Fräsen. Schrauben. Tunen. Ab die Post.

Mario Götz repariert und baut E-Gitarren. Darüber berichtet er in einer Passauer Geschichte über Wissen-wollen und Einfach-mal-loslegen

(von Tobias Schmidt)

Ach ja, die Jugend! Das Hirn voller rhythmischer Ohrwürmer, von denen man ein Leben lang zehrt. Auf so manchem Popkonzert haben wir die genossen. Und uns selbst mit einer schicken elektrischen Gitarre um den Hals auf eben eine dieser Bühnen geträumt. Nur um uns anderntags seufzend vorm Schaufenster irgendeines Musikgeschäfts wieder zu finden. Weil das dort ausgestellte sechssaitige Objekt der Begierde zwar wunderschön kurvig geformt und knallfarben lackiert, aber leider auch hochgradig taschengeldinkompatibel war. Die Verkäufer – irgendwie waren’s stets Männer – lächelten einen von drinnen an. Nie mitleidig. Ob sie um unsere traumverlorenen Herzen und Hirne wussten?

Rein altersmäßig ist Mario Götz‘ Jugend schon ein wenig her (na prima, da sind wir schon zu zweit). Und die Schaufensterseiten hat er auch gewechselt. Seines gehört zur Ladenwerkstatt der Treibholz Gitarrenmanufaktur. Seit Jahresbeginn besteht das Geschäft in der Theresienstraße 40 unweit des Inns. Immer freitags ist Mario Götz hier für Gitarrenreparaturen, Einstellarbeiten und E-Gitarrenbau anzutreffen. Wie ging das her, vom Nase-am-Schaufenster-platt-Drücken zum Ich-bau-jetzt-selbst-Gitarren? Da steckt doch sicherlich mehr dahinter. Bei ihm, dem Geschichtenerzähler von Saitenscheitel, jenem Passauer Duo, in welchem er gemeinsam mit Andi Stockbauer Mundart und musikalischen Hintersinn pflegt. Den meisten Passauern ist der 41-Jährige durch seinen Hauptberuf als Auslandshilfe-Referent und Betreuer von Hochwasser-Geschädigten im Raum Passau und Simbach beim Diözesancaritasverband bekannt. Die Musik begleitet Götz freilich schon sehr viel länger. Als Jugendlicher erlernte er das Instrument, unter anderem auch „als Begleitband des heimischen Schallplattenspielers“. Und weil er wissen wollte, wie das Ganze technisch funktioniert, habe er seine elektrische Gitarre einfach auseinandergebaut. „Und, ehrlich gesagt, es war weder viel dran noch drin“. Holz, Metallsaiten, ein Steg, um diese auszurichten, ein eingeleimter oder -geschraubter hölzerner Hals mit Justierstab für die Halsspannung, Mechaniken zum Stimmen der Saiten, Magnetspulen als Tonabnehmer, Draht, Kondensatoren, Steckbuchse fürs Instrumentenkabel. Das sind die seit Mitte der 1920er Jahre kaum veränderten Bestandteile. Die jedoch bis heute für plattgedrückte Nasen an den Schaufenstern der Musikläden sorgen. Aber er schweife ab, meint Götz. Eine „Marathon“ sei seine „Bastel-Gitarre“ gewesen, schwarz und vom Typ „Fender Stratocaster-Nachbau. Achtziger Jahre und aus Fernost“.

(Grafik/Logo: Götz)

