Auf der Insel Pingelap leben die meisten Farbenblinden der Welt. Diese andere Art der Welt-Anschauung verarbeitet die belgische Fotografin Sanne de Wilde in der Bilderserie „The Island of the Colorblind“. Derzeit zu sehen in der Soiz-Galerie

(von Tobias Schmidt)

Kann man sich einen Flecken Erde vorstellen, an dem es keine Farben gibt? Das nur wenige Quadratkilometer messende mikronesische Atoll Pingelap ist ein solcher Ort. Wenige Jahre vor der Entdeckung der Inseln durch europäische Forscher war die Bevölkerung 1775 durch einen Taifun und nachfolgende Hungersnot beinahe ausgelöscht worden.

Unter den etwa zwanzig Überlebenden befanden sich Träger der autosomal-rezessiven Erbkrankheit Achromatopsie, der seltenen totalen Farbblindheit. Dies ist keine Fehlsichtigkeit in der Farbunterscheidung, sondern eine deutlich intensivere Farbsinnstörung. Von Achromatopsie Betroffene können nur Graustufen unterscheiden, bei geringer Sehschärfe sind sie gegenüber hellem Licht überempfindlich. Nach der erwähnten Naturkatastrophe war der auf Pingelap verfügbare Genpool sehr klein geworden, was zur Verbreitung der Erbkrankheit verhalf, so dass unter den heute etwa 250 Bewohnern des Eilands ein knappes Drittel farbenblind sind.

Der weltbekannte Neurologe Oliver Sacks („Zeit des Erwachens“, „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“) beschrieb deren Leben 1997 in einem Buch mit dem Titel „The Island of the Colorblinds“ (dt. „Die Insel der Farbenblinden“).
Den Buchtitel greift eine Bilderserie der belgischen Fotografin Sanne de Wilde auf. De Wilde, die für die Amsterdamer Tageszeitung De Volkskrant tätig ist, aber auch schon in The New Yorker, The Guardian, Le Monde oder Vogue veröffentlichte, gilt momentan als einer der Shootingstars in der internationalen Fotografie. Auf Samoa arbeitete sie über Albinismus („Samoa Kekea“ und „Snow White“) in China mit Kleinwüchsigen („Dwarf Empire“). Und 2015 reiste de Wilde nach Pingelap und lebte mehrere Monate mit den Inselbewohnern. Bilder aus der daraus entstandenen Serie „The Island of the Colorblinds“ sind derzeit in der auf zeitgenössische Fotokunst spezialisierten Passauer Soiz Galerie zu sehen.

„Jaynard, ein farbenblinder Jungen auf Pingelap“, von dem Sanne de Wilde zahlreiche Porträts für die Serie „The Island oft he Colorblind“ anfertigte, „schaute in diese Diskolampe, die ich aus Belgien mitgebracht hatte. Als ich ihn fragte, was er sähe, antwortete er nur ‚Farben‘ und starrte weiter ins Licht (Foto: Sanne de Wilde)

Rosarote Palmblätter, petrolblauer Himmel, das bekommt man zu sehen. Dazwischen Menschen mit merkwürdig nach innen verdrehten Pupillen, oder solche, die Schutz suchend, sich vom Betrachter abwenden. Warum das so ist? Nur den Sichtverhältnissen in der Nacht gegenüber sind von Achromatopsie Betroffene gegenüber angepasst genug, um sich normal bewegen zu können. Wie sie wohl die Welt sehen? Eine Welt, die blendet und in der „Farbe“ nur als von den Mitmenschen beschriebenes Phänomen existiert, „Konzept“, aber eben nicht „Leben“ ist und niemals werden kann. Wie werden Farbausdrücke zugeordnet, wenn man die Welt nur in einer Farbe sieht? Bedeutet „Farbe“ dann eigentlich überhaupt noch irgendetwas? Sanne de Wilde stellt sich das „Welt-Bild“ der Farbenblinden wie ein überbelichtetes Foto vor. Und machte sich mittels Infrarotaufnahmen an Wiederentdeckung von Farbe. Die von Farbenblinden, aber auch die eigene Wiederentdeckung: Einige Fotografien wandelte sie in schwarz-weiße Ansichten um und ließ diese von Farbenblinden kolorieren.

„Ihre Farbe“ den Bildern zurück zu geben. Das hieß Zuordnungen aus gesellschaftlichen Konventionen zu lösen – was ein jeder Mensch von frühkindlichen Malerfahrungen kennt, wenn es heißt: „mal die Sonne gefälligst gelb!“ Und wenn es nun gerade nicht so ist? Wäre ja eine neue Perspektive. Eröffnet ausgerechnet von Menschen mit einem Gen„defekt“, der einfarbiges Welterleben ermöglicht. Die gleiche Wahrnehmung, die gleiche Wahrheit – nur anders „angemalt“. Menschen der westlichen Hemisphäre, die mit schwarz-weißer Fotografie dokumentarische Wirklichkeit, ja archivwürdiges Weltwissen verbinden, kann so ein Gedanke durchaus Angst machen. Oder aber den Kopf für neue Gedankenspiele öffnen: Hinter dem faktischen (oder dem durch Akromatopsie bedingten) Schwarz-Weiß da ist noch etwas. Da ist eine Welt, der wir Farben verleihen sollen. Ganz richtig, „Farben“, also Plural. Denn Sanne de Wildes Bilder appellieren vor allem für eines: für eine Pluralität des Sehens.

Sanne de Wilde ließ einige Schwarzweiß-Fotografien durch von Achromatopsie Betroffene nachkolorieren, ließ sie einem kleinen Stückchen Welt „ihre eigenen Farben“ zurück geben. Wie schaut man so ein „Ausmalbild“ eigentlich an? Gibt es hier „richtige Farben“? Gibt es denn dann auch „richtiges Sehen“ (Foto: Sanne de Wilde/Noor)

Die Arbeiten von Sanne de Wilde sind noch bis 18. Januar 2018, jeweils Mittwoch bis Freitag 15–19 Uhr und Samstag 11–15 Uhr oder nach Vereinbarung in der Soiz Galerie, Schustergasse 19, zu besichtigen. Eintritt frei. Nähere Informationen auch unter: www.soiz.de.

Man lässe sich von der Hängung „auf rosa Farbtapete“ nicht täuschen. „The Island of the Colorblind“ persifliert sich nicht selbst. Diese kolorierten Schwarzweiß-Fotografien und die Infrarotaufnahmen bergen so manche ernste Anfrage an unsere Wahrnehmung der Welt (Foto: galerie lichtblick/Schelhorn)
Die von Achromatopsie betroffene Bewohner der Insel Pingelap verbergen wegen ihren hohen Lichtempfindlichkeit meist ihre Gessichter. Tageslichtporträts sind so kaum möglich. Es sei denn, man macht das Verbergen selbst zum Thema, wie in diesem spielerisch anmutenden Foto Sanne de Wildes (Foto: Sanne de Wilde/NOOR)