Mitteleuropa durchs Bahnfenster und unterm Brennglas. Bei Lesungen mit Jaroslav Rudiš und Wolfgang Sréter

(von Tobias Schmidt)

Am Donnerstag, 5. Dezember November stellt der tschechische Schriftsteller und Dramatiker Jaroslav Rudiš („Himmel unter Berlin“, „Vom Ende des Punks in Helsinki“, Comic-Szenario für „Alois Nebel“) seinen ersten auf Deutsch geschriebenen Roman vor. In „Winterbergs letzte Reise“ – im Februar bei Luchterhand erschienen – breitet der Autor ein mitteleuropäisches Erinnerungspanorama aus. Nach Art der, in Ostmitteleuropa bis heute gepflegten Kunst der literarischen Langreportage, angefüllt mit Rudiš’s bisweilen schnoddrigen Dialogen und dort verortet, wo sich dieser Autor am wohlsten fühlt: in der Eisenbahn.

Die Passagiere sind Altenpfleger Jan Kraus, gebürtig aus Vimperk, dem früheren Winterberg im Böhmerwald stammend. Unter welchen Umständen er 1986 die Tschechoslowakei verlies bleibt sein Geheimnis – und sein Trauma. Kraus begleitet Wenzel Winterberg, geboren 1918 in Liberec, dem einstigen Reichenberg. Als Sudetendeutscher wurde er nach dem Krieg aus der Tschechoslowakei vertrieben. Nun nahen die letzten Tage seines Lebens, in denen Jan Kraus ihm Begleiter sein soll. Dessen Erzählungen aus seiner Heimat Vimperk sind es, die Winterberg noch einmal ins Leben zurückholen. Beide treten eine Reise an: Auf der Suche nach einer verlorenen Liebe. Mit einem alten Baedeker-Reiseführer von 1913 geht es von Berlin nach Sarajevo über Reichenberg, Prag, Wien und Budapest. Einmal durch die Geschichte Mitteleuropas, als dieses noch als territorialer Flickenteppich, bestimmt von imperialen Moder, aber eben auch noch als Bewußtseinsraum existierte.

Doch sowohl Kraus als auch Winterberg haben ihre ganz eigenen Dämonen der Geschichte mit im Reisegepäck. Die von der Buchhandlung Pustet und dem Passauer Pegasus präsentierte Veranstaltung beginnt um 20 Uhr im Scharfrichterhaus. Karten sind unter Tel. 08515608913 oder per Email an passau@pustet.de reservierbar.

Und gleich noch einmal die Frage nach etwas Altem, das in neue Zeiten gerettet oder überführt werden soll. Gleich noch einmal ostmitteleuropäische Grenzgänge: Der in Passau gebürtige Autor, Soziologe und für seine präzis-lakonische Beobachtungsgabe vielfach gelobte Wolfgang Sréter liest am dritten Adventssonntag, 15. Dezember, aus seinem in der Viechtacher edition lichtung erschienenen Roman „Milenas Erben“. Der Roman setzt mit dem Ableben der Dame ein. Ihre Verwandten kannten sie eigentlich nicht wirklich, jedoch soll sie ein Hotel in dem schillernden Kurort Karlovy Vary, dem einstigen Karlsbad, besessen haben. Die Hoffnungen auf die Testamentseröffnung, zu der die Angehörigen anreisen sind also durchaus hoch. Doch mit den Familienmitglieder treffen auch Träume, Weltanschauungen, Eitelkeiten und alte Wunden aufeinander.

Wolfgang Sréter (Foto: Dominik Parzinger)

Wolfgang Sréter fängt die Stimmung Anfang der 1990er Jahre ein, in der die „Rückführung von Eigentum“ im Zuge der Auflösung des Ostblocks auch viele deutsche Glücksritter nach Tschechien lockte. Seine sechs Hauptfiguren porträtiert er in genauen Studien und flicht ihre individuellen Geschichten zu einer spannenden Handlung.

Die von Leo Gmelch musikalisch umrahmte Lesung beginnt um 18 Uhr. Weitere Informationen und Kartenreservierung unter www.cafe-museum.de