Im Interview: Ingo Anderbrügge, Ex-Bundesligaprofi, UEFA-Cup-Sieger und ausgebildeter Fußballlehrer

Für zahlreiche Kinder und Jugendliche gibt es auf die Frage, was sie später einmal werden wollen, nur eine Antwort: Fußballprofi. Wenn sie den Sprung dann tatsächlich in den Leistungsbereich schaffen, fehlt ihnen jedoch häufig ein Plan B nach der Karriere. Zu den ehemaligen Bundesligaspielern, die im Anschluss an ihre aktive Laufbahn ein neues Standbein aufbauen konnten, zählt Ingo Anderbrügge. Der UEFA-Cup-Sieger von 1997 gründete bereits vor über 20 Jahren die Fußballfabrik und setzt sich unter anderem für mehr Bewegung und besseres Ernährungsbewusstsein bei Kindern und Jugendlichen ein. Wie sich sein Weg zum Unternehmertum gestaltet hat, was hinter dem Konzept „Fußballfabrik“ steckt und wie die Digitalisierung den Fußball sowie die Nachwuchsarbeit beeinflusst, darüber spricht Anderbrügge unter anderem im folgenden Interview.

Wie hat sich für Sie der Übergang vom Bundesligafußballer zum Unternehmer gestaltet?
„Bereits während meiner Profilaufbahn hatte ich die Gelegenheit, ersten Kontakt mit dem Unternehmertum aufzunehmen. Im Jahr 1990 – zu der Zeit war ich als Leistungsfußballer aktiv – habe ich einen kleinen Shop zur Ausstattung von Nachwuchsmannschaften der Sportvereine aus der Umgebung betrieben. Schon als Junge war ich selbst begeisterter Besucher von Sportgeschäften. Hier ist dann auch mein Wunsch gereift, die Kinder nicht nur mit Trikots auszustatten, sondern sie auch zu trainieren und Themen gemeinsam mit ihnen zu erarbeiten. Als Unternehmer habe ich schließlich mein großes Hobby und meine Leidenschaft Fußball zum zweiten Mal zum Beruf gemacht. 1997 gründete ich dann die Fußballfabrik und bin bis heute mit voller Leidenschaft dabei. Ich sehe mich dabei weniger als Chef oder Unternehmer, sondern als Trainer eines Teams, das an einem Strang zieht.“

Was genau ist die Fußballfabrik?
„Um es in drei Worten oder nach unserer Philosophie auszudrücken: ‚Training. Lernen. Leben.‘ Bei unserer Fußballfabrik handelt es sich um eine Fußballschule mit Sitz in Recklinghausen, die Kindern im Alter von 5 bis 15 Jahren deutschlandweit Fußball altersgerecht näherbringt. Dazu setzen wir in Kooperation mit den jeweiligen örtlichen Vereinen mehrtägige Camps um. Wir achten dabei besonders darauf, dass wir neben Trainingsinhalten auch Werte über den Sport hinaus vermitteln. Unsere Mitarbeiter und Trainer schulen wir hierzu regelmäßig selbst und gewährleisten so die einheitliche Umsetzung unseres Leitsatzes. Für dieses vielfältige Herangehen an den Fußball und unsere themenübergreifenden Programme haben wir als erste Fußballschule überhaupt das ‚GUT DRAUF‘-Label der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung erhalten. In unseren Camps geht es demnach um mehr als nur Fußballtraining. Wir verknüpfen die drei Bestandteile Training, Lernen und Leben so miteinander, dass die Mädchen und Jungen auch Wissen abseits des Spielfelds aufnehmen. Dabei steht die Vorbereitung auf das Leben im Mittelpunkt. Hierfür führen wir während der Camps immer wieder Seminare zu Themen wie Bewegung, Ernährung oder Stressregulierung durch. Außerdem gehören Einblicke in Schule, Ausbildung oder Berufsleben ebenso dazu wie die individuelle Persönlichkeitsentwicklung und die Förderung des Umgangs miteinander sowie des Verantwortungsbewusstseins. Inhalte erarbeiten wir gemeinsam mit den Teilnehmern, der Spaß steht dabei stets im Vordergrund.“

