Ijoma Mangold liest am 7. Februar im Scharfrichterhaus aus seiner Autobiographie „Das deutsche Krokodil“

(von Tobias Schmidt)

Beim Titel dieses Buches sind Eisenbahnfans klar im Vorteil. Denn „Deutsches Krokodil“ ist der Spitzname einer, speziell für den Güterverkehr in Gebirgsregionen (und ursprünglich in der Schweiz) entwickelten Elektrolokomotive. „Das deutsche Krokodil“ heißt auch die im August 2017 im Rowohlt-Verlag erschienene Autobiographie des Literaturkritikers Ijoma Mangold. Der als Chef des Literaturressorts von DIE ZEIT bekannte Autor lässt diese Titelwahl bewusst zweideutig. Ist eine kleine Ebenholzstatuette oder eben jene, eingangs erwähnte E-Lok gemeint? Die eine erinnerte ihn eher befremdlich an seine afrikanischen Wurzeln, bei der anderen mag man an eine Metapher für das Erklimmen gesellschaftlicher Hochgebirge denken. Doch nichts dergleichen. Mangold hat gerade kein Buch darüber verfasst, wie schwer es Deutsche afrikanischer Herkunft in der Bundesrepublik angeblich haben. Man lese „Das deutsche Krokodil“ eher als Entwicklungsroman eines in den 1970ern in Heidelberg aufgewachsenen Mannes. Die Mutter stammte aus Schlesien, legte als Psychologin mehr Wert auf sorgfältige Innenschau als auf gesellschaftliche Konventionen. Der Vater kam aus Nigeria zum Facharztstudium nach Deutschland. Weil es so verabredet war, ging er nach kurzer Zeit nach Afrika zurück und gründete dort eine neue Familie. Ijoma Mangold entdeckte die Welt über Landschaften, über Personen, für die sein Äußeres meist vertraut, und seltener exotisch war, und vor allem: über die Literatur. Thomas Mann und Theodor Fontane sind nur einige Schriftsteller, auf die sich der Autor bezieht. Als die nigerianische Familienseite nach zweiundzwanzig Jahren signalisiert, dass ihn als ältesten Sohn noch große Aufgaben erwarten, ist es nicht zuletzt die Verwurzelung in der europäischen Kultur, die Mangold hilft, sich für eben diese Seite zu entscheiden. Zwar dauert das, und das Kennenlernen der Familie ist alles andere als eine culture clash-Komödie, doch am Ende steht da ein Mann, der sich nicht für das „Epos der Blutsverwandtschaft“, sondern den „psychologischen Roman“ entscheidet. Einer, der seine familiäre Rolle, seine diversen, gerade auch literarischen Heimaten, kennen und zu schätzen gelernt hat und zu bisweilen überraschenden Deutungen von Erfahrungen kommt.

„Das deutsche Krokodil“ ist eine Geschichte über Familie, Zeitläufte und die Rolle des Einzelnen darin. Und eben gerade keine Dokumentation von Scham, verbissenem Aufstiegswillen, von Befreiung und Selbstbehauptung und gesellschaftlicher Zurücksetzung. Sortiert man dieses Buch neben der in Ostbayern studierten Vorreiterin politischer Slam Poetry, 1996 tragisch vom Dach eines Hochhauses in den Tod gestürzten afrodeutschen Aktivistin May Amin ein, oder stellt man es neben Sharon Dodua Otoo, die ebenfalls afrodeutsche Gewinnerin des Ingeborg-Bachmann-Preises 2016 – so steht es dort falsch. Dies ist keine kritische Ansage an irgendeine Mehrheitsgesellschaft. Und auch kein Integrationsleitfaden. Es ist ein Buch vom Sich-wundern. Über das Anders-und-doch-Darinnensein. Ziemlich viel, was diese „Lokomotive“ da zieht. Aber sie packt das.

Am Mittwoch, 7. Februar liest Ijoma Mangold aus seinem Buch ab 20 Uhr im ScharfrichterHaus. Karten zu der von Passauer Pegasus und Bücher Pustet präsentierten Veranstaltung kosten 10,- Euro (ermäßigt 8,- Euro) und sind unter Tel. 0851 5608913 oder per Email an passau@pustet.de reservierbar.