Zur Werkschau der Farbfotografie-Pionierin Evelyn Hofer im Das Museum Moderner Kunst

(von Tobias Schmidt)

„Es ist wahrlich eine Schande, dass die Fotografie erfunden wurde!“ Nein, dieser Satz ist keine Kritik am heutigen, per Mobiltelefon-Kamera aufgenommenen allgegenwärtig-allverfügbaren Bild. Mit diesen Worten resümierte Evelyn Hofer in den späten 1990er Jahren ihr künstlerisches Werk. Da war die 1922 in Marburg an der Lahn geborene, in Zürich ausgebildete, und nach Emigration über die Schweiz, Spanien und Mexiko, ab 1946 in New York ansässige und 2009 in Mexiko Stadt gestorbene Fotografin bei wunderschönen Stillleben mit Obstschalen und Zinngefäßen vor tiefschwarzem Hintergrund angelangt.

Sie hatte alle Lebenserfahrung in eine letzte Serie gesteckt, welche die von ihr hoch geschätzte spanische Malerei des 17. Jahrhunderts schlicht adaptierte. So als wollte sie sagen: Ein gutes Bild muss eine überzeitliche, existenzielle Dimension eröffnen. Das kann am Ende nur die Malerei. Die gegenwärtig im Museum Moderner Kunst Wörlen gezeigte Werkschau „Evelyn Hofer. Begegnungen mit der Kamera“ zeigt Hofers Weg zu diesem Resümee. Und das es eigentlich gar nicht so vernichtend gemeint war, ist doch in vielen vorher entstandenen Bildern eine ebensolche „malerische“ Auffassung enthalten. Über Hofers berufliche Anfänge als freischaffende Fotografin in der New Yorker Modefotografie wird berichtet, ihre Auftraggeber u.a. bei Magazinen wie Vogue und Harper’s Bazaar seien voll des Lobes ob ihrer Arbeiten gewesen, hätten diese dann aber ebenso oft verworfen. Hofer hatte Talent für Modelporträts…  …nur blieb die von ihnen getragene Mode auf den Bildern allzu oft zweitrangig.

Evelyn Hofer, Ca c’est New York‘ (Quelle: Estate Evelyn Hofer, Galerie m, Bochum)

1953 mietete sie ein Studio an, und begann mit der Farbfotografie, einem damals noch gemeinhin der Werbung vorbehaltenen „gebrauchsgrafischen“ Genre. Ihre Motive fand sie in Stadtansichten, Straßenschluchten, Werbebannern, die mehr die Ahnung einer Botschaft als auch nur einen vollständigen Satz preisgeben. Es sind schlichte, meist in zentraler Draufsicht ausgeführte Arbeiten. Die etwa zeitgleich in New York entstehenden Farbfotografien Saul Leitners mit ihren Verwischungen, Durchblicken durch angelaufene Fensterscheiben, verminderter Tiefenschärfe und anderen, aus der abstrakten Malerei abgeschauten Techniken, sind zum Beispiel wagemutiger. Eine eigene, wiederum am Porträt orientierte Handschrift erhalten Hofers Stadtbilder Mitte der 1960er Jahre (also zeitgleich zu den ersten Gehversuchen, William Egglestons, der bis heute gern und fälschlich als „Wegbereiter der Farbfotografie“ bezeichnet wird.) Afroamerikanische Besucherinnen in Feiertagskleidung vor einer Pfingstkirche. Die sich bei genauem Hinsehen als umgewidmete ehemalige Garküche entpuppt. Ein Polizist an einer Straßenkreuzung, eingerahmt von auffallend kleinen Plakaten, die Straße erst bei Grün zu überqueren. Und einem übergroßen, das Biergenuss zu Lebensgenuss erklärt. Ganz groß ist Hofer bei Porträts von Abwesenden: seien es etwa die Stühle eines dem Anschein nach mit Brokat ausgeschlagenen Schönheitssalons mit Deckenlüster. Hier sagt einem jedes Detail: das sind keine schnöden „Werkbänke“, hier geht es um Zeremonie, diesen Raum verlassen Kundinnen „verwandelt“. Ebenso die Hausbesuche, etwa in Andy Warhols New Yorker Stadtwohnung, in einem Lagerhaus, in welchem persönliche Besitztümer, Erinnerungen und die Reisegarderobe Marlene Dietrichs aufbewahrt wurden, oder in englischen Justizvollzugsanstalten. „Achtung, frei fliegender Wellensittich!“ heißt es da auf einer Zellentür. Wie schnell so aus dem unsichtbaren „Insassen“ dahinter ein „Bewohner“ wird?

Evelyn Hofer, ‚Springtime Washington‘, 1965 (Quelle: Estate Evelyn Hofer, Galerie m, Bochum)

Bei Hofer ist es nie ein rein dokumentarischer Blick, sie will den, die oder das Abgebildete dem Wesen nach begreifen. Und: Hofer komponiert ihre Fotografien stets. Zellentrakte in Gitterdurchsicht und schwarzweiß, gearbeitet, das geht wie klassische Architekturfotografie durch. Man lege dies neben das vorab erwähnte Gefängnisbild vom abwesenden Wellensittich und begreift: es ist das in Anstaltsorange der Zellentür, was dieses Bild über einen dokumentarischen Schnappschuss erhebt. Viele der Bilder Evelyn Hofers werden als Dye Transfer Prints gezeigt. Bei diesem Reliefdruckverfahren ohne Druckmaschine werden die subtraktiven Grundfarben belichteter Negative mittels Laserrecorder auf Matrixfilme belichtet. Nach Entwicklung zu gehärteten Gelatine-Druckplatten werden diese in Becken mit entsprechenden Farblösungen eingelegt und anschließend auf Barytkarton gewalzt. Aufwendig, aber archivecht finden Teile dieses aufwändigen Prozesses finden übrigens auch in der analogen Vervielfältigung von Kinofilmen Anwendung. Den Fotodrucken fehlt quasi jeder Eindruck von „Körnigkeit“ bei bestechend schöner Farbsättigung und Wiedergabe von Tiefenschärfe.

Evelyn Hofer, “Hommage à Zurbarán (Still Life No. 6)“, New York, 1997 (Quelle: Estate Evelyn Hofer, Galerie m, Bochum)

Noch bis 27. Oktober ist „Evelyn Hofer. Begegnungen mit der Kamera“ jeweils Dienstag bis Sonntag von 10-18 Uhr im Museum Moderner Kunst Passau Wörlen, Bräugasse 17, zu besichtigen. Begleitend ist ein Katalog mit Beiträgen von Prof. Dr. Harald Kunde, Julia Sonnenfeld und MMK-Leiterin Dr. Marion Bornscheuer im Steidl Verlag erschienen.   

Evelyn Hofer, “Car Park“, New York, 1965 (Quelle: Estate Evelyn Hofer, Galerie m, Bochum)