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Weg mit dem Atommüll – aber wohin?

Blicken wir kurz zurück ins Jahr 2011. Wir alle haben sie gesehen, die schrecklichen Bilder des Atomunglück im japanischen Fukushima. Was eigentlich spätestens nach Tschernobyl (1986) hätte passieren müssen, beschloss Merkels Bundesregierung praktisch über Nacht. Beinahe die Hälfte aller deutschen Atomkraftwerke wurden schlagartig vom Netz genommen. Die übrig gebliebenen Atommeilern wurden per Gesetz feste Abschaltdaten bis Ende 2022 zugewiesen. Doch noch immer wurde eine ganz zentrale Frage nicht beantwortet: Wohin mit dem Atommüll?

Eine parteiübergreifende Expertengruppe beschäftigt sich jetzt seit mehr als zwei Jahren mit den Kriterien für die Auswahl eines Endlagerstandortes. Noch in diesem Monat will die Gruppe, unter dem Vorsitz von Ursula Heinen-Esser (CDU) und Michael Müller (SPD), dem Bundestagspräsidenten ihren Abschlussbericht unterbreiten.

2013 trat das Standortauswahlgesetz in Kraft. Man war sich einig, dass bei der Auswahl eines Standortes für ein Atomendlager ausschließlich ‚wissenschaftsbasierte Kriterien’ heranzuziehen sind – vernünftig und richtig.

Doch jetzt, kurz vor dem Ende der Kommissionsarbeit, scheint dieser jahrelange Konsens wieder gefährdet zu sein; der Freistaat Bayern spielt da nicht mehr mit und sucht sich offenbar ‚eigene’ wissenschaftliche Kriterien und Erkenntnisse.

Die Endlagerkommission war sich einig. In Deutschland gibt es grundsätzlich drei mögliche Gesteinsarten, in denen man radioaktiven Müll einlagern kann: Tongestein, Salzgestein und vulgo Granit (kristallines Gestein). Dabei wird dem Salz und dem Ton die größte Fähigkeit beigemessen, radioaktives Material (übrigens nicht die Behälter selbst sondern die sogenannten radioaktiven Nuklide) über mehr als eine Million Jahre von der Atmosphäre abzuschirmen.

Granit hat zwar den Nachteil, viel zu oft von Spalten oder Rissen durchzogen zu sein, durch die Wasser eindringen kann, doch sprechen auch hier fachliche Gründe dafür, warum eine solche Gesteinsart durchaus noch mit im Spiel bleiben sollte. So sehen es beispielsweise auch die Länder Schweden und Finnland, denn dort werden bereits Atomendlager im Granitgestein fleißig gebaut. Doch was Experten in diesen Ländern offensichtlich für gut genug befinden, ist nicht gut genug für den Freistaat Bayern. Kein Wunder, denn im gesamten Freistaat gibt es eigentlich nichts anderes als Granit im Boden.

So wundert es nicht, dass der Freistaat Bayern vor ein paar Tagen zum bevorstehenden Bericht der Endlagerkommission noch schnell ein Sondervotum eingereicht hat mit dem Ziel, Granit als Gesteinsart von der Liste zu streichen. Doch daraus wurde nichts. Die Endlagerkommission des Bundestags hat es Ende Juni abgelehnt, ein Endlager in Granit auszuschließen. So rückt auch wieder der Saldenburger Granit in den Fokus.

Niemand will ein Atomendlager vor seiner Tür. Das steht fest. Doch auch Bayern muss sich in Erinnerung rufen, von der jahrelangen Atomkraft profitiert zu haben – das wie kaum ein anderes Bundesland. Nach dem Motto ‚ sollen doch andere Länder die (Alt-) Lasten der Energiewende tragen’ ist nicht zielführend, genauso wenig wie Windräder durch eigene Abstandsregelungen zu verhindern oder notwendige Stromleitungen von Nord nach Süd als ‚Monstertrassen’ zu bezeichnen und sie nicht zu wollen.

Dieses Vorgehen von Bayern hat jetzt auch zur Folge, dass sich andere Bundesländer bereits überlegen, ihren Konsens in der Atommüllfrage nochmals zu überdenken und sich sogar von den ‚wissenschaftlichen Kriterien’ ganz zu verabschieden. Dies hätte dann zur Folge, dass die Expertenkommission per se in Frage gestellt würde. Jahrelange Arbeit wäre auf einen Schlag vernichtet, das Ringen um die Kriterien eines Endlagers würde ganz von vorne beginnen.

Im Hinblick auf das definitive Abschaltjahr 2022 wären das keine guten Aussichten. Schließlich geht es in diesen sechs Jahren nicht nur darum, ein in erster Linie physikalisch sicheres Endlager zu finden, sondern dies auch noch zu bauen – ebenso ‚sicher’. Ganz Deutschland hat von Atomstrom profitiert. Ganz Deutschland ist in die Pflicht genommen, diese Last zu tragen und für das Endlager einen sicheren Ort zu bestimmen. Dazu zählt auch der Freistaat Bayern. Wenn zahlreiche Experten auf dem Gebiet Atomenergie und Entsorgung zum Schluss kommen, in Bayern ein Atommüll-Endlager entstehen zu lassen, und auch die politischen Gremien sich dazu einigen, dann ist es so. Denn der Atommüll wird sich nicht in Luft auflösen. Wir als betroffene Einwohner hätten damit zu leben. So wie wir über viele Jahre hinweg damit gelebt haben, in unmittelbarer Nähe ein Atomkraftwerk stehen zu haben.