Müssen die Kinder Vorkenntnisse mitbringen oder sind die Fußballcamps für jeden etwas?
„Durch unser Konzept, in dem wir verschiedene Varianten – Basis-, Besten- oder Elitecamps – anbieten, sorgen wir sowohl bei Fußball-Anfängern als auch bei Straßenkickern oder Vereinsspielern für viel Freude. In den Basiscamps beispielsweise, die die Grundlage bilden, trainieren die Kinder innerhalb einer mehrtägigen Veranstaltung so viel wie sonst in mehreren Wochen Vereinstraining. Hier haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zudem die Möglichkeit, sich für die nächste Stufe der Camps zu empfehlen. In den sogenannten Bestencamps dürfen dann auch nur Kinder teilnehmen, die eben eine Empfehlung hierfür von unserem Trainerteam in einem der Basiscamps erhalten haben, Auswahlspieler in ihrer Region oder in der für die Jugend höchsten Spielklasse aktiv sind. Selbiges gilt dann für die weitere Stufe, die Elitecamps. Auch für Torhüter bieten wir spezielle Trainingseinheiten an.“

Welches Geschäftskonzept steckt hinter der Fußballfabrik?
„Das Unternehmen Fußballfabrik funktioniert als Franchise-System. Motivierten Gründern, die ihr Hobby zum Beruf machen möchten, bieten wir gerne unsere Unterstützung an, als ‚Local Hero‘ mitzuhelfen, Kindern den Fußball und wichtige Werte näherzubringen. Unsere ‚Local Heroes‘ haben sich wie wir der Philosophie ‚Training. Lernen. Leben.‘ gewidmet und setzen diese in ihrer jeweiligen Region unter der Marke Fußballfabrik um – gleichzeitig sind sie unsere Franchise-Partner. Sie betreiben ihre eigenständige Fußballschule und erhalten zur Durchführung der Camps unser erprobtes Ausbildungskonzept. Zusätzlich stellen wir ihnen fachliches Know-how sowie ein Programm mit allen Planungsprozessen zur Verfügung.“

Wie können Eltern ihre Kinder am besten unterstützen?
„Wir bringen den Teilnehmerinnen und Teilnehmern in unseren Camps unter anderem mehr Selbstständigkeit näher. Von daher achten wir sehr darauf, dass Kinder und Eltern für die Zeit des Camps ab einem gewissen Punkt ‚getrennte‘ Wege gehen. Das zeigt sich beispielsweise darin, dass der Nachwuchs bei der Begrüßung als geschlossene Gruppe zusammensitzt, während die Erziehungsberechtigten und Geschwister sich im Hintergrund aufhalten. Auch das Tragen der eigenen Fußballtasche oder Jacke sind kleine, aber wirkungsvolle Anzeichen für mehr Selbstständigkeit. Darauf sollten Eltern auf jeden Fall auch zu Hause achten, um den Kindern zu vermitteln, dass man immer etwas selbst tun muss, um etwas zu erreichen und zu schaffen. Wird das Ziel erreicht, stärkt es das Kind, und es baut zusätzlich Selbstbewusstsein auf. Das kann beispielsweise schon das eigenständige Packen und Ausräumen der Sporttasche sein.“

Wie hat sich die Nachwuchsarbeit im Fußball in den letzten Jahren verändert?
„Die Betrachtung des Durchschnittsalters der Bundesligakader verdeutlicht, dass Spieler mit immer geringerem Alter ins Profigeschäft einsteigen. Zum einen ist dies auf die gute Nachwuchsarbeit zurückzuführen, zum anderen ist der Wunsch nach frischen, jungen Spielern in den Vereinen groß. Durch professionalisiertes Scouting, Leistungszentren und Fußballakademien wird der Nachwuchs von Beginn an beobachtet und gefördert. Das ermöglicht den Vereinen eine weitreichende Planung für die Profimannschaft und ist auf lange Sicht finanziell ein guter Aspekt, denn das Talent muss sonst später von einem anderen Verein teuer eingekauft werden. Und gerade das scheint in den vergangenen Transferperioden immer mehr auszuarten.“