„Ich hab in Minga Kuckucks ‘bickt!“

Ob das jetzt schon zu sehr nach dem Jargon eines Mofafrisiersalons klänge, will Götz wissen. Nein, die Stratocaster, als Hauptwerkzeug von Buddy Holly, Eric Clapton, Nile Rodgers oder Stevie Ray Vaughan kennt man durchaus. Und was man alles mit dem charakteristischen Tremoloarm dieses Modellklassikers der E-Gitarre anstellen kann, ist in jedem Livevideo von Jeff Beck gut zu sehen. „Anfang der Neunziger kamen die ersten in Mexiko gefertigten Instrumente auf den Markt. Plötzlich war so eine ‚Klampfe‘ erschwinglicher. Und eine davon hing beim Musikgeschäft Schacherl – weiß und für 550,- DM. Also hab ich mich mit 15 in den Ferien an den Fettabscheider einer Metzgerei gestellt, biss die Zähne zusammen, und am Ende hatte ich sie mir verdient“. Es folgten Gitarrenspiel in Schülerbands, dann in Coverbands, die Ochsentour durch die Feuerwehrfeste landauf landab, für Götz der Ort, „wo man das Spielen lernt“! Und zwar auch als „aufeinander hören und mit dem Publikum interagieren“. Er half bei anderen Bands aus, wurde empfohlen… …und entschied sich doch für eine Ausbildung zum Vollzieher beim Finanzamt. Oder in Götz‘scher Diktion: „Ich hab in Minga Kuckucks ‘bickt! Für diesen Beruf sei er aber „zu gutmütig gewesen“, darum: Absage ans Beamtendasein und zurück nach Passau. Wo der Zivildienst wartete. Den absolvierte er am Caritas-Förderzentrum in Grubweg, der heutigen Don Bosco-Schule. „Die anschließende Erzieherausbildung habe ich mir dann anteilig mit Livemusik und durch Aushelfen im Laden finanziert“. Zusätzlich zur Arbeit in einer Wohneinrichtung für Menschen mit Behinderung, gab Götz Gitarrenunterricht und wurde dabei immer wieder auch wegen Reparaturen und Verbesserungsideen angesprochen. „Ich merkte, dass die industrielle Fertigung bei einem Instrument mit so vielen und zusammen wirkenden Einzelteilen Probleme mit sich bringt“. So manche wusste er zu beheben. Und erfuhr via Internet, dass es Hersteller gibt, die nach jahrelangem „Beheben“, als Serviceanbieter für „Industriegitarren“ nun eigene, bessere Instrumente bauten. „Und genau so ein Instrument bestellte ich mir. Die Post klingelte also, ich öffnete den Instrumentenkoffer, und es schoss mir durch den Kopf: Das kann ich ja selber! Und besser!“ Wäre Götz wirklich unzufrieden gewesen, hätte er das Instrument vielleicht zurück geschickt. Doch er war… herausgefordert. Und tat darum etwas anderes, für ihn vielleicht ebenso Naheliegendes: er zerlegte diese Customshop-Gitarre in ihre Einzelteile. „Weil ich wieder einmal wissen wollte, wie das Ganze technisch funktioniert“. 2015 schließlich machte Mario Götz auch mit dem „Das kann ich ja selber“ Ernst: Er richtet sich eine Werkstatt am Land ein. Stege, Mechaniken, Elektroniken sowie fertig bundierte E-Gitarrenhälse bezieht er über den Fachhandel. Die Tonabnehmer kann er gegebenfalls nach Kundenwunsch von einem niederbayerischen Hersteller fertigen lassen, der seinerseits eine von der Fachpresse vielbeachtete Lösung gegen Brummen, Pfeifen und mehr unschöne Töne von Magnetspulen am Gitarrenverstärker anbietet.

Der Schuster hat seinen Leisten. Und beim Instrumentenbau kommen Schablonen zum Einsatz, deren Maße auf die klingende Saitenlänge abgestimmt sind (Foto: Schmidt)

