Projekt am Gymnasium Untergriesbach erhält Bildungspreis der Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh)

(von Tobias Schmidt)

Köln/Untergriesbach. Im digitalen Alltag angekommen sein bedeutet auch, dass Fotografieren und das bildtaugliche Inszenieren des Alltags stete Begleiter sind. Das hat den Wert der Fotografie als solcher verändert. Fotografien werden vermehrt auf ihr „soziales Kapital“, auf ihre Wertigkeit in der Weitergabe an Mitmenschen, nicht mehr auf ihre Rolle beim gestaltenden Konservieren von Wirklichkeit hin angeschaut und befragt.

„Aphrodite“ (Selbstportät) von Laura Kaiser, entstanden im Rahmen des jüngst von der Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh) prämierten Projekts „Philosophieren über Fotografie“ am Gymnasium Untergriesbach(© Laura Kaiser)

Die Kulturtheorie lässt das nicht kalt: seit einigen Jahren kommt zum Beispiel das „Selfie“ als zeitgenössische Gattung des Selbstporträts auch in der Kunstgeschichte an. Vielgenutzt, und dennoch unterschätzt, so schätzte auch StRin Martina Zöls, Kunstpädagogin am Gymnasium Untergriesbach, den Status der Fotografie bei ihren Schülern ein. Gemeinsam mit der Passauer Soiz-Galerie entwickelte Zöls deshalb ein wissenschafts-propädeutisches Seminarprojekt „Philosophieren über Fotografie“, in dem Klassiker der kulturwissenschaftlichen Theorie, Umsetzungsbeispiele und eigene fotografische Gestaltungspraxis zusammen finden. Für die Schüler bedeutete das, ein prall gefülltes Gesamtpaket an Medienkompetenz mit hoher Alltagsrelevanz: Von der Geschichte der Fotografie über beschreibende Übungen zu dokumentarischen und inszenierten Ansätzen, 25 Schülerreferaten (etwa über das Unheimliche in der Photographie, Photographie als Waffe, Surrealismus und Photographie oder über Kriegsphotographie), das Kennenlernen kulturtheoretische Ansätze bis hin zu Praxisübungen und der künstlerisch inszenierten Präsentation eigener Arbeiten.

Neben Walter Benjamins Klassiker „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“, lernten die Schüler die akribisch inszenierten, gern in großformatigen Leuchtkästen präsentierten und mit kunsthistorischen Referenzen gespickten „fotografischen Konzeptgemälde“ des Kanadiers Jeff Wall kennen. Im praktischen Teil erprobten die Schüler den Umgang mit der digitalen und der analogen Kamera, einschließlich Anfertigung eigener Abzüge in der Dunkelkammer der Schule. Und schrieben schlussendlich eine Dokumentation des Seminarprojektes.

„Dionysos“ von Laura Kaiser, entstanden im Rahmen des jüngst von der Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh) prämierten Projekts „Philosophieren über Fotografie“ am Gymnasium Untergriesbach (© Laura Kaiser)

Nachhaltig, weil wiederholbar, solide didaktisch unterfüttert, und in Zeiten der Bilderflut wieder einmal das Wissen um unser Sehen von Bildern als solches pflegend (was theoretisch klingt, aber in Zeiten von Selfies, Memes und anderen SocialMedia-Phänomenen eine ausgesprochen praktische Tugend ist), machte der Bericht bei der in Köln ansässigen Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh) Eindruck. Seit 2013 vergibt der im Bereich Bildrechte, Bildwesen, Archivierung, Bildwissenschaft sowie Technik- und Wissenschaftsphotografie tätige Verein einen Bildungspreis an impulsgebende Fotoprojekte in der Kultur-, Medien- und Museumspädagogik. Aus 23 zum Bildungspreis 2018 eingereichten Projektportfolios entschied sich die diesjährige Jury für das Seminarprojekt am Gymnasium Untergriesbach. Übrigens gegen eine stark aufgestellte Konkurrenz: interkulturelle, intergenerationelle Fotoprojekte, einem ehemaligen Träger des Deutschen Jugendfotopreises sowie eine Porträtserie zur kulturhistorisch noch jungen Frage nach „Rosa“ oder „Blau“/„Junge“ oder „Mädchen“, also der farblichen Codierung von Geschlechterstereotypen.

Der mit 1.000,- Euro dotierte Preis geht erstmals nach Niederbayern; der zum Wettbewerb eingereichte Projektbericht ist übrigens unter https://bit.ly/2qu92su online abrufbar.

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