Wie ein 2.000 Seelen-Ort im Bayerwald sich eine eigene Philharmonie baute. Für Blaibach selbst ist das zwei Millionen Euro teure Konzerthaus viel mehr als nur ein Funktionsgebäude: Es ist ein Ausrufezeichen, das dafür steht, was fernab der Metropolen möglich ist – auch in den Zeiten der Corona-Pandemie

Blaibach (obx) – In Deutschlands Architektur- und Bauszene sorgt das maßgeblich aus Beton geschaffene „Wunder von Blaibach“ bis heute für ungläubiges Staunen: „Ein Dorf am Rande der Republik, auf halber Strecke zwischen München und Prag, weitab von jeder Großstadt: Viel Leben erwartet man hier nicht. Blaibach im Bayrischen Wald ist jedoch anders und das hat viel mit Architektur zu tun“, schreibt beispielsweise das renommierte Fachmagazin „BauNetz“ über das Konzerthaus im Grünen. Blaibach im Landkreis Cham ließ aus einer Vision Wirklichkeit werden und baute sich ein eigenes Konzerthaus – ebenso futuristisch wie spektakulär. Das Gebäude in der Optik eines minimalistischen Monoliths räumte reihenweise Architekturpreise ab. Der Saal mit 200 Plätzen und viel gelobter Akustik ist ein Symbol des Aufbruchs, der Innovation und einer großen Idee: Kultur schafft Infrastruktur und kann das Image einer ganzen Region nachhaltig prägen, auch mit musikalischen Höhepunkten, die so kaum einer zwischen den Wipfeln des Bayerwalds erwarten würde.

Visionär, elegant, minimalistisch: Architektur-Jurys überhäuften den zeitgenössischen Bau mit Komplimenten und Auszeichnungen: Die „Bayerwald-Philharmonie“ holte den Deutschen Architekturpreis genauso wie mehrere Prämierungen des Bundes Deutscher Architekten. Bayerns damalige Wirtschafts- und Tourismusministerin Ilse Aigner geriet bei der Verleihung des Bayerischen Tourismus-Architekturpreises „arturo 2016“ ebenfalls ins Schwärmen: Blaibachs Konzerthaus gehöre zu den „schönsten Tourismusbauten“, die in den vergangenen Jahren in Bayern entstanden. 
Dass Blaibach im Bayerwald heute Deutschlands wohl einziges Dorf mit eigener Philharmonie ist, hat die Gemeinde dem international gefragten Bariton Thomas E. Bauer zu verdanken. Er stammt selbst aus der Region. 2007 gründete mit dem „Kulturwald“ ein Projekt, das das „Grüne Dach Europas“ zum Ort für große Kunst machte. Er ließ Mozarts „Zauberflöte“ aufführen, übertrug Orffs „Carmina Burana“ aus dem Hubschrauber und brachte Weltklasse-Jazz in Scheunen und Wirtshäuser. Beflügelt vom Erfolg des Festivals entwickelte er die Vision eines eigenen Konzertsaals im Bayerischen Wald – und fand Gehör in Blaibach. 

Foto: obx-news/Naaro

Eine Bürgerinitiative brachte das Projekt fast zum Scheitern, sammelte Unterschriften gegen den aus der Sicht der Gegner zu teuren Bau. Was danach folgte, klingt wie eine Szene aus einer Vorabendserie: Der Blaibacher Pfarrer schaltete sich ein und vermittelte erfolgreich. Der Gemeinderat stimmte schließlich 2013 mit 14 zu einer Stimme für den Bau, der auf einem Entwurf des vielfach ausgezeichneten Münchner Architekten Peter Haimerl basiert. 

Bereits im Herbst 2014 eröffneten die Blaibacher ihren neuen Musiktempel mit Haydns „Schöpfung“. Mittlerweile rücken in dem Ort reihenweise Delegationen aus ganz Deutschlands an, die von Blaibach lernen wollen. Zwei Drittel der Besucher reisen heute mehr als 80 Kilometer an. Im Publikum finden sich auch Engländer oder Franzosen. 

Foto: obx-news/Naaro

Rund 115 Veranstaltungen waren für die Spielzeit 2020/21 geplant. Intendant Thomas E. Bauer hofft, dass trotz der aktuellen und häufig wechselnden Corona-Beschränkungen möglichst viele davon stattfinden können. „Mit unserem Jahresprogramm stellen wir doppelt so viele Konzerte wie die Salzburger Festspiele auf die Beine“, macht er deutlich. „Als aktiver Künstler möchte ich sagen, dass die Stornierungswellen vieler Klassikfestivals vor allem auf dem Rücken der Musiker ausgetragen werden, die als freiberufliche Künstler kaum gesellschaftliche Absicherung genießen. Gegen diesen Trend möchten wir anarbeiten“, fügt Bauer hinzu. Aktuelle Informationen über das geplante Programm unter www.konzert-haus.de

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