Johann Sebastian Bachs h-moll Messe beim Passauer Konzertwinter

(von Tobias Schmidt)

Stille lag im Frühjahr 1733 über Sachsen. Im Februar war Kurfürst August der Starke gestorben, und während der viermonatigen Staatstrauer war ein Aufführungsverbot für Musik verhängt worden. Johann Sebastian Bach war zu dieser Zeit Thomaskantor in Leipzig, und damit verpflichtet, regelmäßig zu Sonn- und Feiertagen kirchenmusikalische Kompositionen zu verfassen und aufzuführen. Ein ziemlicher Stress, den Bach durch gezieltes Umarbeiten („Parodieren“) früherer Musikpassagen aus dem eigenen Werk regelmäßig entkrampfte. Nun hatte er, der lutherische Kantor, also „unfreiwillig frei“, weil sein katholischer Landesherr gestorben war. Warum also nicht ein Bewerbungsschreiben als „Compositeur bei der Hof Capelle“ an den sicherlich bald installierten Nachfolger verfassen, und eine Komposition nach dem Geschmack der Dresdner beifügen. Bach verfiel auf den alten lateinischen Messtext, holte bereits vollendete mehrstimmige Chorsätze für (die im frühen Luthertum durchaus noch präsenten) Marienfeste aus der Schublade und legte los. Im Juni 1733 übersandte er das „Kyrie“ und „Gloria“ an Friedrich August I. mit der Bitte um ein „Praedicat von Dero Hoff-Capelle“. Drei Jahre später wurde es ihm gewährt, es ist daher anzunehmen, dass diese heute als „Missa I“ unter der Nummer BWV 232 im Bachwerkeverzeichnis geführte Komposition, na sagen wir, „dero Gnaden wohl delectirte“. Bach-Kenner werden sich jetzt verwundert die Augen reiben, denn BWV 232 gibt es ja noch einmal. Unter dieser Nummer firmiert auch Johann Sebastian Bachs letztes Vokalwerk, die vermutlich 1748/49 also etwa ein Jahr vor dem Tod ihres Schöpfers vollendete h-moll Messe. Das komplette Ordinarium ist hier vertont, mehrere Arien ergänzt, das „Kyrie“ zu Beginn und das und „Dona nobis pacem“ zum Abschluss sind jeweils fugiert. Wer genau hinhört erkennt, dass die ersten beiden Teile umgearbeitete Fassungen der „Bewerber-Messe“ von 1733 sind, aus der sich aber nach und nach DIE Blaupause einer großen Missa solemnis entwickelt.

Der Chor der Gesellschaft der Musikfreunde Passau (Foto: Atelier LICHTBOX, Passau)

Einziger erhaltener kompletter Bach-Autograph. Streit um Aufführungspraxis

Es ist überdies Bachs einzige Komposition überhaupt, von der ein vollständiger Autograph vorliegt. Das Manuskript dieses „ja irgendwie katholische Werkes“ wurde hundert Jahre nach Ableben des prototypischen Luther-Verklanglichers Bach vom calvinistischen preußischen Königshaus erstanden und wird bis heute in der Berliner Staatsbibliothek verwahrt. Ein Schatz für auf Schriftvergleich spezialisierte Musikforscher, seit 2015 UNESCO Weltdokumentenerbe und unter www.bach-digital.de übrigens auch für jeden Interessenten weltweit einsehbar. So kann man sich am Rätseln beteiligen, wie dieses Musikmonument denn am besten aufzuführen ist. „Monumental“ mit groß besetztem Chor und Orchester nach der philharmonischen Façon des 19. Jahrhunderts, oder mit „schlankem Originalklang“ und ausschließlich mit solistisch besetzten Stimmen. Der amerikanische Dirigent und Leiter des Arnstädter Bach-Sommers Joshua Rifkin las 1982 den „Chor“ im Autographen als „chorische Textinterpretation“ und gab der Welt eine h-moll Messe mit einem Sänger pro Stimme zu Gehör. Also Kantatenklang! Diese Auslegung entzweit die Bachforschung und das Publikum bis heute. Trotzdem erhält Rifkin just dieser Tage den renommierten Preis der Europäischen Kirchenmusik der Stadt Schwäbisch Gmünd. Nach welchem klanglichen Vorbild der Chor der Gesellschaft der Musikfreunde Passau die h-moll Messe gemeinsam mit dem Euridice Barockorchester der Anton Bruckner Universität Linz am Sonntag, 8. März in der Pfarrkirche St. Peter im Rahmen des diesjährigen Passauer Konzertwinters aufführen wird, sei hier noch nicht verraten. Mit den Sopranistinnen Theresa Pilsl und Julia Benkert, der Altistin Marketa Cukrová sowie dem Tenor Samir Bouadjadja und dem Bassisten Jaromír Nosek konnten jedenfalls exzellente Solisten für diese Aufführung gewonnen werden. Das etwa zweistündige Konzert mit einer Pause beginnt um 19 Uhr in der Pfarrkirche St. Peter, Neuburger Straße 118. Chorleiter Michael Tausch gibt um 16 Uhr, eine kostenlose Einführung in die 1633 komponierten Werkteile „Kyrie“ und „Gloria“. Um 17.15 Uhr folgen dann weitere sehr empfehlenswerte Informationen zu den späten Werkteilen der h-moll Messe also „Symbolum Nicenum“ (i.e. „Credo“, das christliche Glaubensbekenntnis) bis „Dona nobis pacem“.

Tickets sind in drei Preiskategorien zwischen 18,- und 33,- Euro erhältlich. Dieses Mal ausschließlich online unter www.okticket.de. Ausschließlich an der Abendkasse erhältlich sind außerdem Karten zu 10,- Euro für Schüler, Auszubildende und Studierende.  

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