Mitte Juli eröffnet das Schloss Obernzell nach Umbauarbeiten wieder. Mit einer großen Ausstellung zeitgenössischer Kunst des ortsansässigen Kunstsammlers Max Bischof jun. ‚Die Neue Woche‘ konnte bereits einen Blick darauf werfen

(von Tobias Schmidt)

Obernzell. Wenn schon, dann wollen sie’s auch richtig gut machen. Das haben die Bayerische Schlösserverwaltung und Max Bischof jun. gemeinsam. Der jahrzehntelang in der Bekleidungsindustrie tätige Obernzeller Kunstsammler drückt es so aus: „Eine Jacke ist erst komplett, wenn der letzte Knopf dran ist“. Und weil die Renovierungs- und Umbauarbeiten der Schlösserverwaltung am Schloss Obernzell gut voran kommen, kann die neue von der Marktgemeinde und dem Kunst- und Kulturkreis Obernzell e.V. (KuKuK) präsentierte Sonderausstellung Mitte Juli eröffnen. „Gegenwartskunst – Sammlung Max Bischof jun.“ heißt sie, gezeigt werden etwa 120 in rund 40 Jahren zusammengetragene Objekte. Gemälde, Skulpturen und Assemblagen sowie Fotografien, weitestgehend nach Bildthemen geordnet. Mobiliar und Objektkunst, weltanschauliche Sinnbilder, oder auch die per se symbolisch aufgeladenen „Hände“. Eine knifflige Aufgabe, auch weil Max Bischof ein ambitioniertes Ausstellungsmotto wählte: Keine Stillleben, keine Porträts, keine Landschaften! Gekonnt setzte Kuratorin Johanna Schmid vom KuKuK das forsche Ansagen machende Ausrufezeichen erst einmal in Anführungszeichen: Wäre doch zu schade, wenn man etwa Ernesto Tatafiores Porträtzeichnung der Familie des Unternehmers und Kunstförderers Reinhold Würth nicht zeigen dürfte. Oder „Natura morta“ – hier steckt das Stillleben je bereits explizit im Bildtitel – von Gabriele Schickle. Jenes Bild also, das einst den Grundstein der Kunstsammlung Max Bischofs bildete. Oder hätte man auf Arbeiten mongolischer Künstlerinnen wie P.Baigal und Ser-Odiin Dolgor verzichten sollen, nur weil sie an Landschaftsdarstellungen erinnern? Schade wär’s gewesen, um diese irgendwann Mitte der 1990er Jahre nach mehrmonatigen Verhandlungen mit der Regierung der Mongolei erworbenen Bilder. Schmid sah die hier trotz aller Farbigkeit relativ geringe Raumtiefe. Und sie sah eine Parallele zu den minimalistischen Druckgrafiken des Linzers Dietmar Brehm, Mitglied der renommierten Künstlervereinigung MAERZ. Und nun hängen diese beiden eben einträchtig beieinander im Fruth-Saal des Schlosses. Wendet man von dort den Blick, fällt zunächst das kinetische Objekt „Politesse“ (ein Frauenbein mit Blaulicht) des Münchners Jörg Besser ins Auge. Dahinter die größten in der Ausstellung gezeigten Arbeiten. Sie stammen vom Künstler Peter Schlangenbader aus Berlin, bis heute elementar wichtig für Max Bischofs vielfältige Kontakte zur dortigen Kunstszene. Denn der sagt: „Ich suche Künstler, nicht Arbeiten. Natürlich muss ich erleben, wie weit ein Kunstwerk reicht, etwas elementar Menschliches darin spüren.

