Jazz und mehr, direkt und „frisch ab Hof“ beim 33. Inntöne-Festival

(von Tobias Schmidt)

Diersbach/OÖ. Das Pfingstwochenende naht. Und Jazzfreunde wissen, zur kollektiven Ausschüttung des creator spiritus, des pfingstlich jazzenden Schöpfergeists, pilgert man hierzulande zum Buchmannhof im oberösterreichischen Diersbach.

Von Freitag, 18. Mai bis Sonntag, 20. Mai findet dort inmitten saftig grüner Weiden des Sauwaldes wieder das internationale Jazzfestival Inntöne statt. Etwa 100 Musiker aus elf Ländern geben sich bei dieser 33. Ausgabe ein Stelldichein. Und ein Gutteil davon sind diesmal Saxophonisten. Ehrlich gesagt, so viele „reeds people“ wie heuer waren schon lange nicht mehr da. Mit Bobby Watson und David Murray sind zwei gestandene Instrumentalisten zu hören. Murray übrigens mit neuer Band „Class Struggle“; aber der langjährige Weggefährte von Inntöne-Festivalorganisator, Jazzverleger, Posaunist und Biobauer Paul Zauner ist auch auf der aktuellen CD der „Hausband“ Paul Zauner’s Blue Brass zu hören.

Apropos Posaune, Raul des Souza aus Brasilien, mittlerweile 83-jähriger Autor des Welthits „Sweet Lucy“ ist für den Sonntagnachmittag angekündigt. Wo ihm dann mit der Saxophonistin und Flötistin Anna Lena Schnabel eine junge deutsche Jazzhoffnung folgen wird. Ihr herrlich frisches, mit onomatopoetischem Hintersinn durchzogenes Debütalbum „Books, Bottles and Bamboo“ ist einfach großartig. 2017 erhielt sie dafür den ECHO Jazz in der Kategorie „Newcomer“. Der 2018 hoffentlich an die Kontrabassistin Hendrika Entzian gehen wird, nominiert ist sie jedenfalls. Warum? Am 19. Mai kann man sich bei den Inntönen live überzeugen.

Hendrika Entzian-Quartett (Foto: Jennifer Jasmin Kessler)

Nun sind bei den Inntönen auch stets tolle Sängerinnen zu hören, wo bei der Gospel das Great American Songbook ein wenig abgelöst zu haben scheint. Das dürfte sich 2018 nicht ändern, mit der bereits aus Clubkonzerten bekannten Chanda Rule. Denn die Sängerin aus Chicago ist ja auch Predigerin. Gespannt sein darf man auch auf die jüngste „Diva“ der Festivalgeschichte: Alexis Morrast ist sechzehn Jahre alt, gewann im vergangenen Jahr einen Talentewettbewerb im New Yorker Apollo Theatre, ja, und eigentlich weiß noch keiner, ob es mit dieser Frau zum Jazz oder in R&B Gefilde geht. Junge Sounds, gern tanzbar und aus vielerlei ethnomusikalischen Quellen befruchtet oder popmusikalischen Spielarten mit street credibility wie HipHop zugetan, gibt es in diesem Jahr ebenfalls reichlich. Nennen’s wir Fusionmusik des 21. Jahrhunderts, die The KutiMangoes aus Dänemark oder Soweto Kinch und Sons of Kemet für den neuen urbanen, in deutschen Landen gern ein wenig zu kurz kommenden englischen Jazz, den Zuhörern des Inntöne Festivals auf die Ohren und in die Beine geben werden. Selbstverständlich warten diese Formationen alle mit einem Saxophon im Line-Up auf.

Kamasi Washington (Foto: Washington)

Was auch das Instrument des Festivalheadliners ist, der heuer zum Finale die Bühne des Buchmannhofs betreten wird. Kamasi Washington spielt Tenorsaxofon, spielt aber keine „Tenorbattles“, sondern veredelte u.a Hip Hop-Produktionen von Kendrick Lamar oder Lauryn Hill und Jazz von Kindheitsfreund Thundercat bis Idol Wayne Shorter. Vor drei Jahren rief dieser Freejazz, Fusion, Funk neu ins eins denkende und damals bereits zehn Jahre als Arrangeur arbeitende Musiker seine musikalischen Partner zusammen und schuf mit „The Epic“ ein Dreifachalbum inklusive Band, Orchester und Chor, welches die Koordinaten des Jazz in den 2010er Jahren neu ausrichtete. Ein neues „Bitches Brew“? Das wird die Zeit zeigen. Die Verbindung mit dem derzeit wichtigsten afroamerikanischen Künstler, mit Kendrick Lamar, geht jedenfalls weiter, Kamasi Washingtons jüngste Veröffentlichungen sind insgesamt zugänglicher geworden – und man bucht ihn jetzt durchaus auch für Pop- und Rockfestivals. Die frühen Morgenstunden des Pfingstmontag 2018 verheißen also einen Blick in die musikhistorische Zukunft. Dass dieser Schöpfergeist tanzen macht, ist jetzt bereits gewiss.

Alexis Morrast (Foto: The Morrast family)

Kinderprogramm u.a. mit LandArt-Workshops und Puppenstücken des Königlichen Hoftheaters Lumumba, eine Ausstellung des Passauer Künstlers Alois Jurkowitsch, die late night gigs im umfunktionierten und ironisch nach einem Club in Harlem „St. Pig’s Pub“ umbenannten Schweinestall und natürlich die regionale Köstlichkeiten vom eigenen Speck bis zu den Forellen aus dem Diersbacher Dorfteich machen die Inntöne auch heuer wieder zum Gesamterlebnis.

Der ORF zeichnet alle Konzerte auf der Hauptbühne für die Europäische Rundfunkunion auf. So erreichen die Inntöne mittlerweile ein Millionenpublikum am Radio. Wie in den vergangenen Jahren bewährt, ist das Festivalgelände auch wieder per Busshuttle von Passau und Schärding aus erreichbar; Zustieg in der Dreiflüssestadt stündlich am Stadttheater.
Der Kartenvorverkauf läuft bereits; Ticketshop sowie detailliertere Informationen zum Programm unter www.inntoene.com.