Klanggewordene Midlife Crisis

Theaterklassiker „Der Rosenkavalier“ mit Juliane Banse am Landestheater Niederbayern

(von Tobias Schmidt)

Im Dezember bringt das Landestheater Niederbayern einen der beliebtesten Klassiker des Musiktheaters des 20. Jahrhunderts auf die Bühne. Den „Rosenkavalier“, die „heitere Komödie mit Musik“, komponiert von Richard Strauss nach dem Libretto von Hugo von Hofmannsthal. Wie auch seine anderen beiden wichtigsten frühen Opern „Salome“ und „Elektra“ wurde Strauss‘ op. 59 1911 an der Dresdner Semperoper uraufgeführt. Dabei ist die Handlung des Rosenkavaliers wohl am besten als melancholisches Sittenbild des barocken Wiens zur Mitte zur Mitte des 18. Jahrhunderts beschrieben. Doch von Hofmannsthal lässt einen Personenreigen auftreten, der die Figuren der italienischen commedia de’ll arte „psychologisiert“, ihnen das Leben moderner Menschen an der Jahrhundertwende – allerlei „Befindlichkeiten“ inklusive – andichtet. Aus Roman und Novelle kannte man das bereits, eine so konzipierte, dreistündige Oper mit sinnlicher Tonsprache war indes neu.

Worum es geht? Diese „heitere Komödie mit Musik“, verhandelt Ehekonventionen und Affären. Und zwar gleich ab der Eröffnungsszene: Die Feldmarschallin – Typ „reife Frau“, heutzutage wahrscheinlich „Cougar“ genannt – beginnt eine heiße Affäre mit dem blutjungen Grafen Octavian. Doch weit her ist es nicht mit dem erotischen Selbstbewusstsein dieser bestens fürs Tinder-Zeitalter geeigneten Gestalt. Der junge, „Quinquin“ („Kindchen“), genannte Liebhaber wird gefragt, wie lange er sie noch lieben wird, da ihre „biologische Uhr“ ticke. „Die Zeit, die ist ein sonderbares Ding“, singt die Feldmarschallin, „Wenn man so hinlebt, ist sie rein gar nichts. Aber dann auf einmal, da spürt man nichts als sie. Sie ist um uns herum, sie ist auch in uns drinnen. In den Gesichtern rieselt sie, im Spiegel da rieselt sie, in meinen Schläfen fließt sie. Und zwischen mir und dir da fließt sie wieder, lautlos, wie eine Sanduhr“. Angesichts dieser auf den Punkt gebrachten Midlife Crisis sage noch einer, Oper sei von gestern – die Psychologieratgeber auf Dating-Portalen der virtuellen Ewig-Jugendlichen des Tinder-Zeitalters brauchen dazu lange Abhandlungen. Nach einer stürmische Liebesnacht, stört just der Baron Ochs von Lerchenau die beiden Heimlichtuer. Ziemlich selbstbewusst und zugleich reichlich pleite, verkündet er die baldige Hochzeit mit Sophie von Faninal aus neureichem Hause. Was ihn jedoch nicht abhält, dem Zimmermädchen der Feldmarschallin Avancen zu machen. Dumm nur, dass die in Wirklichkeit niemand anderes als der verkleidete Octavian ist. Der später als Brautwerber – als Rosenkavalier – zu Sophie geschickt wird, und sich prompt in diese verliebt.
Und so nimmt die Verwirrung ihren Lauf, Standesgrenzen tun dabei das Ihrige, um am Ende doch ad acta gelegt zu werden. Es werden Loblieder auf die Ehe gesungen, doch zum finalen Gang vor den Altar kommt es nur, weil eine Frau einen Mann (nicht den eigenen, soviel sei verraten) mit großer, und für das Publikum vergnüglicher Geste zum Teufel jagt.

Ein echtes Zuckerl gibt’s bei der Besetzung: Juliane Banse, in der Bundesrepublik im lyrischen Opern- und Liedfach seit den 1990er Jahren eine Sopranistin extraordinaire wird die Feldmarschallin singen. Banse hatte in Interviews wiederholt betont, dies sei eine ihrer Wunschrolle. Der mit Banse befreundete Landestheater-Intendant Stefan Tilch griff dies en passent auf, als er der Sängerin im Juli via Facebook zum Geburtstag gratulierte. Nun böte sich Gelegenheit, denn er, Tilch, inszeniere den Rosenkavalier am Landestheater. Diesen Spaß habe „Frau Banse recht ernst genommen“, beschreibt man dort die Reaktion der Sopranistin. Sie wird die Aufführungen im Dezember und Januar singen (in den Vorstellungen im März wird Jennifer Davison die Partie der Marschallin übernehmen).

Premiere am Stadttheater Passau ist am 9. Dezember um 18 Uhr; es gibt noch Restkarten. Weitere Aufführungen am 14. und 19. Januar. Kartenreservierung telefonisch unter Tel. 0851 9291910 oder online via www.landestheater-niederbayern.de.

(Bilder: Die Sopranistin Juliane Banse wünscht sich, einmal die Marschallin in „Der Rosenkavalier“ singen zu dürfen. Dank Landestheater-Intendant Stefan Tilch und Facebook wird daraus nun im Dezember und Januar Wirklichkeit – Fotos: Stefan Nimmesgern)

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