Corinna Ullrich ist Projektmanagerin der Ökomodell-Region der ILE Ilzer Land e.V. Was sind ihre Aufgaben? Und was versteht man eigentlich unter dem Begriff ‚Ökomodell-Region‘? ‚Die Neue Woche‘ hat nachgefragt…

NW: Corinna, erzähl uns was über deine (tägliche) Arbeit als Projektmanagerin der Ökomodell-Region ILE Ilzer Land e.V.?

Heute habe ich den Vormittag damit verbracht, bei verschiedenen Akteuren der Ökomodellregion anzufragen, ob Sie sich am Projekt „Bio-Woche Ilzer Land“ beteiligen wollen, die in der Woche vor Pfingsten im ganzen Projektgebiet stattfinden soll. Da wird es dann eine Woche lang verschiedene Aktionen und Veranstaltungen rund um den Ökolandbau geben. Zum Beispiel Hofführungen auf Biobetrieben, themenrelevante Kinofilme, Kräuterführungen, Verarbeitungskurse und der Gleichen mehr. Die Schulen können sich anschließen, um in dieser Woche das Thema Ökolandbau und gesunde Ernährung einmal intensiv unter die Lupe zu nehmen. So hat die Schule Perlesreut zum Beispiel schon angekündigt, dass sie für diese Woche eine Ernährungsberaterin in die Schule kommen lassen wollen und eine Aktion mit Slow-Food durchführen werden, sowie beim traditionellen Schullauf nur Bio-Obst austeilen wollen.
Und diese Themen, die hier auftauchen, beschäftigen mich auch sonst im beruflichen Alltag. Eine meiner Hauptzielgruppen sind die Landwirte, für die ich Veranstaltungen organisiere, oder zu denen ich auch raus auf den Betrieb fahre, wenn sie sich für die Umstellung auf Ökolandbau interessieren. Solche Orientierungsgespräche biete ich aber auch z.B. für Gastwirtschaften an, die an einer Biozertifizierung interessiert sind.

NW: Warum hast du dich bei der ILE Ilzer Land e.V. als Projektmanagerin ‚Ökomodellregion’ beworben bzw. wann hast du deine Tätigkeit aufgenommen?

Ich bin jetzt seit knapp über zwei Jahren für die ILE tätig. Ich brenne für den Ökolandbau und ich halte den Ökolandbau für die Bewirtschaftungsform der Zukunft. Auch wenn mir bewusst ist, dass es nicht ab sofort die richtige Bewirtschaftungsform für jeden Landwirt ist und das auch voll respektiere. Würde ich einen Landwirtschaftlichen Betrieb führen, wäre der auf jeden Fall ökologisch. Und dann ist für mich der Gedanke der Regionalität in Verbindung mit Ökologie ein Gedanke, der –auch wenn ihn schon viele denken – doch noch viel zu wenig in die Umsetzung kommt. Ich halte es für eine sehr sinnvolle und zeitgemäße Aufgabe, regionale Wirtschaftskreisläufe zu stärken. Regionen, die sich regional vernetzen und ihre Waren und Lebensmittel nachhaltig produzieren, tragen zum Frieden in der Welt bei. Das mag sich vielleicht hoch gegriffen anhören, aber davon bin ich überzeugt.

NW: Was sind deine beruflichen Ziele als Projektmanagerin?

Ich hoffe, dass ich Menschen Anstöße geben und dazu ermutigen kann, einen Schritt weiterzugehen, also z.B. Landwirte, die gefühlt haben, dass Biolandwirtschaft zu betreiben das Richtige für sich und ihren Hof ist, sich aber bis jetzt noch nicht getraut haben, es umzusetzen. Hier denke ich z.B. gerade an den Erlebnisbauernhof Zeintl, der letztes Jahr auf Biolandwirtschaft umgestellt hat. Ich möchte dazu beitragen, dass das Bewusstsein für nachhaltige Formen der Landwirtschaft nicht nur bei den Landwirten, sondern auch bei Verbrauchern und Schülern zunimmt. Ich möchte, dass das Thema Ökolandbau und gesunde Ernährung wieder mehr in „Aller Munde“ ist und zwar nicht nur in Gedanken, sondern eben als gelebte Erfahrung!

NW: Welche Erfolge oder positiven Entwicklungen konntest du während deinem Engagement als Projektmanagerin des Ilzer Land verbuchen?

Ich denke, dass inzwischen viele Landwirte und Verbraucher von der Ökomodellregion gehört bzw. gelesen haben und dadurch mehr mit dem Thema Ökolandbau in Berührung gekommen sind. Nicht wenige haben auch schon unsere Veranstaltungen besucht und sich zu dem Thema fortgebildet und einige Landwirte haben bereits auf Ökolandbau umgestellt. Erste Gastwirtschaften interessieren sich für das Bio-Thema, im Kapellenhof von Hannelore Hopfer in Ringelai werden nun auch Biogerichte angeboten, ebenso tut sich was im Bereich Gemeinschaftsverpflegung, auch wenn das nach meinem Geschmack noch etwas schneller gehen könnte. Aber einige Schulküchen kochen schon mit ökologischen Lebensmitteln, allen voran die Ilztalschule in Hutthurm. Auch in Perlesreut und Schönberg soll es künftig mehr Bio in der Schulverpflegung geben. Es sind viele kleine Dinge, die das Bild machen. Seien es kommunale Blühflächen, die Anlage von Streuobstflächen, Aktionen wie Schulgärten-Gestalten in Ringelai, die Erzeugung von Bioapfelsaft oder die Eröffnung der Milchtankstelle auf dem Köpplhof in Hutthurm. Sicherlich erinnert ihr euch auch noch an die schönen Ökoerlebnismärkte, die letztes Jahr auf dem Bioziegenhof Beck und das Jahr davor bei Familie Schröger auf dem Köpplhof stattfanden.

