Erich Hackl erzählt in „Am Seil“ die Geschichte einer Rettung. Lesung im Scharfrichterhaus am 21. September

(von Tobias Schmidt)

Der österreichische Schriftsteller Erich Hackl verarbeitet in seinen Erzählungen stets authentische Geschichten. Schicksale und Wechselfälle des Lebens, nüchtern und doch mitfühlend erzählt, wurden seien Bücher bereits in 25 Sprachen übersetzt und sind in Österreich zum Teil Schullektüre.

Während der uruguayischen Militärdiktatur „verschwundene“ Kinder („Sara und Simon“), ein 1933 in Hackls Geburtsstadt Steyr ausgesetztes Zigeunerkind („Abschied von Sidonie“), zwei KZ-Häftlinge, die im Lager offiziell den „Bund fürs Leben“ schlossen („Die Hochzeit von Auschwitz“), oder eine Mutter, der die eigene Tochter den Ansprüchen an ein selbstverwirklichtes Leben nicht genügt, und die sie deshalb tötet („Auroras Anlaß“, Hackls 1987 erschienenes furioses Debüt) – es sind solche Stoffe, die Erich Hackl gekonnt, bisweilen in Berichtsform, dann wieder mit fiktionalen Dialogen angefüllt beschreibt.

Lucia Heilman, etwa 1940 (Foto: Privatbesitz Dr. Lucia Heilman)

Hackls Analyse steht dabei zumeist zwischen den Zeilen der schmalen, in Zürich bei Diogenes verlegten, und von einer hierzulande kleinen aber treuen Leserschaft wertgeschätzten Bände, zu lesen. Im Juli erschien mit „Am Seil“ eine neue Erzählung. Sie erzählt vom Kunsthandwerker und Alpinisten Reinhold Duschka (1900-1993), der während des NS-Zeit über mehrere Jahre hinweg die Jüdin Regina Steinig und deren Tochter Regina in seinen Räumlichkeiten im Werkstatthof im sechsten Wiener Bezirk versteckte, und sie so vor der Deportation in ein Vernichtungslager bewahrte. Die Zeitzeugin Dr. Regina Heilman, berichtete Hackl diese Geschichte ihrer Rettung. Hackl kam ihrem Wunsch nach, daraus ein Porträt des aus Berlin stammenden, begeisterten Bergsteigers Reinhold Duschka zu machen.
Er beschreibt einen Mann, der planvoll und mit ruhiger Selbstverständlichkeit notwendige Hilfe leistet, Risiken der Selbstgefährdung zu kalkulieren weiß, und trotzdem noch dem Mädchen Regina ansatzweise unbeschwertes Kindsein ermöglichen will. Für Regina war es auch eine Geschichte langer Tage ungewissen Wartens, in denen lautes Kinderlachen in den leeren Hallen des Werkstatthofs das Versteck der Familie verraten hätten.

Regina Steinig und ihre Tochter Regina, ca. 1940 (Foto: Privatbesitz Dr. Lucia Heilman)

Bücher sind die Rettung, und Reginas „Literaturkurier heißt: Reinhold Duschka. Nun war dieser Mann war just um jene Worte verlegen, aus denen nun einmal ein Schriftsteller seine Arbeiten schöpft. Dennoch versteht es Erich Hackl, die stille Beharrlichkeit, mit welcher Duschka diese auf ungewissen Zeit und Überleben oder Untergang angelegte Notgemeinschaft gestaltete, in Worte zu fassen. Aus Vertrauen erwachsene gegenseitige Verantwortung prägt sein Handeln. Das Ethos des Bergsteigers gerät in dieser Erzählung zu einem wunderbar klar heraus gearbeiteten Leitmotiv. Eines mit dem Anspruch, auch heute Zivilcourage zu lernen und zu leben.

Reinhold Duschka (Foto: Privatbesitz Familie Janous)

Am Freitag, 21. September, liest Erich Hackl im Passauer Scharfrichterhaus aus „Am Seil“. Die von der Buchhandlung Pustet und dem Passauer Pegasus präsentierte Veranstaltung beginnt um 20 Uhr. Karten zu 10,-/ermäßigt 8,- Euro sind unter Tel. 0851 5608913 oder per Email an passau@pustet.de reservierbar.