„Heil – vom Koma zum Amok“ – Sigi Zimmerschieds neues Kabarettsolo über den Zusammenhang von Einsamkeit, enttäuschter Lebensbilanz und Gewalt

(von Tobias Schmit)

Auf der Bühne: ein aus Fliegenklatschen bestehender Blumenstrauß. Was nach einem Sinnbild kleinbürgerlicher Spießeridylle aussieht, wird im Laufe des Kabarettabends noch zum Mordinstrument. Denn „Heil – vom Koma zum Amok“ das aktuelle, 19. Soloprogramm von Sigi Zimmerschied ist eine Theaterstudie über die Ursprünge von Gewalt.

Wie bei dem Passauer Kabarettisten üblich, wird die Geschichte einer Bühnenfigur erzählt. Die heißt Sigi Heil, ist einsam und verbittert und schickt sich gerade an, ihren 65. Geburtstag zu begehen. Statt Geburtstagspost erhält Sigi Heil seinen recht mickrig ausfallenden Rentenbescheid, was Anlass zu einer Tirade gibt. Denn Arbeit ist nun einmal auch Identitätsstiftung zu eigen, und die lautet bei Sigi Heil dem Türsteher, und späteren Kammerjäger: „Scheiß Image! Jeder braucht dich, aber keiner will mit Dir gesehen werden“. Bis hierher ist das noch sozialkritisches Spiel, bis hierher tut er einem noch leid, dieser Mensch, dessen Berufsleben ein einziger Hintereingang gewesen sein muss. Doch dann greift Sigi Heil zur Fliegenklatschen-Blume, triumphiert, als er das Erdendasein eines Insekts beendet. Dem folgt der Griff zur Schnapsflasche mittels deren Inhalts sich Sigi Heil den eigenen Bruder, einen Bundeswehrkameraden, den Pfarrer und die Exfrau als Geburtstagsgratulanten herbei säuft. Dem an sich selbst gerichteten Ständchen zum Ehrentag folgt schnell die Eloge auf sich selbst. Und weil der Berufserfolg eines Kammerjägers nun vor allem im „Ausrotten“ besteht, brechen sich Heils Tötungsphantasien hier schnell Bahn. Auf der Suche nach potenziellen Opfern wird sogar noch das Kruzifix zum Legitimationsinstrument von Gewalt: schließlich hänge dort im Herrgottswinkel nicht der Welterlöser sondern ein Anlassgeber für historische Massenmorde. Da entgrenzt sich vor unseren Augen die dunkle Seite eines Menschen, während der sich ins Koma säuft – rückwärts, also „vom Ende her“ gelesen übrigens „Amok“.

Dies ist ein Bühnenprotokoll einer Radikalisierung; „Heil – vom Koma zum Amok“ behandelt enttäuschte Lebensbilanzen und soziale Abstiegsangst, die sich eben nicht nur „dumpf“, sondern mit beißender Ironie auf Feindbildsuche begibt. Und weil verbale, physische und psychische Gewalt auch im öffentlichen Diskurs so manchem Zeitgenossen wieder als probates Mittel erscheint, hat dieses finstere Programm über die Selbstermächtigung eines abgründig Einsamen gerade jetzt ihre Zeit.

„Heil – vom Koma zum Amok“ von Sigi Zimmerschied hat am 9. April um 20 Uhr im Passauer Scharfrichterhaus Premiere. Weitere Vorstellungen von Mittwoch, 10.April bis Samstag, 13. April. Bis Jahresende dort am 7./8. Juni, 14./15. Juni, am 6., 13., 20., 27. Juli und danach nochmals am 8./9. und 29.November sowie am 7., 13./14., 20./21. Dezember jeweils ab 20 Uhr zu sehen. Karten sind beim Kulturbüro des Scharfrichterhauses, Tel. 0851 35900 oder online unter www.scharfrichterhaus.de und www.reservix.de erhältlich.

×

(Anzeige)