Ein Teil der Ausstellung füllt den Fruth-Saal des Obernzeller Schlosses (Foto: Markus Fehrer)

Der Blick des Sammlers kommt aus der Textilwirtschaft

Im Idealfall ist das ein Erlebnis innerer Befreiung, ein Sich-Entäußern, wie das etwa auch Humor oder Erotik vermögen. Aber es muss auch eine menschliche Verbindung mit dem Künstler oder der Künstlerin da sein. Ein feines Sensorium für nicht immer auf den ersten Blick offenbare Themen im Hier und Jetzt – und wie man ihnen Form und Farbe gibt“. Bei letzterem Punkt kann Max Bischof unerbittlich sein. Dann will er ganz genau wissen, wie eine Farbschicht beschaffen ist, oder welche Fotodrucktechnik angewendet wurde, und ob denn auch zwecks Wertbeständigkeit bei der Verglasung auf den UV-Schutz geachtet wurde. Da ist sie dann wieder, die eingangs erwähnte, erst mit dem letzten Knopf komplette Jacke. Die Weite dieses sprachlichen „Bildes“ trägt weit zurück. Und zwar zu Max Bischof sen. Der führte einen bis heute bestehenden Ausrüstungsbetrieb für die Bekleidungsindustrie durch für die Branche unruhige Zeiten. „Den Zugang zum Textilwesen, den unternehmerischen Blick auf Detail und auf Zahlen, kurzum vieles, was ich beruflich erreichte, verdanke ich ihm“, sagt Max Bischof jun. Nach einer Schneiderlehre und Abitur auf dem Zweiten Bildungsweg führte ihn das zum Doppelstudium mit Abschlüssen in Bekleidungstechnik und Wirtschafts- und Betriebstechnik, später sammelte er Erfahrung als Produktionschef in internationalen Bekleidungsunternehmen. In München, in Italien, bei Joop oder bei Sarah Kern. Über 50 Länder bereiste Bischof so, sah neue Werkstoffe, Maschinen und Produktionstechniken, führte Verhandlungen in einer durchaus hart umkämpfen Branche. Aber Mode ist doch etwas Saisonales, die höchst vergängliche zweite Haut, die uns jemand anderes sein lässt, deren finaler Zweck aber gerade „die Häutung“, das Abschütteln des „Aus-der-Mode-Gekommenen“ ist? Also das ganze Gegenteil von hehrer, an überzeitlich Gültigem interessierter Bildender Kunst. „Das ist richtig. Und das hat seinen Platz auch bei meinen Verhandlungen am Kunstmarkt. Sich an der Begegnung mit Kunst und Künstlern begeistern und einen ästhetischen Mehrwert mit ganzem Herzen anerkennen können, diesen aber eben auch ganz rational als ‚hergestellt‘ begreifen können. So springt am Ende für alle Seiten etwas Zufriedenstellendes heraus. Ich bin durchaus ein Präzisionsfreak, weil ich ein Berufsleben lang Entscheidungen über Materialeinsatz bei Textilien fällte, die auf den ersten Blick nur zwei Zentimeter des Saumstoffes eines Kleidungsstücks betrafen, bei hohen Stückzahlen ging es da aber um durchaus große Beträge. So etwas rechtfertigt sich sehr viel leichter, wenn man etwas von der Beschaffenheit von Textilien und den handwerklichen Produktionsprozessen versteht.“

Peter Schlangenbader „Die vier Individuen“. Das würde dem enfant terrible der Berliner Kunstwelt gefallen, sein Gemälde in einem solchen, aus Teilen eines Renaissance-Altars gefertigten Rahmen zu sehen. Die Idee stammt von Max Bischof (Foto: Tobias Schmidt)

Genau so eine Herangehensweise führt dann zu tollen Begegnungen und letztendlich auch Kombinationen in der laufenden Ausstellung. Und dann hängen eben in der Remise des Schlosses Fotoarbeiten und hintersinnige Objets trouvè aus alten Arbeitsgeräten des für seine grafische Kombination von Materialien und Fundstücken geschätzten Passauer Künstlers Alois Jurkowitsch neben tollen Arbeiten von Dominique Wollniok aus Weimar, eine von Bischofs jüngsten Erwerbungen. Die junge Fotografin greift die Ästhetik des Bauhauses auf, essenziell dabei sind alte Garnspulen und Stoffmuster aus der bis in die Jahre nach dem Mauerfall in der nahen Kleinstadt Apolda boomenden Kunstfaser- und Textilproduktion. Vom Handwerkerkasten zu Sinnbildern der postindustriellen Gesellschaft. „Das hat Johanna Schmid wirklich toll kombiniert!“

