Zum 90. Geburtstag: Radierungen von Arnulf Rainer bei Kunstprojekte Leyerseder

(von Tobias Schmidt)

Hauzenberg. Es gibt Liebespaare, die sich bewusst Auszeiten voneinander nehmen, um die Frische ihrer Beziehung als fortwährende Neuentdeckung des Anderen nicht zu verlieren. Es gibt Kunstfreunde, die hin und wieder ein ihnen wichtiges Bild im Haus verhängen, um sich auch weiterhin daran satt zu sehen, anstatt es irgendwann satt zu haben. Aber muss es immer gleich so ein kontrollierter Verzicht sein, um einer Verlustangst beizukommen?

Braucht es zeitlich beschränkte Preisgabe der Präsenz von etwas Lieb und Teurem, um sich seiner Essenz immer wieder rück zu versichern? Der Künstler Arnulf Rainer fand in den frühen 1950er Jahren einen ganz eigenen Weg. Er übermalte Bilder, oder malte sie gar gänzlich zu. Rainer nutzte dazu Kopien bekannter Gemälde, Ikonen der Fotografie oder auch eigene Werke. Auf den ersten Blick ein frevlerischer, ja grausamer Akt, ein Sich-an-etwas-vergehen um Es-sich-zuzueignen. Doch denkt man einmal genauer nach, steckt mehr dahinter: da ist das anteilig oder gänzliche Unsichtbarmachen eines Bildes – was jedoch in seinem Rahmen und angestammten Platz, also „präsent“ bleibt, und so für den Betrachter neu und zugleich auch immer noch (nur eben verändert) da ist. Da wird per Übermalung eine neue, bedeutungstragende Form einem Bild beigeben, ein Kreis ein Kreuz, gar ein Schriftzug. Einmal folgen diese den Bildlinien, dann wieder setzen sie sich bewusst davon ab. Und immer wird so ein Originalkunstwerk aus einer Vergangenheit, sagen wir, aus der beim Museumsbesuch eingenommenen Betrachtungshaltung in die aktive Auseinandersetzung der Jetztzeit geholten.

Man könnte auch wie eingangs behaupten, die Frische der Beziehung (des Betrachtenden) wird als fortwährende Neuentdeckung des Kunstwerks gepflegt. Oder in Worten Arnulf Rainers: „Ich habe das übermalt, zu dem ich eine Beziehung hatte. Für mich sind das keine Aggressionen, sondern Verheiratungsformen. Es geht nicht darum, das andere zu vernichten, sondern um einen Dialog, aus dem sich etwas Neues herausbildet. Übermalungen sind sicher auch Neuschöpfungen.“ Mit diesem jahrzehntelang fortentwickelten Ansatz hat sich Arnulf Rainer in die Kunstgeschichte der Gegenwart eingeschrieben.

Am 8. Dezember wird der weltbekannte Maler, der im oberösterreichischen Enzenkirchen lebt und arbeitet und ein Atelier in Schloss Vornbach hat, 90 Jahre alt. Kunstprojekte Leyerseder zeigt aus diesem Anlass eine Auswahl von Radierungen Arnulf Rainers im Ausstellungsraum Grubweg 3 in Hauzenberg. Eröffnung ist am Freitag, 27. September 2019 um 19 Uhr. Eintritt frei; Anmeldung erbeten bei Galeristin Sigrun Leyerseder unter Tel. 08586 979805 oder info@kunstleyerseder.de. Danach kann die Ausstellung bis 6. Oktober jeweils täglich von 17 bis 19 Uhr sowie nach Vereinbarung besucht werden; ab 07. Oktober nach Vereinbarung.