Künstlerische Positionen zu „Urban Exploration“. Aktuell beim Kunstverein Passau

(von Tobias Schmidt)

Auf Social Media-Websites findet man sie gelegentlich: Mitgliederanfragen zu von Menschen verlassenen Orten in einer Stadt, so genannten „lost places“. Meist geht es den Fragenden um in fotodokumentarischer Mission benötigte Informationen über aufgelassene Häuser, Fabriken, Bunker und ähnliche „Spielplätze“ des echten Lebens.

Peter Untermaierhofer, „secret garden shed“, 2015 (Fotografie)

„Urban Exploration“, kurz „Urbex“ heißt dieser, von den einen auf Weblogs oder digitalen Fotoalben im Internet gepflegte, von anderen eher belächelte Trend. Der was über unsere Zeit sagt? Dass so mancher Zeitgenosse die Erinnerung an Kindheitsabenteuer in einer weniger zweckrational verbauten (oder wenigstens so erinnerten) Umwelt pflegen will. Dass die Rückkehr zu echter anstatt virtueller Erfahrung mindestens en vogue (eigentlich aber doch bitter notwendig) ist. Dass „Herumstrolchen“ unter Umständen in einer Bürgerreportage über zivilisatorische Endpunkte „vor der Haustür“ endet, oder dass auch der Mensch des 21. Jahrhunderts nicht vor Zeitkapsel-Nostalgie gepaart mit ein wenig Grusel gefeilt ist.

Und ja, Kunst ist bei diesem, dem Dokumentarischen zweifelsohne stark verpflichteten Trend ebenfalls mit von der Partie.
Unter dem Titel „URBEX“ zeigt der Kunstverein Passau derzeit fünf künstlerische Positionen aus Fotografie, Grafik und Malerei zum Thema Urban Exploration in der Passauer St.-Anna-Kapelle. Zu erleben sind fünf Blicke zivilisatorische Spuren in der ansonsten menschenleeren Stadt, fünf bildnerische Expeditionen an verlassen liegende Orte, die nun bar ihrer einstigen Nutzung eine Neubewertung ganz unter ästhetischen Gesichtspunkten erfahren. Wo die herkömmliche Urbex-Fotografie das stete Vexierspiel imaginierter Vergangenheit sucht, also vom Gesehenen, in dem noch das einstmals Geschehene liegt, schlagen sich hier einige der Künstlerinnen und Künstler mit Verve ganz auf die Seite der Imagination.

Christina Kirchinger etwa entwickelt in ihren, mit der Aquatinta und Weichgrundätzung kombinierten Radierungen aus Flächen, Linien und Raumachsen neue Visionen einer unwirtlichen Unwirklichkeit, in denen Landschaften allenfalls schemenhaft zu erkennen sind.

Christina Kirchinger, „Aufbruch“, 2016 (Radierung und Aquatinta)

Christian Kropfmüller pflegt in seinen Fotoarbeiten eine Ästhetik des zweiten Blicks, indem er den Blick gezielt auf Banales in nüchternen Kompositionen richtet. Dem ursprünglichen Kontext entrissen, entwickeln diese Motive eine neue, eigenständige und humorvolle Realität.

Christian Kropfmüller, „ohne Titel“, 2016-17 (aus der Serie: Alltagsorte II, anaolge Fotografie, Pigmentdruck auf Barytpapier)

Nico Sawatzki kombiniert Malerei und Graffiti zur Umdeutung und subjektiven Aneignung urbanen Raums. Den Sawatzki zerbersten lässt.

Nico Sawatzki, „Raum-Serie 2017 #30“ (Sprühlack, Acryl auf Leinwand)

Zwischen Illusionismus und Abstraktion schwingen die malerischen Arbeiten Melanie Siegels. Sie zeigt Orte, an denen Natur und Menschengemachtes aufeinandertreffen in einer bewusst Schärfe und Unschärfe, Licht und Schatten akzentuierenden Malweise. Ein, mal friedvoll, mal dräuend-dunkles Geheimnis wohnt Siegels Bildern inne.

Der klassischen fotografischen Aufnahme meist unzugängliche Orte und den darin sichtbaren Spuren menschlicher Zivilisation widmet sich Peter Untermaierhofer. Ein ästhetisches, aber auch konservatorisches Unterfangen: Der Fotograf möchte die besondere Atmosphäre verfallender Hotels, Tanzsäle oder Kraftwerkstürme festhalten, bevor solche Ruinen städtebaulich neubeplant werden.

Peter Untermaierhofer, „tomb raider“, 2015 (Fotografie)

Ob es das Spekulativ-Dystopische, die Vision einer Post-Menschheits-Welt in diesen Bildern ist, die derzeit viele Besuche in die von Verena Schönhofer kuratierte Ausstellung zieht?
Der eingangs erwähnte Grusel also auch beim Betrachter angesichts Untermaierhofers Anthropozän-Finale in schicker High Dynamic Range-Optik? Möglich wär‘s. Und noch bis einschließlich 18. Februar jeweils Dienstag bis Sonntag, 13-18 Uhr in der St.-Anna-Kapelle, Heiliggeistgasse 4, selbst ausprobierbar. Eintritt frei.