Mit Gefäßen aller Art kennt man sich ja aus im Museum, aber normalerweise nicht so. Sammler Max Bischof beim Aufbau der „Hausfrauenpagode“ des Passauer Künstlers Alois Jurkowitsch (Foto: Bischof)

Weiterhin sind zu sehen: Frühwerke von Peter Robert Keil, Schulkamerad Wolfgang Joops und in einer dem Musiker David Bowie während dessen Berliner Zeit Mitte der 1970er Jahre nahestehenden Künstlergruppe. Elvira Bach, Jochen Seitz, Alois Riedl, etwas von den lange hier zu wenig bekannten abstrakten Arbeiten des Passauer Malers Otto Sammer, international renommierte Fotografen wie Christian Werner, aber auch von Christian Kropfmüller, der, wie Bischof selbst, die Fashionwelt der großen Metropolen hinter sich ließ und in die Region zurück kehrte. Abstrakte, farbintensive Arbeiten von Dieter Drexl, Stefan Szesny, André Göttgens und Peter Klonowski. Außerdem: Kleinplastiken aus Afrika und Skandinavien, und… …vielerlei Sorten von Bilderrahmen. Solche, die auffallen, und solche, die „aus dem Rahmen fallen“: vom Biedermeierrahmen mit Schellack, über Wurzelholz und Schlangenleder bis zu verschweißten Türangeln. Über glaslose Rahmung mit UV-Schutz für Fotografien bis zum vergoldeten Rest eines Renaissance-Altars für ein zeitgenössisches Gemälde. Man merkt schnell, hier steckt die Handschrift eines leidenschaftlich-eklektischen, in Präsentationsangelegenheiten aber auch pedantischen Sammlers drin. Den dürfen die Besucher der insgesamt vier Räume im Erdgeschoss des Schlosses umfassenden Ausstellung auch kennenlernen. Mag sich jeder seinen eigenen Reim auf das Dargestellte machen, doch wie man vom Bildbetrachten, zum Sammeln kommt, wie einem Kunst beim fortwährenden Sich-Neuverorten in der Welt hilft, und warum man deshalb unter Umständen auch einmal mit einer Skulptur in die Sauna geht, all das berichtet Max Bischof bei Sonntagsführungen!

Max Bischof und Johanna Schmid beim Hängen der Ausstellung. Fotografie und die damit zusammen hängenen Reproduktionstechniken bilden seit einigen Jahren einen Sammlungsschwerpunkt für Max Bischof (Foto: Tobias Schmidt)

Die Sonderausstellung „Gegenwartskunst – Sammlung Max Bischof jun.“ im Schloss Obernzell, Schlossplatz, 94130 Markt Obernzell ist von Mitte Juli bis zum Jahreswechsel jeweils Dienstag bis Sonntag von 10-17 Uhr bei freiem Eintritt zu besichtigen. Die Sonntagsführungen mit Sammler Max Bischof jun. finden um 15 Uhr statt, hierzu ist die Voranmeldung bei der VHS Hauzenberg unter Tel. 08586/5798 erforderlich.

Trompe l’oeil-Malerei und archaisch anmutende Skulpturen. Blick in einen der kleineren Ausstellungsräume (Foto: Bischof)
In dieser Collage von Dieter Dexl fand Max Bischof die eigenen Lebensmaximen und Erfahrungen bildlich dargestellt (Foto: Tobias Schmidt)
Minimalistische druckgrafische Arbeiten von Rudolf Klaffenböck und Dietmar Brehm. Letztere in schwarzen Biedermeier-Rahmen. Muss man sich auch erst einmal trauen (Foto: Bischof)
Speisekammer-Stillleben trifft auf Sinnbilder des postindustiellen Zeitalters. Der Kunstsammler Max Bischof zwischen Fotografien von Christian Werner und Dominique Wollniok (Foto: Tobias Schmidt)
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