„Trotzdem! Wie ich versuche, katholisch zu bleiben“

Passau, 25. Juni 2020 – Es war aus mehreren Gründen ein besonderer Abend: Nach Monaten ohne Beisammensein konnte der Katholische Deutsche Frauenbund (KDFB) in der Diözese Passau endlich wieder zu einer Bildungsveranstaltung einladen – natürlich unter Einhaltung der derzeit geltenden Hygiene- und Sicherheitsvorschriften. Im Kulturmodell in Passau las die Politikwissenschaftlerin und Journalistin Dr. Christiane Florin aus ihrem kürzlich veröffentlichten Buch „Trotzdem! Wie ich versuche, katholisch zu bleiben“. Auch für sie war der Abend etwas Besonderes: War es doch das erste Mal, dass sie ihr neues Buch bei einer Lesung vorstellen konnte.

„Meinung bildet sich im Dialog und im Austausch. Dafür steht der KDFB – dass man sich eine Meinung bilden kann“, führte die Diözesanvorsitzende Bärbel Benkenstein-Matschiner in den Abend ein. Ein Angebot, dass genau 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei der ausgebuchten Veranstaltung gerne in Anspruch nahmen. Die Autorin selbst betonte zu Beginn, dass es nichts Positives zu hören geben werde. „Erbauliches ist nicht so meine Stärke“, stellte sie fest. Trotzdem brachte sie ihr Publikum immer wieder zum Lachen – denn Christiane Florin bringt scharfzüngig und teilweise auch spöttisch auf den Punkt, was aus ihrer Sicht in der katholischen Kirche schiefläuft. Unter anderem geht es um Machtmissbrauch, sexualisierte Gewalt und Frauendiskriminierung. Die gläubige Katholikin bezeichnet ihre eigene Konfession als „zerrissen-katholisch“, die katholische Kirche als „Sonderwelt mit eigenen Regeln“, die Gläubigen als „Schafe“. Dazu passt der Titel des Anfangskapitels: „Ich bin ein Schaf – holt mich hier raus!“ Aus diesem und weiteren Kapiteln las Florin einige Passagen vor. Schnell wurde klar: Sie legt den Finger in eine Wunde, die bei vielen Frauen schon lange tief klafft. Doch Florin fordert die „Schafe“ auch auf, selbst aktiv zu werden, sich eben nicht alles gefallen zu lassen. „Wir müssen mehr Widerspruchsgeist entwickeln, die Machtverhältnisse stärker kritisieren und uns auf ganz andere Weise mit dem Thema der sexualisierten Gewalt auseinandersetzen. All das thematisiere ich. Es ist auch ein Appell, die katholische Kirche nicht den Autoritären zu überlassen, die sagen: Es war schon immer so, es ist jetzt so und es muss so bleiben“, so Florin. Ein großes Thema, auch bei der auf die Lesung folgende Diskussion, die von KDFB-Bildungsreferentin Tanja Kemper moderiert wurde, war das Thema der Gleichberechtigung. „Frauen erleben sich in ganz vielen Situationen nicht als gleichberechtigte Mitglieder dieser Kirche. Das ist nicht nur im formalen Sinne so, wenn ein Amtsträger ihnen sagt: ‚Hier ist Schluss, weil Sie eine Frau sind.‘ Ihre Beiträge werden in Debatten nicht erst genommen, sie haben oft – wenn überhaupt – eine Alibifunktion. Ein ziemlich schlagendes Beispiel war für mich die Amazonassynode, bei der man Frauen nicht mal ein Stimmrecht gegeben hat. Und das ist ein Punkt, wo ich denke, da muss doch noch etwas anderes dahinterstecken. Wenn ich schon die Weihe abschreiben soll – aber warum auch das Stimmrecht?“, sprach Florin vielen Teilnehmerinnen aus der Seele. Mit ihrem neuen Buch möchte sie genau wie schon mit dem Vorgängerbestseller „Der Weiberaufstand – warum Frauen in der katholischen Kirche mehr Macht brauchen“ ermutigen, zu hinterfragen. „Ich möchte die Frauen dazu anregen, selbst zu denken und katholische Konditionierungen abzulegen. Das Tor zur Hölle – da bin ich mir ziemlich sicher – geht nicht auf, wenn man Gleichberechtigung fordert.“ Grundsätzlich wünsche sie sich die Möglichkeit, offene Debatten zu führen. Eben auch beim Thema, ob man Mitglied der Kirche bleibt oder nicht. Sie selbst beleuchtet diese Frage in ihrem Buch ausführlich. „Das hat viel mit emotionaler Bindung zu tun. Ich bin in der katholischen Kirche groß geworden und könnte das jetzt nicht einfach so abstreifen. Wenn es mir nicht etwas wert wäre, würde ich diesen Streit gar nicht eingehen“, so Florin. „Es ist mir ein Anliegen, dass sich Menschen in dieser Kirche zu Hause fühlen können. Aber ich stelle fest, dass das nicht mehr so geht. Ich fühle mich eher entfremdet. Das hat viel damit zu tun, dass ich Dinge erlebe, wo ich sage: Das gibt es doch nicht, das ist nicht das, wofür ich früher eingestanden bin. Es ist auch nicht so, dass ich sage, ich kann für alle Zeit formal Mitglied dieser Kirche bleiben. Mir tut es einfach leid, dass die Beheimatung weg ist, dass es nicht möglich ist, kritisch katholisch zu sein, ohne gleich zu hören: ‚Na gehen Sie doch!‘ Das ist nicht das, was ich mit Kirche verbinde – und da gebe ich noch nicht so schnell auf.“

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