Hisch: „Personalquoten verschärfen Konkurrenzsituation und Fachkräftenotstand“

Bad Griesbach. Gesundheitsminister Spahn zwingt dem Markt einen weiteren unnötigen Wettbewerb auf, so die Bewertung des Verwaltungsleiters des KWA-Stifts Rottal, Michael Hisch, im Gespräch mit MdL Walter Taubeneder anlässlich der zum 01. August verordneten Wiedereinsetzung der Pflegepersonaluntergrenzen u. a. für die Intensivmedizin und die Akut-Geriatrie in den Krankenhäusern. Die Regelung, welcher der Stärkung des Pflegepersonals und der Patientensicherheit in den Kliniken dienen sollte, war pandemie-bedingt im Frühjahr ausgesetzt worden und sollte im Jahr 2020 auch nicht mehr wiedereingesetzt werden.

Die Klinik für neurologische und geriatrische Rehabilitation in Bad Griesbach besaß in der bisherigen Hochphase der Corona-Pandemie Systemrelevanz, da sie durch eine Übernahme des Abschlusses der klinischen Therapie dazu beitrug Kapazitäten in den Kliniken und Krankenhäusern zu schaffen, wie Hisch erklärt. Nachdem aber weder die Pandemie beendet sei noch eine vergrößerte Angebotssituation an Pflegekräften bestehe, stelle die Wiedereinsetzung der Personaluntergrenzen ein fatales Signal dar. Dies sei umso mehr der Fall, da somit auch die dahingehende Anerkennung von Hilfskräften in den Krankenhäusern teilweise ihr Ende findet, so der Verwaltungsleiter.
Mit der Festsetzung von Personaluntergrenzen wird für die verschiedenen pflegesensitiven Krankenhausbereiche jeweils eine maximale Anzahl von Patienten pro Pflegekraft definiert und festgelegt, welchen Grenzwert der Anteil von Pflegehilfskräften jeweils nicht überschreiten darf, damit ausreichend qualifiziertes Personal zur Verfügung steht. Auch MdL Walter Taubeneder gab hier zu bedenken, dass sich Pflegequalität nicht allein an fachlicher Qualifikation bemessen lässt. „Hier ist pragmatisches Handeln gefragt. Qualität in der Pflege bedeutet auch Zeit für den einzelnen Patienten zu haben“, so Taubeneder. Dies können auch durch Hilfskräfte ohne Aushebelung von Qualitätsstandards geleistet werden, wie dieser weiter betont.

Der Pflegepersonalnotstand sei ein vielschichtiges und strukturelles Problem, so Hisch. Um dem Fachkräftemangel in der Altenpflege zu begegnen, hat die Bundesregierung im Rahmen des Pflegepersonal-Stärkungsgesetzes ein „Sofortprogramm Pflege“ aufgelegt, das überwiegend von den gesetzlichen Krankenkassen finanziert wird. In vollstationären Pflegeeinrichtungen sollen 13.000 zusätzliche Stellen geschaffen werden. Michael Hisch kritisiert, dass die Stellenschaffung im Pflegebereich zwar grundsätzlich notwendig und zu befürworten sei, diese aufgrund der gegebenen Fachkräftesituation aber unrealistisch ist. „Aus einem leeren Markt kann man nichts aussaugen“, beschreibt Hisch, der auch Sprecher der Arbeitsgemeinschaft „Heimleiter Passauer Land“ ist, die gegenwärtige Situation.

Abhilfe könnte einerseits eine größere Zahl an Auszubildenden in den Pflegeberufen und andererseits die verstärkte Anwerbung ausländischer Fachkräfte schaffen. Zur Ausbildungsstruktur kritisiert Hisch, dass diese lediglich in klinisch-stationärer Umgebung und in Altenpflegeeinrichtungen möglich sei. „Eine Einrichtung im Bereich der Rehabilitation kann keine eigene Ausbildung von Fachkräften ermöglichen“, wie Michael Hisch erklärt. Dies sei unverständlich, da die Rehabilitation in ihrem Anforderungs- und Aufgabenprofil gleichermaßen kranken- und altenpflegerische Elemente abdeckt. Wiederholte Aufforderungen, dies zu ermöglichen – auch durch Kolleginnen und Kollegen der Fachbereiche –, waren bereits mehrfach gescheitert.

Auch die Anwerbungsprogramme für Fachkräfte aus dem Ausland gestalten sich oft als bedingt hilfreich, beklagt Hisch weiter. Die teils über ein Jahr dauernden Anerkennungsverfahren für bereits im Heimatland erworbene Qualifikationen seien unnötig sperrig und bürokratisch aufwendig. Hinzu kommen Sprachbarrieren, deren Abbau weitere Zeit in Anspruch nimmt. MdL Walter Taubeneder regte an, dass eine qualitative Intensivierung der Vorbereitungsprogramme in den Heimatländern an dieser Stelle hilfreich sein könnte.

Vor dem Hintergrund der weiter äußerst angespannten Personalsituation in der Pflege schaffe die Wiedereinsetzung der Pflegepersonaluntergrenzen eine unnötige Verschärfung der Konkurrenzsituation, befürchtet Hisch. Die Kliniken sehen sich unter Androhung finanzieller Einbußen zur aggressiven Fachkräfteanwerbung verpflichtet, um die geforderten Quoten zu erfüllen, worunter wiederum die Rehabilitations- und Altenpflegeeinrichtungen, aber auch die ambulanten Dienstleister leiden. „Kranken- und Altenpflege werden gegeneinander ausgespielt“, analysiert Hisch, der in seiner Einrichtung bereits bestehende Unterschiede zwischen den Pflegeberufen beim Erhalt der Corona-Prämie durch eigene Mittel ausgeglichen hat.

Walter Taubeneder stellte fest, dass eine Verschärfung der Konkurrenzsituation in der Pflege auch strukturelle Benachteiligungen hervorrufen könne. So wie sich unterschiedliche Anreize zwischen der Krankenpflege und der Altenpflege manifestieren, bestehen diese auch verstärkt zwischen den Kliniken in Stadt und Land. Gerade in ländlichen Regionen werde es immer kostspieliger Krankenhausstrukturen zu bedienen und zu erhalten, so Taubeneder. „Wir dürfen nicht zum großen Verlierer des Konkurrenzdrucks in der Branche werden“, mahnt der Abgeordnete, der sich weiter in der Thematik einsetzen will. Auch deshalb kritisiert Hisch die Pläne zur Etablierung von Pflegestützpunkten durch die öffentliche Hand. „Die Fachberatung wird bereits durch die Sozialdienste sichergestellt. Mir erschließt sich nicht, wieso hierfür weitere Fachkräfte zur Errichtung einer Doppelabdeckung abgezogen werden sollen“, so Hisch.

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