Münchner It-Girl, NS-Groupie, des Führers adlige Einflüsterin, Konkurrentin Eva Brauns – was ist nicht alles über Unity Mitford geschrieben worden. Die Autorin Michaela Karl stellt sie bei einer Lesung am 22. Februar vor: als eine begeisterte junge Frau, die zwischen die Fronten geriet

(von Tobias Schmidt)

Wer Freude an unkonventionell geschriebenen Biographien rebellischer Exzentriker mit neugierig stimmenden Buchtiteln hat, ist bei Michaela Karl an der richtigen Adresse. Die in Osterhofen lebende Politologin und Münchner Turmschreiberin brachte ihren Lesern bereits Bonnie und Clyde, Zelda und F. Scott Fitzgerald oder bayerische Volkshelden wie den Räuber Mathias Kneißl näher. Und immer wieder Frauen: Liesl Karlstadt, die Münchner Jugendjahre der Tänzerin Gret Palucca oder auch die Autorin Dorothy Parker, deren Biographie Karl mit “Noch ein Martini und ich lieg unterm Gastgeber“ überschrieb. Ihr aktuelles biographisches Sachbuch schmückt wieder so ein Titel, der an eine konkrete Szene denken lässt: “Ich blätterte gerade in der ‚Vogue‘, da sprach mich der Führer an.“ Die Autorin legt diesen Satz der 20-jährigen englischen Adligen Unity Valkyrie Mitford in den Mund. Monatelang hatte die hochgewachsene, blonde Schönheit es darauf angelegt, den Reichskanzler Adolf Hitler in einem Münchner Lokal zu treffen, was ihr schließlich im Februar 1935 gelang. Beide sprachen etwa eine halbe Stunde miteinander. In den kommenden viereinhalb Jahren werden noch rund 140 weitere Treffen folgen.

Münchner Juden wurden aus ihrer Wohnung geworfen, damit die junge britische Cabriolenkerin dort einziehen konnte. Obschon als Ausländerin nicht Parteimitglied erhielt sie ein persönliches NSDAP-Abzeichen. Mitford stieg in den inneren Kreis um Hitler auf. Ideologisch konnte sie mithalten, denn in kaum einem Land außerhalb des Deutschen Reiches hatte die Idee einer nordisch-germanischen Hegemonie mehr Sympathisanten als in Großbritannien. Eine Humanauslese im Sinne Darwins als Weg zu einer gesellschaftlich höher stehenden Ordnung erschien vielen auch abseits der NS-Sympathisanten in Großbritannien vertretbar. Etwa jenem Schriftsteller und ehemaligem Minister mit Namen Winston Churchill, den Mitfords Cousine geheiratet hatte. Rassischen Antisemitismus als Erlösungsphantasie und in Ansätzen politische Programmatik hatte bereits Houston Stewart Chamberlain beschrieben. Ins Deutsche übertragen wurde dieser Vordenker Hitlers von Unity Mitfords Großvater. Der noch Richard Wagners persönlich gekannt hatte – wen wundert Lady Mitfords zweiter Vorname „Walküre“ da noch? Ja selbst ihre exzentrischen Geschwister passen hier ins Bild. Wie sie sich in Affären mit französischen Regierungsberatern und englischen Faschistenführern ergingen, ein gutsituiertes Dasein für homoerotische Verbindungen aufgaben oder als Kommunisten in den Spanischen Bürgerkrieg zogen.

Michaela Karls Biographie schildert all diese Milieuhintergründe, doch zuvörderst ist dies das Porträt einer jungen Frau, die als extravagante Dame von Welt gewandt und ideologisch begeistert wie auch gefestigt war. Dem NS verhalf sie zu etwas Glamour. Doch wollte sie womöglich mehr, wollte mitgestalten? Wenn sie sich zu Kritik an Personalentscheidungen verstieg oder bei passender und weniger passender Gelegenheit gegenüber Hitler für eine deutsch-britische Allianz warb. Unity Mitfords Ende liest sich wie das einer unglücklichen Geliebten: der Reichskanzler gab sich unnahbar, spielte seine Geliebte Eva Braun gegen Mitford aus. Reichsmarschall Hermann Göring vermutete eine britische Spionin in ihr. Dem britischen Geheimdienst war sie jedoch gleichfalls suspekt. Als Großbritannien nach dem deutschen Einfall in Polen, am 3. September 1939 gegenüber dem Deutschen Reich den Krieg erklärte, schrieb sie einen Abschiedsbrief, dem sie ihr NSDAP-Abzeichen beilegte. Am Englischen Garten in München habe sie sich mit einem Revolver das Leben nehmen wollen, doch misslang der Suizid. Hitler besuchte sie mehrfach im Krankenhaus, lässt sie schließlich in die neutrale Schweiz überstellen, von wo aus sie im Januar 1940 nach Großbritannien zurückkehrt. Die Kugel in ihrem Kopf wurde nie entfernt, am 28. Mai 1948 starb sie keine 33 Jahre alt. Michaela Karl stellt in ihrer Biographie fest, dass es auch Indizien gegen einen Suizidversuch gibt. Wollte Hitler seine englische Verehrerin aus dem Weg räumen? Wenn ja, was sagt das über diese junge Frau? Warum war sie als Staffage im arischen Chique auf einmal entbehrlich? Wem war sie möglicherweise gefährlich geworden?

Michaela Karl stellt ihre Unity Mitford-Biographie “Ich blätterte gerade in der ‚Vogue‘, da sprach mich der Führer an.“ am Mittwoch, 22. Februar im Scharfrichterhaus vor. Die vom Passauer Pegasus und Bücher Pustet veranstaltete Lesung beginnt um 20 Uhr; Karten zu 10,-/ermäßigt 8,- Euro sind ab sofort beim Kulturbüro des Scharfrichterhauses und bei Bücher Pustet reservierbar.

(Bild: Michaela Karl – Foto: Alicja Golja)