Trauen Sie diesen Bildern nicht!

Ein halbfiktionales Island zeigt „Northern Drifting“ von Julia Baier. Aktuell in der Soiz Galerie

(von Tobias Schmidt)

Fotografien werden gern für Abbilder der Wirklichkeit gehalten. Mindestens ebenso gern aber auch für auf Film oder in einer Datei festgehaltene, ein Realitätsmoment übersteigende Sinnbilder. Aus dieser Zwickmühle kommt das Medium bereits seit seiner Entstehung nicht heraus. Man könnte auch sagen, die künstlerische Fotografie hat es sich darin ganz hübsch eingerichtet, schöpft sie doch aus dem Spiel mit dem an sie gestellten Authentizitätsanspruch immer wieder aufs Neue kreatives Potenzial. Zugegeben, einige Sujets sind eher weniger „verdächtig“, Landschaften etwa. Weshalb sie diese „eigentlich nie sonderlich interessierten“, so die Fotografin Julia Baier am 2. März bei der Eröffnung der Ausstellung „Northern Drifting“ in der Passauer Soiz Galerie.

Nothern Drifting (Bildquelle: Baier)

Die Landschaftsfotografie zeigt. Die Bilder, der in den 1980ern im Passauer Stadtteil Hals aufgewachsenen, heute in Berlin arbeitenden Fotografin changieren gern einmal zwischen den Sujets: In ihrer Langzeitdokumentation für die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen ist auch Architekturfotografie enthalten, Baiers zweites dokumentarisches Projekt zu Badekulturen der Welt („Der stete Tropfen“ und „Water Matters“, 2016 bereits in der Soiz Galerie zu sehen) spielte nicht nur mit dem Duktus des Spontanen, Ungestellten wie die Street Photography, es finden sich auch Landschaften darin – feuchte und durchnässte, im Wasser gespiegelte, von der Kamera nur im Anschnitt erfasste sowie im Kopf des Betrachters imaginierte.

Nothern Drifting (Bildquelle: Baier)

Doch zurück zu „Northern Drifting“. Und zum „eigentlich“. Die Schwarz-Weiß-Bilderserie entstand 2015 im Rahmen eines Künstlerstipendiums auf Island. Die Lage der Insel auf zwei auseinanderdriftenden Kontinentalplatten schuf hier eine sich permanent wandelnde, extreme Landschaft: Vulkane, Geysire, schwarzes Lavagestein trifft auf Schnee, Moosflechten auf harten Fels, heißes Wasser auf kalte Luft. Starke Kontraste der Elemente, das wünscht sich jeder Fotograf. Aber in Veränderung und Bewegung begriffene Landschaft, erfordert das nicht ein anderes Medium? Julia Baier versuchte dem zu entsprechen, indem sie mit der Panoramafunktion ihres Mobiltelefons aus einem fahrenden Auto heraus fotografierte. Die Resultate sind verblüffend: Zerklüftete Felsmassive, Spuren und Bruchkanten in der Schneedecke. Und eben auch: Häuser mit Dachgauben, wo zuvor keine waren, aus einem Telegrafen- oder Strommast wird eine durchs Bild marschierende Masten-Armee und ein See ist zum Wasserrinnsal geschrumpft. Schnell wird klar: Trauen Sie diesen Bildern nicht! Obschon es sich um von der Fotografin „gefundene“ Landschaften handelt, wurde hier doch so manches von der Kamera „hinzu erfunden“. Hier ist unsere im Bild überlieferte Vorstellung von „schöner Natur“ herausgefordert, weil sie sich als Ergebnis digitaler Rechenleistung offenbart. Hier ist nichts „bukolisch“, „dramatisch“, „dekorativ“ oder „überzeugend“, hier ist nur noch Pixel. Authentizität und Fiktion kommen gleichermaßen ins Wanken. Jedoch Narration steckt durchaus in diesen Bildern. In einem der Musik als tönender Zeit oder der aus der Literatur bekannten ‚Erzählzeit‘ (der Lese- oder Vorlesedauer eines Textes–Anm.d.Red.) artverwandten Sinn.

„Northern Drifting“ arbeitet mit der Ästhetik des Fehlers. Und der des Films. In einem Künstlergespräch erläuterte die aus Passau stammende Fotografin Julia Baier (l.) ihre Arbeit (Foto: Schmidt)

Nothern Drifting (Bildquelle: Baier)

Wer genau hinschaut, sieht die ungewöhnlichen Längenformate der Fotografien. Sie sind durch das willkürliche Betätigen des Auslösers an Anfang UND Ende der Bildaufnahme entstanden. Womit diese Bilder weit jenseits des Cartier-Bresson’schen „moment décisif“ liegen, sondern kurze Zeitverläufe abbilden. Ihre Tendenz zum Filmischen ist offenkundig, sie gehen dabei aber nicht als „Standbilder“ durch. Vielmehr dokumentieren sie die Bildgenese nicht mehr als Motivfindung und –entwicklung (wie etwa bei einem Kontaktabzug), sondern als Widerstreit von optischer Linse und Prozessorleistung des Aufnahmemediums.

Nothern Drifting (Bildquelle: Baier)

Julia Baiers eigens gebildete und eingebildete intermedialen Landschaften aus der Serie „Northern Drifting“ sind noch bis 20. April jeweils Mittwoch bis Freitag 15 – 19 Uhr und Samstag 11 – 15 Uhr in der Soiz Galerie, Schustergasse 19, zu sehen (www.soiz.de). Eintritt frei.

Nothern Drifting (Bildquelle: Baier)