„I look at war“ von Mads Holm und Paula Duvå in der Soiz-Galerie

(von Tobias Schmidt)

Der Krieg kommt uns wieder näher. Seit den 1990er Jahren ist das bereits so. In der Epoche nach dem Kalten Krieg machte der Zweite Golfkrieg mit seiner merkwürdigen, durch Nachtsichtkameras abgelichteten, semi-virtuellen Ästhetik des embedded journalism den Anfang einer neuen Art von Dokumentation aus heißen Konfliktherden. Geographisch viel näher, aber auch medial sehr viel konkreter war uns Zentraleuropäern der kriegerische Zerfall Jugoslawiens. Dann folgten Diskussionen um bis heute aufrecht erhaltene Auslandseinsätze der Bundeswehr.

Mads Holm „Schnöggersburg II“, 2016

Es folgten Flüchtlinge, und 1993 die Neufassung des Grundrechts auf Asyl (nach heftigen gesellschaftlichen Diskussionen ähnlich wie heute). Fünfundzwanzig Jahre später sinkt zwar die Zahl der bewaffneten Konflikte, dennoch ist die Welt kein friedlicherer Ort. Und auch in den westlichen Demokratien brodelt es. Gesellschaftliche Auflösungserscheinungen allerorten, der Autoritarismus feiert fröhliche Urständ, stoßt mal ins terroristische, mal ins nationalistische Horn. Müssen wir Krieg heutzutage womöglich begrifflich und darum auch bildästhetisch weiter fassen, um ihn zu verstehen?

Paula Duvå „Monday Breakfast: Oats, milk, apple“, 2016

Die dänischen Fotografen Mads Holm und Paula Duvå tun genau dies. In ihren als work in progress angelegten Fotoserien fragen sie nach dem Davor und Danach von Krieg. Nach seinen Wurzeln und Folgen im gesellschaftlichen Alltag. Und nach ungewöhnlichen, Fragen provozierenden Motiven. Beginnen wir beim Titel ihrer Gemeinschaftsausstellung, aus der Teile gerade in Passau zu sehen sind. „I look at war“ (dt. „Ich schaue Krieg an“) scheint dem Betrachter bereits eine Perspektive vorzugeben. Und zugleich zu sagen: Du schaust nur von Außen auf alles hier Gezeigte. Ein schlichter „Ich“-Satz, der zugleich Distanz manifestiert – das sitzt! Distanz vermitteln auch die Motive: Auf den Bildern ist wenig Kriegsgerät zu sehen. Und noch weniger Menschen. „Barrier operation“ von Mads Holm etwa zeigt das noch im Bau befindliche Übungs- und Kampfsimulationszentrum Schnöggersburg in der Altmark. Rohbauten mit Kanalisation, Flugplatz, einige hundert Meter U-Bahn, auf dem Ortsplan verzeichnete Elendsviertel, ein (warum auch immer ausgerechnet an eine Moschee erinnernder) Sakralbau… Alles auf sechs Quadratkilometern in die Landschaft gestellt, um Nah- und Häuserkampf zu trainieren. Hier will jemand irgendeinen Krieg in irgendeiner Zukunft mit System angehen. Womöglich in ganz reale Kriege zurück geschickt werden die Bewohner des Udrejsecenter Sjælsmark, eines Abschiebezentrums für abgelehnte Asylbewerber in Hørsholm nördlich von Kopenhagen. Paula Duvås Serie „Dining in Deportation Center Sjælsmark“ zeigt dort standardisiert auf blauem Tablett angerichtete und abgelichtete Mahlzeiten. Drei Mahlzeiten täglich von Montag bis Sonntag plus einmal Muffins für „besondere Anlässe“ ergibt 22 Exponate über „Systemgastronomie“ der etwas anderen Art. Zugleich sind dies 22 Bilder über ein Danach irgendwelcher sehr gegenwärtiger Kriege irgendwo auf der Welt. Die Bilder der zwei Fotografen führen dem Betrachter die eigene distanzierte Perspektive auf den alltäglichen Unfrieden vor Augen. Zum Frieden findet man nur, wenn man eine moralische Haltung zum Gesehenen entwickelt.

Mads Holm „Uniform I“, 2016

Betont man den Ausstellungstitel „I look at war“/„Ich schaue Krieg an“ einmal vorn auf dem „ich“, kommt auch diese Dimension der Bilder dieser Fotoausstellung in Sicht. Die Arbeiten von Mads Holm und Paula Duvå sind noch bis 27. Juli 2018, jeweils Mittwoch bis Freitag 15–19 Uhr und Samstag 11–15 Uhr oder nach Vereinbarung in der Soiz Galerie, Schustergasse 19, bei freiem Eintritt zu besichtigen. Nähere Informationen auch unter: www.soiz.de.