Eigenes Korpusdesign, Hohlkammerfräsung, edle Decken

Zum Tonholz erklärt Mario Götz: „Ich baue Massivholz-E-Gitarren, keine akustischen oder elektroakustischen Gitarren. Deshalb werden andere Fertigungstechniken und Holzarten verwandt: Esche, Erle, Blackwood, anstatt zum Beispiel Fichte, Zeder oder Ahorn. Mahagoni kommt bei allen Bauformen zum Einsatz.“ Betrifft ihn denn, kaum mit dem Gitarrenbau gestartet, auch das 2017 verabschiedete Artenschutzabkommen CITES II? Bislang nur indirekt, meint Götz. Hier hat der Holzhandel mehr Verantwortung, aber perspektivisch steht fest: das Palisanderholz der Griffbretter wird bald ersetzt werden – übrigens bei akustischen und elektrischen Gitarren gleichermaßen. Noch etwas entfernt liegend, aber vorstellbar sei für ihn die Verwendung heimischer Hölzer. Der erste selbst gefräste Gitarrenkorpus gelang übrigens beinah auf Anhieb, erwies sich aber als viel zu schwer. Dieses, einer Fender Telecaster nachempfundene, „Stück Lehrgeld“ hängt noch immer in seiner Werkstatt. Einige Erfahrungen später ist Mario Götz mittlerweile bei eigens entwickelten Korpidesigns, eingefrästen Hohlkammern, welche neben dem Gewicht auch das Resonanzverhalten des Instruments verändern, und aufgeleimten, schmucken Holzdecken angelangt. Klanglich reichen die Ergebnisse von spritzig-hell bis glockig-mittenbetont. Und bei der Oberflächenbearbeitung geht Götz einen eigenen, uralten, im E-Gitarrenbau aber seltenen Weg: Schellack. Das in Alkohol gelöste Blattlaussekret poliert er in etwa 15-20 Schichten von Hand auf. So wie bei klassischen Streichinstrumenten. „Aufwendig, aber vollkommen natürlich und im Ergebnis wunderschön.“ Als er schließlich die ersten Selbstbaugitarren an befreundete Musiker zum Test gab, bekam er zu hören: Die sind ja so gut, die mag man gar nicht mehr her geben. Wie viel er denn dafür haben wolle? So ging es bislang bei jeder Selbstbau-Gitarre, „dabei war noch nicht einmal eine Auftragskonstruktion dabei, alle Werkstoff- und Ausstattungskombinationen sind von mir festgelegt“. Gab das den Anstoß für die „Treibholz Gitarrenmanufaktur“? „Nicht nur. Weder bin ich ein zertifizierter Instrumentenmacher, noch kauft man ein von Hand gebautes Instrument jeden Tag. Es kommen deshalb zusätzliche Dinge im Bereich Wartung und Service ins Spiel“.

Dereinst vielleicht ein „historisches“ Stück Feuerholz: der erste selbstgefräste, polierte, lackierte und datierte E-Gitarrekorpus. „Er war viel zu schwer“, sagt Götz heute (Foto: Schmidt)

Beratung auch zu akustischen Gitarren

Und zwar bei jenem Gitarrentyp, auf den wir bislang nicht zu sprechen kamen, auf die im Konzert viel anfälligeren akustischen Gitarren. „Nach 15 Jahren Erfahrung in Liveeinsatz und Wartung kann ich hier zielgerichtet beraten und reparieren. Meine Spezialität sind einfache und komplexe Verstärkersysteme. Piezoelektrisch, mikrophonisch, kombiniert mit und ohne Vorverstärker, mit Einbau an Steg und Zargen. Und samt Beratung je nach Einsatzzweck und Ensemble“. Bei den elektromagnetischen Tonabnehmern einer E-Gitarre ist das vor allem eine Frage des elektrischen Widerstands und von Resonanzfrequenzen, bei Konzert- und Akustikgitarren kämen aber ungleich mehr Variablen ins Spiel. „So! Das ist die Geschichte bis hierher“, sagt Mario Götz schließlich. Und ob das jetzt alles arg „nach Mofafrisiersalon“, nach „fräsen, schrauben, tunen, ab die Post!“ geklungen hätte? Ich mag die Antwort schuldig bleiben. Zugegeben, die Lehrstunde über Klangholz und Elektromagnetismus war inhaltlich dicht. Doch war es eben auch eine Lebenslektion darüber, dass man über fräsen, schrauben, tunen ein wenig vom traumverlorenen Herzen und Hirn der Jugend hinüber retten kann. Zum Abschied gibt’s ein Lächeln durchs Schaufenster. Wie früher.

So, jetzt noch den Hals an den Eschekorpus mit eingefrästen Hohlkammern und Blackwood-Decke angeschraubt, fertig ist die ganz eigenständige Interpretation einer Telecaster-Gitarre der Treibholz Gitarrenmanufaktur (Foto: Schmidt)