(Foto: Fußballfabrik, Training Lernen Leben)

Worauf ist die Entwicklung des Nachwuchsfußballs zurückzuführen?
„Der Umschwung kam allen voran in den vergangenen 20 Jahren. 2000 galt der deutsche Fußball als unmodern. Es folgten hohe Investitionen, ein radikales Umdenken und die Pflicht für jeden Erstligisten, ein Nachwuchsleistungszentrum einzuführen. Dazu kamen neue Strukturen bezüglich der Nachwuchsförderung in der Lizenzordnung, unter anderem durch die Einstellung hauptamtlicher Jugendtrainer. Die Rahmenbedingungen für Jugendspieler wurden zudem durch medizinische Abteilungen professioneller. Wenig später galten die Regeln in leicht abgeänderter Form auch für die zweite Liga. Das schafft guten Nährboden für die Spieler, die Profis werden wollen, und für eine individuelle Suche und Förderung von Talenten, von der nicht nur der Verein, sondern auch der Spieler im Idealfall profitiert.“

Was können Kinder aus dem Fußball fürs Leben mitnehmen?
„Fußball ist ein Mannschaftssport, in dem Teamgeist und Verantwortung gegenüber sich selbst und dem Team ganz oben stehen. Das gemeinschaftliche Gefühl der Kinder wird gestärkt, zeitgleich lernen sie, an ihre Grenzen zu gehen, zu trainieren und dass Bewegung wichtig ist. Das Zusammenspiel all dieser Faktoren macht einen richtigen Fußballer erst aus.“

Welche Werte verändern sich in Zeiten der Digitalisierung?
„Natürlich erleben wir es tagtäglich, dass die Kinder immer mehr hinter Smartphones und Laptops hängen. Dennoch hat die Digitalisierung auch positive Aspekte, denn mit dem digitalen Wandel kamen auch neue Geräte wie beispielsweise Fitnesstracker, die Trainer und Spieler über den genauen Leistungsstand informieren können. So fallen mögliche Optimierungsansätze schneller auf und können individuell trainiert und verbessert werden. Das soll dabei nicht als Überprüfung oder Kontrolle dienen, sondern die steigende Wissbegier von Kindern und Jugendlichen stillen. Fragen wie ‚Wo liegen meine Schwächen?‘, ‚Wie kann ich mich verbessern?‘ oder ‚Habe ich meine Leistung aus dem letzten Monat oder Jahr gesteigert?‘ können auf diese Art und Weise beantwortet werden. So ähnlich wird dies auch mithilfe eines Chips im Trikot bereits getestet. Dieser sammelt Daten während des Spiels von den jeweiligen Spielern, die dann während Live-Übertragungen für die TV-Zuschauer als Analyse ebenfalls in Echtzeit angezeigt werden. Ob und wann dies auch in der Bundesliga eingesetzt wird und inwiefern Spieler und Vereine von den gesammelten Daten profitieren können, bleibt abzuwarten.“

Weitere Informationen unter: www.fussballfabrik.com


Fußballfabrik Deutschland GmbH
Die 1997 von Ingo Anderbrügge gegründete und seither von ihm geführte Fußballfabrik mit Sitz in Recklinghausen veranstaltet deutschlandweit Fußballcamps für Kinder im Alter von 5 bis 15 Jahren. Bei der Ausbildung achtet die Fußballfabrik darauf, den Mädchen und Jungen Werte, die über den Fußball hinausgehen, zu vermitteln, und richtet sich dabei stets nach ihrer Philosophie: „Training. Lernen. Leben.“ Dies spiegelt sich in den während der Camps durchgeführten Seminaren zu den Themen Bewegung, Ernährung und Stressregulierung sowie altersgerechtem Training in kleinen Gruppen wider. Auch die Mitarbeiter schult die Fußballfabrik immer wieder selbst und gewährleistet so die Umsetzung der Philosophie. Zur Realisierung der Camps arbeitet das elfköpfige Team der Fußballfabrik gemeinsam mit seinen Franchisepartnern, den „Local Heroes“, die in ihrer jeweiligen Region das vorhandene Konzept erfolgreich umsetzen.