Kaum Arbeitslose, viele Weltmarktführer und Kooperationen über Grenzen hinweg: Die nördliche Oberpfalz zählt zu den deutschen Regionen mit dem höchsten Zukunftspotenzial, wie eine neue Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft deutlich macht

Neustadt an der Waldnaab (obx) – Der Wandel vollzog sich ohne groß Schlagzeilen zu machen: Der Landstrich zwischen Tirschenreuth, Neustadt an der Waldnaab und Weiden, über Jahrzehnte geprägt durch die Randlage am Eisernen Vorhang, durch Rekord-Arbeitslosenzahlen und wirtschaftlichen Stillstand, ist Bayerns neue Vorzeigeregion. Auf dem Arbeitsmarkt herrscht Vollbeschäftigung angesichts von zehntausenden neuen Arbeitsplätzen. Viele Weltmarktführer profitieren heute als „versteckte Champions“ von der Lage in der neuen Mitte Europas. Den Spitzenplatz unter Deutschlands Regionen bescheinigt der Nordoberpfalz jetzt auch eine neue Studie: In einem Ranking des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) belegen die Kreise Neustadt und Tirschenreuth die Plätze 2 und 3 unter allen eher ländlich geprägten Gebieten in der Bundesrepublik.

Unter die Lupe genommen hat das Institut Faktoren wie Lebensqualität, die wirtschaftliche Dynamik und die Arbeitsmarktentwicklung. Die nördliche Oberpfalz gilt heute als Musterbeispiel für einen gelungenen Strukturwandel: Die Zeit der krisengeschüttelten Glas- und Porzellanindustrie war gestern. 

Heute dominieren in der Region High-Tech-Branchen mit großer Zukunft das Wirtschaftsgeschehen: Pilkington beispielsweise fertigt in Weiherhammer (Landkreis Neustadt a.d.W.) modernstes Flachglas für den Weltmarkt. Unter anderem in Smartphones, Solaranlagen oder auch in der Berliner Reichstagskuppel kommen Pilkington-Gläser zum Einsatz. BHS Corrugated, ebenfalls zuhause in Weiherhammer, ist auf dem Globus die Nummer 1 für Wellpappen-Anlagen und betreibt neben dem größten Standort in der Oberpfalz Produktionsstätten in den USA, in China, Brasilien, Italien und Tschechien. Schott in Mitterteich (Landkreis Tirschenreuth) gilt im Bereich der Spezial- und Rohrgläser weltweit als führend und die Hamm AG in Tirschenreuth als Branchenriese im Bereich Spezialwalzen. In Weiden sorgt Hör Technologie als Weltmarktführer für hochpräzise Getriebe sogar in Formel-1-Boliden für den richtigen Antrieb und beliefert die Luft- und Raumfahrtbranche. 

In den letzten Jahren hat sich die nördliche Oberpfalz zu einem Jobmotor ohne Beispiel im Freistaat entwickelt: Die Zahl der Arbeitslosen ist beispielsweise im Landkreis Neustadt an der Waldnaab in knapp zehn Jahren um rund zwei Drittel gesunken. Lag die Erwerbslosenquote nach der Jahrtausendwende noch bei rund 10 Prozent im Jahresmittel, meldet die Arbeitsagentur aktuell (Mai 2020) einen Wert von nur noch 3,3 Prozent. Damit liegt der Kreis sogar knapp unter dem bayerischen Durchschnitt von 3,8 Prozent. Auch der Landkreis Tirschenreuth meldete zuletzt – mit einer Arbeitslosenquote im Mai 2020 von 3,4 Prozent – Vollbeschäftigung.
Anfang und Mitte der neunziger Jahre glaubte kaum jemand, dass es mit der nördlichen Oberpfalz einmal wieder bergauf gehen könnte: Der Wegfall der üppigen Zonenrandförderung und die erdrückende Billig-Konkurrenz aus Osteuropa plagten die Region nach der Grenzöffnung. Die Arbeitslosenzahlen erreichten in dieser Zeit im Winter Rekordmarken bis zu 25 Prozent. Von den einstmals rund 20.000 Arbeitsplätzen in der Glas- und Porzellanindustrie sind nach dem Wegfall der Grenzlandförderung heute nur rund 1.500 geblieben.

Kräftigen Rückenwind bekam die Nord-Oberpfalz durch die EU-Osterweiterung 2004, als die Region wieder den Platz einnahm, den sie in der Geschichte Jahrhunderte lang hatte: als Tor zum Osten im Herzen Europas. Dieser neue Lagevorteil hat viele Unternehmen ganz besonders beflügelt: Sie nutzen die nördliche Oberpfalz als Ausgangspunkt für die Markterschließung von Tschechien bis nach Russland. Besonders als Logistikstandort punktet die nördliche Oberpfalz – vor allem auch durch die direkte Autobahnanbindung über die A6 nach Prag.

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