Ulrike Anna Bleier legt mit „Bushaltestelle“ einen lakonischen, stellenweise unheimlichen Familienroman vor. Lesung im Scharfrichterhaus

(von Tobias Schmidt)

Lange kannte man die Kölner Autorin Ulrike Anna Bleier unter dem Pseudonym Greta von der Donau. Unter diesem, einst für ein musikalisch-literarisches Bühnenprogramm und Radiomoderationen gewählten Namen, gewann die gebürtige Regensburgerin 2007 den exil literaturpreis Wien. Dem seither mehrere Kulturpreise, Arbeitsstipendien und Residenzen sowie die Einzelveröffentlichungen „Fränkie und das Wesen der Dinge“ und „Miriam – Prosa und Poetologie“ (beide 2014) folgten.

Nachdem es Bleiers, in der Viechtacher edition lichtung erschienener Debütroman „Schwimmerbecken“ 2017 auf die Hotlist der zehn besten Bücher aus unabhängigen deutschsprachigen Verlagen schaffte, ist die Schriftstellerin auch einem weiteren Leserkreis bekannt. Im September 2018 erschien in der edition lichtung ihr Zweitling „Bushaltestelle“. Sie erzählt darin eine, diesseits und jenseits der bayerisch-tschechischen Grenze angesiedelte Familiengeschichte über vier Generationen. In deren Mittelpunkt steht Elke, die von ihrer mittlerweile über 80-jährigen Mutter Theresa nie richtig wahrgenommenen wurde. Es gibt keine wörtliche Rede in den kurzen Kapiteln; das Leben Theresas wird in der Du-Form erzählt, gerade so als würde die Tochter die Mutter direkt ansprechen. Dabei treten auf: Ein abwesender Vater, Geschwister, die mal einander zu nahe sind, und sich dann jeder auf seine Weise „aus der Geschichte stehlen“. Ein traumatischer Unfall und eine ebensolchen Geburt, der mit dem ungeliebten Ehemann gezeugten Tochter, der der zweite, abgöttisch geliebte Sohn folgt.

(edition lichtung)

Bleier erzählt nicht linear, sondern verschränkt diese Mutter/Du-Kapitel mit Elkes, in der 3. Person Singular erzählten Geschichte. Das Mädchen hat früh eine Antwort auf das ewige Übersehen-Werden gefunden: die aus der Psychologie bekannte Dissoziation. Auf einer Busfahrt, tritt sie das erste Mal aus ihrem eigenen Körper heraus. Erfährt Schutz und Souveränität aus innerer Distanz zum Geschehen. Elke wird fortan zur Beobachterin, die sich gerade in den Mutter/Du-Kapiteln mit nüchterner, deutender Beschreibung das familiäre Terrain ihrer Existenz beharrlich zurück erobert. Eines Tages verlässt sie die Familie, nimmt eine neue Identität an, und begibt sich auf die Spur ihrer in der Tschechischen Republik lebenden Tante. Das Ephemere des Reisens und Präsenz durch Unsichtbar-Werden werden so von der Autorin leitmotivisch weiter entwickelt. Das Geschehen um Elke erscheint zunehmend unheimlich, je mehr Unheilvolles in den Du-Passagen berichtet wird. Aber auch in Elkes eigener Geschichte sind da immer wieder Busfahrten, tschechische Wörter, denen Elke ganz nach innen gewandt nachdenkend nachlauscht, die ihrer Familie aber seltsam fremd bleiben. Ein tschechisches Kinderlied über vom bösen Wassermann geholte Kinder spielt eine Rolle – nachvollziehbar in einem Buch über ein übersehenes Kind, dass zur unsichtbaren Frau Elke wird. Aber dann verschwindet auf einmal ganz real ein Kind. Alles erzählt in lakonischem Tonfall, mit voran gestellten Ein-Wort-Kapitelüberschriften, wie „Zoobesuch“, „Arme“, „Kleiderbügel“, die so unschuldig daher kommen, hinter denen sich aber Schilderungen der erstmaligen Dissoziation Elkes, von Eltern-Kind Beziehungen und Suizid verstecken… Man begreift: Die auf ihre Familie und schließlich auch den Leser erfassende Souveränität Elkes, dieser Abwesenden, Vergessenen, Ungesehenen, liegt in der Sprache.

Ulrike Anna Bleier wird „Bushaltestelle“ am Mittwoch, 7. November im Passauer Scharfrichterhaus vorstellen. Die von der Buchhandlung Pustet und dem Passauer Pegasus präsentierte Lesung beginnt um 20 Uhr. Karten zu 10,-/ermäßigt 8,- Euro sind unter Tel. 0851 5608913 oder per Email an passau@pustet.de reservierbar.