Sind Bürgerwehren tatsächlich die Lösung? (Bild: iStockPhoto.com)

„Bürger, (ver)wehrt euch!“

(Aus dem Tagebuch von Franz M.)

3. Januar 2016
So eine Bürgerwehr ist schon eine feine Sache. Jedenfalls für uns Mitglieder. Mitte des letzten Jahres habe ich mich dazu durchgerungen – meine Frau meinte, ich solle mich in meiner Freizeit wieder engagieren; „Tu irgendwas, aber tue es einfach“ – Ausschau nach einem geeigneten Verein zu halten. Natürlich bei uns im Ort. Schließlich will ich nicht noch zuerst in mein Auto steigen und 40 Kilometer abspulen müssen, nur um dann Spaß haben zu können. Zudem weise ich darauf hin: Jeder sollte sich gute Vorsätze für’s neue Jahr nehmen. Aber ich schweife vom Kernthema ab. Auch so ein Ding, das ich nie loswerden werde. Egal.

8. Januar 2016
So kam es – oder besser gesagt, Schuld daran war der Franz, mein Nachbar – dass ich letzte Woche zur privaten Versammlung des Vereins ‚Bürger wehrt euch!‘ eingeladen wurde. Eigentlich ist ‚Verein‘ nicht richtig, denn die offizielle Gründung steht noch bevor. Aber das erfuhr ich erst ein paar Stunden später, als es Zeit wurde wieder aufzubrechen und nach Hause zu gehen. Ja, so eine Vereinssitzung bei unserem Wirt des Vertrauens ist schon hartes Brot. Ganz zu schweigen vom immer größer werdenden Loch im Geldbeutel.

Nach einer flammenden Rede unseres Sheriff Pongratz, so der Spitzname unseres Vorstandsvorsitzenden (und auf ausdrücklichen Wunsch möchte er bitteschön auch so genannt werden!), war für mich die Sache klar: Ein Beitritt zu dieser Bürger(not)wehr ist unausweichlich, in Zeiten wie diesen höchst erforderlich. Eine Beitrittserklärung gab und gibt es heute noch nicht, weshalb wir per Handschlag und Unterschrift auf dem Bierdeckel die Sache unter Dach und Fach gebracht haben. Es ist ja nicht so, dass wir an diesem Abend nicht produktiv gewesen wären. Auf dem Traktandum standen noch wichtige Punkte abzuhandeln. Beispielsweise unser zukünftiges Erkennungsmerkmal in Form eines, wie kann es anders sein, Sheriff-Sterns oder die Frage nach der persönlichen Bewaffnung. Ein durchaus sensitives Thema. Aber mal ehrlich. Wer in die Schlacht zieht, tut es nicht unbewaffnet. Der Tobi schlug vor, als zweiter Vorsitzender des hiesigen Schützenvereins könne er uns – kostenlos – Luftpistolen aus der Waffenkammer besorgen. Dieser Antrag wurde aber, wenn auch nur mit einer knappen Mehrheit, abgelehnt. Vorläufig sollten Pfefferspray und Gummiknüppel (bei sorgfältigem Gebrauch ebenso effektiv wie eine Schusswaffe) ausreichen; dafür würden dann aber bis Ende Monat noch 150 Euro pro Mitglied fällig, ließ unser Kassierer uns alle noch wissen.

Übrigens noch am Rande. Opa Hansen, ebenso anwesend an diesem Abend, wollte sich an dieser Bürgerwehr auch aktiv beteiligen, obwohl gerade ‚erst‘ 80 Jahre alt geworden und an den Rollstuhl gefesselt. Man begrüßte sein Engagement in Ehren (und manch einer hätte sich seinen Einsatz auch in der Praxis gut vorstellen können), beließ es aber dann bei einer passiven Mitgliedschaft in Form der nächsten Runde Schnaps.

