Rückblick auf das 34. INNtöne Jazzfestival

(von Tobias Schmidt)

Diersbach/OÖ. Etwas abseits der oberösterreichischen Ortschaft Diersbach, auf dem Buchmannhof in der Froschau fand am Pfingstwochenende das 34. INNtöne Jazzfestival statt.

Geparkt und gecampt wird auf den umliegenden Äckern; die dort zu entdeckenden KFZ-Kennzeichen geben ein gutes Bild der mittlerweile erlangten Reichweite. Aus Kärnten, München und Stuttgart, aus Zürich oder Frankreich reisten Gäste an. Was nicht immer so war. Lange galten die INNtöne als Liebhaberei des Jazzimpresarios und Biolandwirts Paul Zauner. Der kündigt aber nicht nur jedes einzelne Konzert ehemaliger, und meist „angegrauter“ Kompagnons aus seiner New Yorker Zeit in den frühen 1990ern charmant an, nein, unterm Jahr hat er den Radar offen für interessante, und durchaus junge Trends in der improvisierten Musik.

An Pfingsten kommt das alles zusammen, dann ergießt sich der Schöpfergeist in blauen Noten über etwa 3000 musikhungrigen Herzen und in doppelt so viele Ohren. Mag das Areal an Kapazitätsgrenzen stoßen, die Charmegrenze ist noch lange nicht erreicht. Sanft geschwungene Hügellandschaft, Forellen vom Grill mit Vorleben im Dorfteich, nächtliche Sessions in umgewidmeten Ställen…  …hiesigen Besuchern gut bekannt, steht diese Szenerie mittlerweile auch im weltweit renommierten Chicagoer Downbeat Magazine zu lesen.

Bis unters Dach sitzt das INNtöne-Publikum im Heustadl des Buchmannhofs. Und hört gespannt zu (Foto: Schmidt)

Zum erwähnten Musikradar: Paul Zauner hat einen Narren an der jungen britischen Szene gefressen. Dem dortigen Förderprogramm „Tomorrow’s Warriors“ (dt. „Morgige Krieger“) entwachsen seit etwa 15 Jahren spannende Solisten, die sich immer wieder in neuen Ensembles zusammen tun. Der Keyboarder und Produzent Joe Armon-Jones und der Tubist Theon Cross zeigten heuer mit ihren glänzend aufgelegten Bands, was und wer gerade die Clubs auf „the blessed isle“ begeistert. Ein Amalgam aus Souljazz, Dub oder Afrobeat nämlich, dargeboten von Saxophonistinnen wie Chelsea Carmichael und Nubya Garcia und dem, mit feiner Uhrwerkpräzision zu Werke gehenden Schlagzeuger Moses Boyd. Man pflegt in Großbritannien aber auch durchaus Jazzerbe. „Thelonious“, die Formation des schottischen Bassisten Calum Gorlay mit dem gebürtigen Niederbayern Hans Koller am Euphonium bewies das.

Was war noch zu hören: Gospel mit The Como Mamas, Tabla-Soloimprovistion mit Avirbhav Verma, Bossa Nova-Star Toninho Horta, Konzertgitarre, gemeinsam mit Rudi Berger an der Violine, das groovende Orgeltrio von Delmon Lamarr, die Allstar Band von Florian Weber u.a. mit dem Trompeter Ralph Alessi oder McCoy Tyners ehemaliger, hier ziemlich funky gestimmter Saxophonist Azar Lawrence. Geriet das Solorecital von Jazzklaviergigant Abdullah Ibrahim als Improvisation über seine Miniatur „Salaam“ (die im Querflöten-Original einfach schöner ist, basta!) irgendwann vorhersehbar, zeigte der mit allen Wassern gewaschene Pianist Brian Marsella, wie man ganz allein einen an Chopin geschulten Duktus mit dem radikalen Formverständnis eines Cecil Taylor in – nota bene – Einklang bringen kann.

Wie bereits im vergangenen Jahr stellten sich auch heuer spannende Acts der jungen britischen Szene vor: Von den Tenorsaxophonistinnen Chelsea Carmichael und Nubya Garcia (v.l.) wird man auch in unseren Breiten noch mehr hören (Foto: Schmidt)
Wie begleitet man sardische Hirtengesänge am besten in Jazzmanier? Vielleicht so wie Mauro Ottolini vom Gavino Murgia Blast Quartett auf dem Muschelhorn. Solche etwas exotischeren Gigs bringen die eigene Würze des INNtöne Jazzfestivals (Foto: Schmidt)

Das INNtöne Jazzfestival ist immer auch für etwas exotischere Formate gut: Sardische Canto a Tenore, eine der ältesten Vokaltraditionen Europas mit Kehlkopfgesang, dem das Call-and-response Element des Blues und Spirituals zu Eigen ist. Und die Tenore Goine di Nuoro, nach vielen Jahren wieder beim Festival zu Gast, können das. Doch so ganz verband sich der Sound des parallel aufspielenden Gavino Murgia Blast Quartett nicht zu einer Einheit. Was indes ganz wunderbar gelang beim wohl mit den meisten Erwartungen verbundenen Festivalgig, bei Supersonus-The European Resonance Ensemble. Alte Musik des Alpen- und Voralpenraums aus der Frührenaissance beamte das Ensemble um Obertonsängerin Anna-Maria Hefele und Marco Ambrosini an der Schlüsselfiedel (verwandt mit der Drehleier) ergänzt um Harfe, Cembalo und die hier essenziell wichtige Maultrommel in die Zukunft. Das gab stehenden Applaus.

Zwei alte Jazzhasen tänzeln und singen den Bossa Nova: Toninho Horta (Gitarre, Gesang) und Rudi Berger der in Brasilien lebende Wiener Jazzgeiger Rudi Berger (Foto: Schmidt)

Mag das Areal dieses Festivals an Kapazitätsgrenzen stoßen, die große Erwartungsfreude und Dankbarkeit seiner Zuhörer bleibt grenzenlos. Denn die INNtöne bieten hungrigen Herzen Heimat. Wer mag angesichts dessen eigentlich noch von Jazz als „verkopfter Musik“ sprechen?

Der New Yorker Trompeter Ralph Alessi beim Auftritt des Florian Weber Quartetts (Foto: Schmidt)