Der ficht am Internat bereits seinen eigenen Kampf um seine groß oder klein geratene Zukunft. Auch er in der Liebe und in Reaktion auf gesellschaftliche Krisen des frühen 21. Jahrhunderts.

Buch-Cover „Warum wir zusammen sind“ (Quelle: Jung und Jung)

Was nach einem Trauerspiel klingt, ist ein kluges, wie aus einer Beobachterperspektive lesbares Buch geworden. Mal erscheint dabei alles, wie unter einem Mikroskop, dann wieder so, als steige man auf eine Anhöhe, um unsere unsichere Welt in der Gesamtheit zu betrachten.

Am Mittwoch, 6. November liest Martin R. Dean im Passauer Scharfrichterhaus aus „Warum wir zusammen sind“. Die von der Buchhandlung Pustet und dem Passauer Pegasus präsentierte Veranstaltung beginnt um 20 Uhr. Karten zu 10,-/ermäßigt 8,- Euro sind unter Tel. 0851 5608913 oder per Email an passau@pustet.de reservierbar.

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