18. Januar 2016
Mein erster Einsatz als Hilfs-Sheriff. Nicht gerade zu einer christlichen Zeit. Unsere Schicht begann um 22.30 Uhr. Aber, so mussten wir uns von Sheriff Pongratz belehren lassen, ist es eine Schlüsselzeit für Gewalt und Verbrechen auf dieser Welt. Eingeteilt wurden wir für das Gebiet ‚Pfarramt‘, weil in letzter Zeit von besorgten Anwohnern telefonisch gemeldet wurde, dass dort vermehrt Dunkle Gestalten gesichtet wurden – alles anonyme Hinweise. Aber wir nehmen jede Meldung ernst! Das ist unser Kredo (eines von vielen). Ausgerüstet mit Pfefferspray und Thermoskanne streiften wir sodann um die Häuser. Getan hat sich dann aber nichts. Notiz an mich: Das nächste Mal wären Taschenlampen vorteilhaft. Auch meine Winterjacke in Schwarz tut nicht wirklich ihren Dienst. Nicht, was das Abhalten der Kälte anbelangt, aber da wurde ich doch beinahe am Straßenrand von einer Polizeistreife umgefahren.

20. Januar 2016
Wenn ich was als Gesetzeshüter zu vermelden hätte, würde ich es jetzt niederschreiben. Aber es hat sich nichts getan.

22. Januar 2016
Wo bleibt der Spaß an der Sache? Ich meine, irgendwas dürfte doch jetzt langsam passieren. Zu Hause angekommen (02.30 Uhr) habe ich das Gefühl, dass mich die Grippe erwischt hat.

24. Januar 2016
Neues Einsatzgebiet, neues Glück! So wurden wir (Peter, Stefan, Hans und ich) zum Stadtpark geschickt. Sheriff Pongratz ist dann auch noch zu uns gestoßen (früher zu erscheinen war ihm nicht möglich, da er noch Gäste bei sich zu Hause bewirten musste) und wollte sich ein Bild zur Lage der Nation machen. Um 22.45 Uhr war es dann soweit. Warum ich das noch so genau weiß? Ich schaute auf meine Armbanduhr und dachte so für mich; hoffentlich ist die Schicht bald zu Ende, ich friere mir wieder die Füße ab. Ein weiterer anonymer Anruf auf das Handy von Pongratz ließ unser Adrenalin das erste Mal so richtig spritzen. Offensichtlich waren Dunkle Gestalten im Park am Werk. Sachbeschädigung könnte vorliegen, wenn nicht sogar ein Anpöbeln von Passanten. Also machten wir uns auf den Weg zum Ort des Verbrechens. Gewillt, bis zum letzten Mann für Zucht und Ordnung einzustehen. Aber da war weit und breit nichts auszumachen. Das lag vielleicht auch daran, dass wir auch diesmal nicht mit Taschenlampen bestückt waren. Doch dann raschelte was in den naheliegenden Büschen. Stefan zog schon sein Handy aus der Tasche und wollte den Polizeinotruf verständigen. Das gefiel Pongratz ganz und gar nicht. So nach dem Motto: „Wer sind wir denn?“ Und: „Wenn nicht wir, wer dann?“ Und so rannte Pongratz sogleich mit festen Schritten und gezogener Pfefferdose auf den Busch zu, begleitet von einem Kampfschrei – Sitting Bull hätte es in seinen besten Zeiten nicht besser machen können. „Jetzt hast du ausgedient, du Sittenstrolch!“ und danach ein kurzes aber klar klingendes „Oh, Mein Gott“ waren Sheriff Pongratz letzte Worte. Kurz danach erfassten uns von hinten Lichtkegel aus der Dunkelheit, begleitet mit den Worten: „Halt, wer da! Hier ist die Polizei!“

25. Februar 2016
Pongratz, unser Held der ersten Stunde, wurde bei uns im Ort schon länger nicht mehr gesichtet. Wildeste Gerüchte machen die Runde. Was mich anbelangt, so wurde auf eine Anzeige bei der Polizei verzichtet. Aber das Schlimmste habe ich auch so und am eigenen Leib erfahren; die Standpauke meiner Frau.

29. Februar 2016
Das Projekt ‚Bürger wehrt euch‘ wurde definitiv beerdigt. rund dafür waren offensichtlich zu viele Unklarheiten, zu viele unbekannte Variablen. Die Suche nach einem anderen Verein (der tatsächlich auch noch einer sein dürfte) habe ich auch aufgegeben. Stattdessen verbringe ich jetzt meine Freizeit wieder mit meiner Frau. Daneben lese ich zurzeit noch die Bücher des Schriftstellers und Abenteurers Karl May – das ist aber auch schon alles.

(Anmerkung des Autors: Auch dies ist eine fiktive Tagebuch-Geschichte…)