Lesung mit dem Schriftsteller und ehemaligen Hanser-Verleger Michael Krüger

(von Tobias Schmidt)

„In welchem Verhältnis standen Sie zu dem Mädchen?“, fragt ein Polizist beim Verhör am Ende von Michael Krügers Roman „Vorübergehende. Die Antwort wirkt unfreiwillig komisch: „Sie ist mir zugelaufen“. Und es kommt noch besser: „Und was hat sie hier gemacht?“ „Sie hat gezeichnet. Sie hat ein Jahr Kringel und Chiffren gezeichnet. Eine große Weltkomödie.“ Krüger, langjähriger Verlagsleiter der Münchner Carl Hanser Literaturverlage, ist selbst ein beachteter Schriftsteller und schildert in diesem Buch die unfreiwillige Begegnung eines älteren Mannes und Ich-Erzählers, mit einem fremden Mädchen. Ein Flüchtlingskind? Vermutlich irgendwo vom Balkan? So genau wird das nicht geklärt, denn Jara ist nicht nur ohne Geld, Papiere und weitestgehend ohne Sprache im Zug an den älteren Herrn gelehnt aufgewacht, das Mädchen bleibt auch im gesamten Roman unnahbar und rätselhaft. Sie kommt bei dem Erzähler unter. Von dem man indes sehr viel mehr erfährt: ein in die Jahre gekommener Motivationstrainer, von den eigenen Ratschlägen an strauchelnde Unternehmer angeödet, von vielen Entwicklungen der Zeit und der Mitmenschen gelangweilt und enttäuscht, erhofft sich aus dieser Begegnung noch einmal eine Lebenswende. So wirklich will sie nicht gelingen, doch bringt die zeichnende Weltbeobachterin Jara den namenlosen Erzähler immer wieder zum ausschweifenden Nachdenken, und mithin zur Positionsbestimmung in einer sich verändernden Welt (Mal ehrlich: was kann und soll Literatur mehr leisten?).

Buch-Cover (Quelle: Haymon Verlag)

Dabei ist „Vorübergehende“ eine schonungslos (selbst)ironische Suada. Und stellenweise auch Typenkabarett: der Roman spielt in München und die dortige Stadtgesellschaft bekommt en passent auch immer wieder ihr Fett weg. Am Ende steht eine Trennung und die Einsicht, dass eine den anderen nicht „retten“ kann, das Leben mit und trotz seiner ganzen Unplanbarkeit aber trotzdem weitergeht. Zumindest für eine er beiden Hauptfiguren…

Michael Krüger, geboren 1943 in Wittgendorf/Sachsen-Anhalt, lebt in München und war bis 2019 Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Als Herausgeber hochgeachtet, erhielt Krüger auch für sein eigenes schriftstellerisches Schaffen Auszeichnungen, wie den Joseph-Breitbach-Preis (2010) oder den Eichendorff-Literaturpreis (2017). Am Samstag, 15. Februar liest Michael Krüger um 20 Uhr im Café Museum aus seinen beiden jüngsten Veröffentlichungen im Innsbrucker Haymon Verlag, dem Roman „Vorübergehende“ (2018) sowie dem Lyrikband „Mein Europa. Gedichte aus dem Tagebuch“ (2019).

Buch-Cover (Quelle: Haymon Verlag)

Weitere Informationen und Kartenreservierung für die Lesung mit jenem Schriftsteller, der als Verleger wohl die meisten Literaturnobelpreisträger zur Verleihung nach Stockholm begleitete, sind auch online unter www.cafe-museum.de abrufbar.