Lesung mit Steffen Kopetzky aus „Propaganda“ und weitere Literaturveranstaltungen

(von Tobias Schmidt)

Wir befinden uns in den Vereinigten Staaten des Jahres 1971. Der durch Informanten aufgekommene Skandal um die Pentagon Papers lässt die amerikanische Gesellschaft endgültig an der Sinnhaftigkeit des Krieges im fernen Vietnam zweifeln. Was hat jener John Glueck, Protagonist in Steffen Kopetzkys neuem Roman „Propaganda“ damit zu tun? Der hatte sich ohne großen Widerstand festnehmen lassen, sitzt nun als Häftling ein, und schreibt ein Buch. Es sind seine Erlebnisse des Jahres 1944, als er gerade das Examen in der Tasche hat und, der deutschen Kultur seiner Vorfahren sehr zugeneigt, in den Zweiten Weltkrieg geschickt wird. Als Propagandaoffizier nahm er an der „Allerseelenschlacht“ in der Eifel unweit von Aachen teil. Sie fand im nach einer dortigen Siedlung benannten Hürtgenwald statt, und gilt mit rund 15.000 Toten bei US-amerikanischen Militärhistorikern bis heute als für das amerikanische Heer verlustreichster Kampfeinsatz im Zuge der Befreiung Westeuropas vom Nationalsozialismus. So etwas geht an den jungen Männern nicht spurlos vorbei, ein jeder kommt verändert aus dem „Blutwald“. Und als sich zwanzig Jahre später die Geschehnisse im Dschungelkampf in Vietnam einschließlich der zynischen Reaktionen der Politik wiederholen, da handelt John Glueck.

Man tut Steffen Kopetzkys „Propaganda“ Unrecht, wenn man ihn als historischen Roman abtut. Da ist der, in diese Wiederholung einer historischen Situation eingewobene ethische Appell, sich starren Befehlsketten durch Geheimnisverrat Ungerechtigkeit und drohendem Leid entgegen zu stellen. Weil es also um Whistleblowing geht, kommen einem natürlich Gestalten unserer Tage wie Chelsea Manning, Edward Snowden oder Julian Assange in den Sinn. Aber auch diese Parallelen greifen noch zu kurz. Vielmehr erzählt Kopetzky hier auch so etwas wie einen Entwicklungsroman der amerikanischen „Lost Generation“, jener Schriftstellergeneration, die für die Literaturgeschichte und die Ablösung des europäischen Kulturprimats nach dem Zweiten Weltkrieg prägend wurde. Lebensüberdruss, Mannbarkeitsdenken, Krieg, aber auch Abenteuerroman finden hier zusammen. Übrigens alles recht gut belegt: Ernest Hemingways Roman „Über den Fluss und in die Wälder“ ist eine ähnlich gestrickte Rückschau, und zwar von der Schlacht im Hürtgenwald zurück auf den Ersten Weltkrieg. Natürlich tritt der Kriegsberichterstatter Hemingway auch in „Propaganda“ auf. Jerome D. Salinger, der Autor des „Fänger im Roggen“ kämpfte in der Eifel. Ebenso wie John Gluecks in Deutschland geborener Kommilitone Heinrich – den die Literaturwelt später als Charles Bukowski kennen lernen wird. Ob es auch indianische Teilnehmer der Schlacht gab, ist nicht belegt. Doch ein solcher nimmt im Buch die zentrale Rolle des Freundes und Kampfgefährten ein: Van Seneca, ein in Harvard studierter Jurist, der Fährten lesen kann und die Gefahren des Waldes gekonnt zu umgehen weiß. Es gibt also durchaus so etwas wie Freundschaft in einer Welt von Krieg und Lüge. Vielleicht macht auch das aus John Glueck schließlich jenen Mann, der alle falsche Wahrheit hinter sich lässt.

Am Dienstag, 26. November stellt Steffen Kopetzky seinen Roman „Propaganda“ im Passauer Scharfrichterhaus vor. Die von der Buchhandlung Pustet und dem Passauer Pegasus präsentierte Veranstaltung beginnt um 20 Uhr. Karten zu 10,-/ermäßigt 8,- Euro sind unter Tel. 0851 5608913 oder per Email an passau@pustet.de reservierbar.

Rupert Schützbach (Foto: Staatliche Bibliothek Passau)

Und bitte vormerken: am gleichen Ort wird am 5. Dezember der tschechische Schriftsteller und Dramatiker Jaroslav Rudiš („Himmel unter Berlin“, „Vom Ende des Punks in Helsinki“, Szenario für den Comic und Rotoskopiefilm „Alois Nebel“) ebenfalls ein Historien- und Erinnerungspanorama vorstellen. „Winterbergs letzte Reise“ ist Rudišs erster auf Deutsch geschriebener Roman.

Auch im Café Museum stehen Ende November gleich mehrere Literaturabende auf dem Programm. Am Dienstag, 26.11. lesen dort die Thomas Bernhard-Freunde Passau Originalstellen zum Thema ‚Kartenspiel‘ aus den Werken des großen österreichischen Dramatikers und Querdenkers. Am 30.11. stellen Bettina Mittendorfer und Barbara Dorsch lesend, singend und musizierend ‚kleine Leute‘ vor, die die Texte von Erich Mühsams, Heinrich Lautensacks, Lena Christs oder Oskar Maria Grafs bevölkern. Passaend zum Ort, inklusive so mancher Wirtshausszene. Fast sechsundachtzig Jahre alt ist der Lyriker, Aphoristiker, Kulturpreisträger von Stadt und Landkreis Passau sowie ehemalige Zollbeamte Rupert Schützbach. „Ohne Gott geht gar nichts“ ist seine Dämmerschoppen-Lesung (Beginn schon um 18 Uhr!) am 1.12. überschrieben. Weitere Informationen und Kartenreservierung unter www.cafe-museum.de  

Barbara Dorsch und Bettina Mittendofer (Foto: Privat)