Arbeiten von Karl Weigl und Václav Fiala in der St. Anna-Kapelle vor. Noch bis 21. November

(von Tobias Schmidt)

Passau. Zwei etwa hüfthohe Marmorkegel des Bildhauers Václav Fiala aus dem westböhmischen Klatovy empfangen die Besucher der aktuellen Doppelausstellung des Kunstvereins Passau in der Passauer St. Anna-Kapelle. Sie scheinen eine Art Tor zu bilden, hinein in eine Welt, in der irdische Materialität sehr präsent, unser menschliches Zeitverständnis indes heraus gefordert ist.

Fiala steuert hierzu mittelgroße Steinskulpturen bei (seine überlebensgroßen, stark „architektonisch beeinflussten“ Holzarbeiten waren 2008 am gleichen Ort zu sehen). Ei- oder wellenförmig gearbeitete Objekte aus Tiefengestein, mit ausschließlich glatt polierten Oberflächen, denen eine gewisse, von diesem Künstler so bislang nicht gesehene, Leichtigkeit zu eigen ist. Und egal ob weiß, rötlich oder tiefschwarz, es ist offenkundig, die Farbe dieses Materials wurde durch geologische Aktivität in Zeiträumen geformt, die der menschliche Geist Mühe hat, sich vorzustellen, weil sie unseren, auch kollektiven Erinnerungsräumen enthoben sind.

Václav Fiala “Sleeping“ (verschiedener Marmor, 2012) – Foto: Schmidt

Doch ist dies alles irgendwie nur das Proöm für den zweiten Künstler dieser Ausstellung, den Eggenfeldener Maler Karl Weigl. Er treibt das Nachdenken über Zeitläufte und Erinnerungsspuren noch einmal weiter. Auch Weigl nutzt ein Sediment, um Dasein in der Zeit zu versinnbildlichen: Torf. In Moorlandschaften als Brennstoff, Medizinprodukt oder für den Gartenbau abgebaut, gräbt man sich dort auf einen Meter Tiefe etwa 1000 Jahre in der Zeit zurück. Als „Pigment gewordene Zeit“ und entgegen der Grabrichtung waagerecht auf den Malgrund gebracht, wird Torf in Weigls Bildern zum Zeitstrahl.

Was ursprünglich, in der Erde dem menschlichen Blick entzogene, schwer durchdringliche Schichtung war, wird hier fassbare Historie. Jedoch, es fehlen Markierungen, „die Menschheit“ hat sich hier irgendwie noch nicht „eingeschrieben“. Vielmehr sind die Betrachtenden aufgefordert, dies selbst zu tun. Nicht ohne Anleitung, denn Torf auf monochromem Grund in Tiefblau oder Schwarz, mit Blattgold akzentuiert und in eine – anhand der Nummernsequenz der Bildtitel nachvollziehbare – Reihung gesetzt, entsteht in der Kapelle so etwas wie ein Rhythmus in der historischen Zeit. Was wäre, wenn man diese Installation als „grafische Partitur“ auffasste und musikalisch zum Klingen brächte?

Václav Fiala “Two variable points“, (Syenit, Carrara-Marmor), 2017 (Foto: Kunstverein Passau)

Einige Arbeiten aus dem Zyklus „Erfindung des modernen Staats“ tragen die Namen großer Denker der politischen Ideengeschichte, etwa Jean Jacques Rousseau oder Thomas Hobbes. Weitere, im Kreuzgang führen Philosophen oder Schriftstellern im Bildtitel. Karl Weigl setzt hier Akzente eher in Weiß oder lässt sogar die transparenten Malgründe sichtbar werden. Andere wiederum hängen so, dass man sie umschreiten und von allen Seiten betrachten kann (was ausnehmend gut zu den Plastiken Václav Fialas passt!).

Es ist also auch die intellektuell erschlossene Zeit und selbst die utopische Gemeinschaft von Staatsbürgern, die hier mit eingeschlossen, und zu welcher die Besucher der Ausstellung mit eingeladen sind. Nota bene: das griechische Wort „Utopie“ ist in seiner Bedeutung „Nicht-Ort“ ja ebenfalls eine raumzeitliche Kategorie.  (griech. „Utopie“ , von utopischen (Vorstellungen).

Karl Weibl “Der Rhythmus der Zeit, 1-09-2011“, Zeit, Torf, Blattgold, Glas, Pigmente, 2018 (Foto: Kunstverein Passau)

Die kuratorisch ausgesprochen gelungene Doppelausstellung noch bis einschließlich Samstag, 21. November jeweils Dienstag bis Sonntag 13-18 Uhr in der St.-Anna-Kapelle, Heiliggeistgasse 4, zu besichtigen. Eintritt frei

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