NW: Was sind aus deiner Sicht die großen Herausforderungen für die Zukunft, was die Landwirtschaft im Allgemeinen anbelangt?

Die gesamte europäische Landwirtschaft muss grüner und ökologischer werden. Wir brauchen eine Landwirtschaft, die uns ernährt und zwar mit „Lebens“ –Mitteln, die frei von Rückständen sind, wie Nitrat, Pestizide oder Antibiotika. Und dann produziert die Landwirtschaft ja auch nicht nur Lebensmittel, sondern auch noch Landschaft und Ökosystemleistungen. Wir sind gerade in einer Zeit, in der Natur- und Ressourcenschutz salonfähig wird. Das will was bedeuten! Wir sollten wieder mehr in Systemen denken und Probleme wie das Bienensterben sehr ernst nehmen. Der schlimmste Verlust – weil unumkehrbar – ist allerdings der Verlust an Biologischer Vielfalt, darunter zähle ich sowohl die Kulturpflanzenvielfalt, also auch die Wildpflanzenvielfalt und der Verlust an fruchtbarem Boden.

(Anzeige)

NW: Erzähl uns doch was über deinen bisherigen beruflichen Werdegang; was hast du vor deinem Engagement beim Verein ILE Ilzer Land getan?

Ich bin ein sehr vielfältig interessierter Mensch und dementsprechend vielfältig war auch mein Werdegang vor dem Antritt der Stelle als Projektmanagerin für die ÖMR (Ökomodellregion) Ilzer Land. Unmittelbar vorausgehend und sicher auch hilfreich für die Stelle hier, war meine Tätigkeit in der Ökozertifizierung landwirtschaftlicher Betriebe. Auch die praktische Seite der Landwirtschaft habe ich schon mehrfach kennengelernt. So habe ich im Rahmen von Praktika und Betriebshilfen mehrere verschiedene Milch- und Ackerbaubetriebe kennengelernt und war auch mehrere Sommer im Wallis (Schweiz) als Hirtin auf der Alp.

NW: Welches Buch liegt zurzeit bei dir auf dem Nachttisch?

Da liegen u.a. die Neue Harmonielehre (Musik ist ein Hobby), die neueste Ausgabe der Zeitschrift „Ökologie und Landbau“ sowie das Buch: „Mit dem Elefant durch die Wand – Wie wir unser Unterbewusstsein auf Erfolgskurs bringen“ und mein Tagebuch.

NW: Was würdest du unseren Bauern in der Region mit auf den Weg geben?

Ich würde die Landwirte gerne dazu anregen, ab und an mal einen Schritt zurückzutreten und über ihren eigenen Betrieb nachzudenken. Ist die Landwirtschaft, die sie gerade führen, wirklich die Landwirtschaft, die sie sich wünschen? Oder ist es eine Landwirtschaft, in die sie mehr und mehr hineingerutscht sind? Welche Entscheidungen über ihren Betrieb haben sie wirklich selber getroffen und welche sind über sie „getroffen worden“? Welche mussten sie eingehen, um wirtschaftsfähig zu bleiben? Entspricht die Landwirtschaft, die sie betreiben, immer noch dem Bild von Landwirtschaft, wegen dem sie den Beruf des Landwirts gewählt haben? Nicht nur einmal haben mir Landwirte erzählt, dass sie wachsen mussten. Jeder kennt das Sprichwort „wachsen oder weichen“, was für die Landwirtschaft schon seit ein paar Jahrzehnten gilt und immer noch am Wirken ist. Veränderung geschieht; nur wer soll über die Richtung der Veränderung entscheiden? Wachsen ja, aber in welche Richtung? Es gibt so viele Möglichkeiten zu wachsen, z.B. durch die Veredlung von wirklich hochwertigen Produkten aus artgerechter Tierhaltung. Und es gibt inzwischen auch so viele Möglichkeiten der Betriebsentwicklung und Finanzierung.

(Anzeige)

NW: Ökomodellregion ist ja eigentlich auch nur so ein Begriff, ein Schlagwort. Was genau verstehst du darunter? Öko? Modell? Region?

Nun, ich verstehe unter einer Ökomodellregion eine Region, in der es überdurchschnittlich viele Biobetriebe gibt. Bei Lebensmitteln darf nur da ‚Öko‘ drauf stehen, wo auch wirklich Öko drin ist. Gerade beim Ilzer Land handelt es sich um eine Region, in der es noch nicht überdurchschnittlich viele Biobetriebe gibt, aber es ist eine Region, die sich dazu entschlossen hat, die Biobranche weiter zu entwickeln.