Die Passauer Soiz Galerie zeigt Arbeiten des preisgekrönten Fotografen Ingar Krauss

(von Tobias Schmidt)

Auch wenn es uns von der schreibenden Zunft schmerzt, manchmal sind Bilder wunderbar subtil, wo die Sprache einfach nur brutal ist. So beschreibt etwa das Französische das „Stillleben“ als „nature morte“, also kurz und bar jeglichen Euphemismus als „tote Natur“.

Wie anders sind da die demnächst in der Passauer Soiz Galerie ausgestellten Stillleben-Fotografien von Ingar Krauss: Diese Ansammlung matt über einem Strick hängender Lauchstengel schaut beinahe wie ein Vorhang aus. Rekelt sich der Mäusebussard, oder fliegt er schon in einer jenseitigen Welt? Und da, ein Grashalm, der mit einem kopfüber aufrecht stehenden Hecht zu tanzen scheint! Schließlich wäre noch der Schattenriss zweier einander Zuneigung bekundende Blattstiele. Wobei aber drei abgelichtet sind – sind da grad zwei bei einer „Gemüseaffäre“ ertappt worden?

Ingar Krauss “Wanderarbeiter“, Klaistow 2007

Seit 2010 arbeitet der 1965 in Ost-Berlin geborene Foto-Autodidakt Ingar Krauss an solchen besonderen Stillleben mit szenischem Porträtcharakter. Dazu baut er bühnenartige Kästen, in denen er natürliches Licht so einfängt, dass es zum subtilen Akteur eines stillen Schauspiels wird. Seine analogen Schwarzweiß-Fotografien entwickelt er selbst auf mattem Silbergelatinepapier und bearbeitet jeden Abzug von Hand mit einer Lasur aus Ölfarbe. Das Ergebnis verblüfft, weil es an altmeisterliche Malerei gemahnt, Materialität „porträtiert“, und die Vorstellung von der „Fotografie als zweiter Natur“ aus der Anfangszeit dieser Kunstform in Erinnerung ruft.

Ingar Krauss “Robinienzweige“, Zechin 2016

Fassen wir’s humorvoll zusammen, dann ließe sich die Ausstellung auch übertiteln: „Still gestanden und Antreten zur fotografischen Wiederbelebung!“

Krauss arbeitet in Berlin und in Zechin im Oderbruch, nahe der polnischen Grenze. Und vielleicht liegt es ja an seiner jahrelangen Tätigkeit als Betreuer in der Psychiatrie, dass er Mitte der 1990er Jahre zum Medium Fotografie, insbesondere zur Porträtfotografie fand. Heranwachsende, „Wanderarbeiter“ in der Ukraine oder jugendliche Strafgefangene in Russland waren seine Themen kurz nach der letzten Jahrtausendwende. „Von den Kindern weiß man nichts“ hieß eine frühe Ausstellung, die aufmerken ließ – melancholische Gesichter, still, entweder wach, aber unnahbar oder beinahe wie innerlich gestorben. Und verortbar irgendwo zwischen dem brutal-dokumentarischen „Mugshot“ und „Stillleben-Porträts“. Für derlei Serien erhielt Krauss u.a. Arbeitsstipendien der Villa Rosenthal in Jena oder der Robert-Bosch-Stiftung sowie den Leica Preis des Grand Prix International de Photographie. Ingar Krauss‘ Fotografien waren bislang in Einzel- und Gemeinschaftsausstellungen bundesweit sowie in Großbritannien, Frankreich, Italien, Schweden, Österreich und den USA zu sehen. Die den Betrachter förmlich anspringende Reduktion, der überzeitliche Charakter der Motive bei sichtbar werdender Empathie für Modelle – egal ob vital und nicht mehr ganz so lebendig – überzeugen.

Ingar Krauss, „Kastanienknospen“, Zechin 2015

Die zuletzt in Berlin und Warnemünde gezeigte Werkschau „Lichtungen“ mit Fotoarbeiten von Ingar Krauss eröffnet am Freitag, 20. September in der auf zeitgenössische Fotografie spezialisierten Soiz Galerie. Sie ist dann noch bis einschließlich 25. Oktober 2019, jeweils Mittwoch bis Freitag 15–19 Uhr und Samstag 11–15 Uhr oder nach telefonischer Vereinbarung unter Tel. 0851 21051990 in der Soiz Galerie, Schustergasse 19, bei freiem Eintritt zu besichtigen. Nähere Informationen auch online unter: www.soiz.de  

Ingar Krauss, „Tomate“, Jena 2014