Abwechslungsreichtum bei Jazz im Rathausinnenhof in der zweiten Augusthälfte

(von Tobias Schmidt)

Weiter geht’s auch in der zweiten Augusthälfte mit den täglichen eintrittsfreien Sommerkonzerten im Rathausinnenhof, veranstaltet von JazzFest Passau e.V.. Die Örtlichkeit gilt mit Vorbehalt: einige großartige Auftritte fanden wetterbedingt bereits im intimeren Rahmen des Café Museums statt. Andere sind von Vornherein Jazzclub im in der Bräugasse angesetzt, steht dort doch der kleine rote Steinway-Flügel.

Weshalb sich der Düsseldorfer Saxophonist Reiner Witzel auch dort mit zwei großartigen Klavierbegleitern verabredete: Mit Andrei Kondakov (14.8.), Jazzlehrer und -impresario aus Sankt Petersburg, und mit Richie Beirach (16.8.). Der heute in der Pfalz lebende 72-jährige Amerikaner, veröffentlichte überwiegend bei deutschen Musiklabels und unterrichtete knapp 15 Jahre lang in Leipzig. In Passau findet einer jener raren Gigs statt, bei der Beirach auf Witzels Trio „Drei im roten Kreis“ mit Joscha Oetz, Kontrabass, und Schlagzeuger Christian Scheuber trifft.

Weitere Highlights: Kammerjazz an der Schwelle zu Drone-Musik gibt es am 15.8. bei Nebula Machina zu hören. Unter diesem Namen loten der französische Bassklarinettist Ugo Boscaïn, Trompeter Jérôme Fouquet und Kontrabassistin Leïla Soldevila die Stille in zwar verteilten, jedoch grundsätzlich gleichberechtigten und wechselnden musikalischen Rollen aus. Zeitgenössische, entschleunigende Musik, die dabei weder Folk, Ambient noch Meditationsmusik geheißen werden will.

Nach dem Wölbbrettzither-Trio von Anna Romanovská Anfang Mai im Café Museum ist dies abermals ein Act des feinen, neugierigen Ohren hier wieder einmal empfohlenen Musikverlags Hevhetia aus dem slowakischen Košice – es muss ja nicht immer ECM sein.

Nebula Machina (Foto: Hevhetia Records)

Ebenfalls auf die Essenz reduziert und mit einem hohen Anteil an freier Improvisation daher kommt das Duo JZ Replacement (18.8.). Das sind zum einen der aus St. Petersburg stammende, überwiegend in London lebende Saxophonist Zhenya Strigalev (Besuchern des INNtöne Festivals 2017 noch in großartiger Erinnerung), zum Anderen Jamie Murray, ebenfalls an der Themse beheimateter Schlagzeuger und Komponist. Gilt Strigalev als Überflieger, der nach vielen Kollaborationen in New York nun neue Herausforderungen sucht, so trifft er in Murray auf einen experimentierfreudigen und bestens in der gegenwärtig boomenden jungen britischen Jazzszene vernetzten, am Instrument wenig lässig zu Werke gehenden Drummer. Beide Musiker verstehen sich auch auf den kreativen Einsatz von Live-Elektronik, doch in ihrem kleinsten Ensemble kommt dieser dritte Player am wenigsten zum Einsatz.

JZ Replacements (Foto: Emra Islek)

Und noch ein Schlagzeuger: Mit 18 trommelte der gebürtige Schweizer und musikalisch sozialisierte Wiener Joris Dudli im Studio auf Wolfgang Ambros` Album „Es lebe der Zentralfriedhof“. Später war er – gemeinsam mit Fritz Pauer, Harry Sokal und Paulo Cardoso – Teil des europäischen Quintetts des lange in Wien wirkenden amerikanischen Trompeters Art Farmer. Beim JazzFest Passau stellt der Schlagzeuger seine sechsköpfige Formation Joris Dudli’s Funk Modes (19./20.8.) vor.

Joris Dudli’s Funk Modes (Foto: Dudli)

Den Abschluss der Sommerkonzerte machen zwei Vokalistinnen. Das Melanie Bong Quartet (23.8.) mit lateinamerikanisch und von Gypsy Swing inspirierten Liedern. Und mit Bongs toller, u.a. bei der großen Sheila Jordan geschulten Stimme, aber ganz ohne die im Jazz Manouche charakteristische Maccaferri-Gitarre, sondern mit Begleitung durch ein klassisches Pianotrio. Die in Großbritannien lebende Schwedin Emilia Mårtensson (24.8.) wird ihr im November erscheinendes, mit schwedisch-italienischer Band für Babel Label Records produziertes, seit einigen Tagen als Stream online vorhörbares viertes Album „Loredana“ vorstellen. Melodiesatter Songwriterjazz, der Geschichten zu erzählen weiß und mit klarem Popappeal daher kommt. Dazwischen diese luftige Weite, die Mårtenssons Stimme Raum lässt. Schade, dass Trompeter Fulvio Sigurta, der dieses Album (nach der sphärischen Art eines Nils Petter Molvær) ebenfalls trägt, bislang nicht für das Passauer Konzert angekündigt ist. Ein tolles Highlight zum Abschluss des JazzFest Passau 2019 wird es sicherlich trotzdem.

Die Konzerte beim Jazzfest Passau 2019 beginnen um 20 Uhr, JZ Replacement am 18.8. bereits um 18 Uhr, im Innenhof des Alten Rathauses. Bei schlechter Witterung finden sie im Café Museum, Bräugasse 17, statt. Eintritt frei; weitere Informationen zu jedem einzelnen Musikabend sind online unter www.cafe-museum.de/jazzfest-passau.html abrufbar.