Hans Pleschinski liest im Scharfrichterhaus aus „Wiesenstein“, seiner Romanbiographie über den Schriftsteller Gerhart Hauptmann

(von Tobias Schmidt)

„Bin ich noch in meinem Haus?“ sollen die letzten Worte des Schriftstellers und Dramatikers Gerhart Hauptmann (1862-1946) gewesen sein. Der Literaturnobelpreisträger des Jahres 1912 gilt vor allem durch seine in den 1890er Jahren entstandenen Bühnenwerke und Novellen wie „Vor Sonnenaufgang“, „Der Biberpelz“, „Die Weber“ oder „Bahnwärter Thiel“ bis heute als bedeutendster Vertreter des Naturalismus.

Gerhart Hauptmann, undatierte Aufnahme (dpa)

Diese literarische Strömung, hatte sich die möglichst exakte Beschreibung von Naturphänomenen, aber auch von gesellschaftlichen Entwicklungen zum Ziel gesetzt, im ausgehenden 19. Jahrhundert hieß das: man kam an sozialer Verelendung nicht vorbei. Das machte Hauptmann zunächst international berühmt (die Schule bildende russische Theatertheorie Konstantin Stanislawskis ist zum Beispiel stark von ihm beeinflusst), den Mächtigen des wilhelminischen Kaiserreichs und später des Nationalsozialismus aber auch suspekt. Man versuchte, ihn zu vereinnahmen, Hauptmann widersprach nie vehement genug. Das verübelt ihm die literarische Welt bis heute, und dennoch: bis heute wird Gerhart Hauptmann an Theatern im deutschsprachigen Raum gespielt. Nun war das eingangs erwähnte „Haus“ aber mitnichten eine ärmliche Kate, sondern die Villa Wiesenstein im niederschlesischen Agnetendorf (Jagniatków) bei Hirschberg (Jelenia Góra). Mit Sekretärin, Zofe, Köchin, livriertem Diener, Gärtner, Assistent und Nachlassverwalter und reichlich Etikette.

In diesem Milieu siedelt der Schriftsteller Hans Pleschinski seine zu Jahresbeginn im C.H.Beck-Verlag erschienene Romanbiographie „Wiesenstein“ an. Sie setzt mit der Rückreise des siechen Gerhart Hauptmanns und seiner Ehefrau vom Sanatoriumsaufenthalt im gerade bombardierten Dresden im März 1945 nach Schlesien ein. Ein Land fällt in Trümmern, die Menschen fliehen, die Ungewissheit der heran nahenden Roten Armee greift um sich. Pleschinski schildert vor diesem Hintergrund aber nicht nur das letzte Lebensjahr des Schriftstellers, er lässt das Personal auf das Leben Hauptmanns zurück schauen: Die Verwirrnisse der Jugend, der gescheiterte Bildhauer, lebensreformerische Werkeinflüsse, die Ehen, das literarische und dramatische Werk. Dieser „Report des Masseurs“ Paul Metzkow, der in Dresden angestellt, auf der Zugfahrt von Sekretärin (und realiter seiner späteren Ehefrau) Annie Pollak instruiert und dann zum begeisterten Hauptmann-Versteher und Vorleser wird, wirkt bisweilen als etwas sehr bemüht. Es erspart dem Leser allerdings weitgehend eine biographische Einführung aus anderen Quellen. Diese biographische Montage kennt im Buch aber auch durchaus einige Höhepunkte: einen selbstkritischen Gerhart Hauptmann etwa, der mit Ehefrau Margarete die eigene, später als indifferent gescholtene Haltung zum Nationalsozialismus diskutiert. Sie will ihn als „Retter der Poesie“ von Schuld freisprechen, er fragt, „wäre Goethe emigriert“. Das Hissen der Hakenkreuzfahne, Empfänge für NS-Größen in der Villa. Wird das nicht auch durch Hauptmanns lebenslanges Bekenntnis zu den Bedrängten aufgewogen? Schließt das die Juden ein? Und zur gleichen Zeit fragt sich der Nachlassverwalter einige Zimmer entfernt, ob er Hauptmanns Leseexemplar von Adolf Hitlers „Mein Kampf“ vernichten, oder wegen der für die Nachwelt vielleicht einst wertvollen Randbemerkungen verwahren soll. Von denen Pleschinksi auch einige einflicht – neben erstmals veröffentlichten Tagebuchnotizen des Ehepaar Hauptmanns sicherlich eine der besonderen, in diesem Roman verwendeten Quellen.

Hans Pleschinski (C.H. Beck Verlag, Foto: Kathrin von der Brelie)

Am Schonungslosesten stellt sich der greise Autor in einer von Pleschinski wunderbar zugespitzten Szene selbst infrage: im heimlichen Dialogen mit einer Kasperl-Marionette in seinem Arbeitszimmer. „Törichter Greis“, sagt die Puppe, „das Unreich hat dich nun mit in seinen Schlick gezogen.“ Und als sich der Schriftsteller in diesem selbstentlarvenden Selbstgespräch zu rechtfertigen versucht: „Pah, Gert, anecken wolltest du nicht… …bedachtsam deinen Ruhm auskosten. Ruhe, Herr Nobelpreisträger, wird Verbrechen.“ Dergestalt farbig wendet Hans Pleschinski detailliert ausgemalte Szenen und Dialoge immer wieder ins Große. In Fragen von Liebe zu Land und Menschen aber eben auch eitler Selbstverliebtheit, von schuldhaftem Verstricktsein, von Treue zu eigenen Idealen und gesellschaftlicher Veränderung. Und das alles vor dem Tableau eines zu Ende gehenden, sehr nahen Krieges, einer vergegenwärtigten, verloren gegangenen Welt. Nicht immer genügt „Wiesenstein“ diesem hohen Anspruch. Was auch an seinem Thema, einem widersprüchlichen Geist seiner Zeit liegen mag.

Am Dienstag, 11. September, liest Hans Pleschinski im Passauer Scharfrichterhaus aus „Wiesenstein“. Die von der Buchhandlung Pustet und dem Passauer Pegasus präsentierte Veranstaltung beginnt um 20 Uhr. Karten zu 10,-/ermäßigt 8,- Euro sind unter Tel. 0851 5608913 oder per Email an passau@pustet.de reservierbar.