Analoge Prediger machen es aber noch mehr…

Kennen Sie den deutschen Hirnforscher Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer? Persönlich wohl eher nicht, aber vielleicht hatten Sie in letzter Zeit das Vergnügen, an einem seiner öffentlichen Vorträge teilzunehmen. Oder aber, als Lehrkraft einer Schule wurde Ihnen eine solche Bürde aufs Auge gedrückt – unter dem Titel ‚Fortbildung‘. Trifft beides (noch) nicht zu, dann haben Sie, insbesondere im Bereich der Pädagogik tätig, bestimmt seine literarischen Ergüsse gelesen. Zum einen das Buch ‚Lernen: Gehirnforschung und die Schule des Lebens‘, angeblich eines der wichtigsten Bücher für Lehrerinnen und Lehrer, und zum anderen die beiden Werke ‚Vorsicht Bildschirm! Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft‘ (2007) und ‚Digitale Demenz: Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen‘ (2012).

Wie es die Buchtitel schon im Ansatz erahnen lassen und um es gleich auf den Punkt zu bringen: Spitzer ist der Ansicht, gestützt auf zahlreiche Forschungsergebnisse, das Digitale Medien süchtig machen – und deshalb sei es so gefährlich, weil die Benutzung digitaler Medien auch dumm mache: Das Gedächtnis lässt nach, Nervenzellen sterben ab. Und sollten dennoch Zellen wieder nachwachsen, sterben auch diese gleich wieder ab, weil sie nicht benutzt werden. Denn schließlich würde jegliche kognitive Tätigkeit ausgelagert werden, sie wird übernommen von Smartphones, Suchmaschinen und Navigationsgeräten). Kein Wunder, seien deshalb besonders Kinder und Jugendliche davon betroffen. So fordert Spitzer in seinen Büchern, Vorträgen und anderen Podiumsdiskussionen immer wieder, dass der digitale Konsum massiv eingeschränkt werden sollte, um dieser digitalen Demenz entgegenzuwirken. Und auch wenn Manfred Spitzer stets versucht, dieser Frage aus dem Weg zu gehen oder das Kind beim Namen zu nennen: Man kommt nicht drum herum festzustellen, dass wenn es nach ihm gehen würde, all diese Dinge niemals erfunden hätten werden sollen.

Nachdem es um Spitzer und seine Thesen in den letzten Jahren eher wieder ruhiger geworden ist, so jedenfalls mein persönlicher Eindruck, könnte man in den letzten Monaten durchaus den Eindruck gewinnen, dass ein großer Wahlkampf bevorstehe und Spitzer wiedergewählt werden will. So führten ihn seine zahlreichen (Fach-) Vorträge, übrigens auf Einladung hin, offensichtlich auch nach Niederbayern und dem Landkreis Freyung-Grafenau. ‚Dieser Kelch führte auch an unserer Volksschule offensichtlich nicht vorbei. Aber dazu später.

So kommt es wieder hoch, das Gerangel der beiden Lager. Zum einen die Generation ‚Online‘, die sich lautstark über das spitze Gebaren hervortut und Manfred Spitzer als populistischen und reaktionären Hexenjäger abtut. Auf der anderen Seite eine Art ‚analoge‘ Glaubensgemeinschaft, die dem digitalen Treiben aber auch gar nichts Gutes abgewinnen will (aber trotzdem gerne nach Feierabend ihre Einkaufsgeschäfte online erledigen möchten oder bei Google schnell nach einer Lösung suchen). Die einen finden es also gut, die anderen schlecht. Fruchtende Diskussionen werden so verunmöglicht. Auch darf man  sich bei all den Wortmeldern, ob hüben oder drüben, durchaus die Frage stellen, wer von diesen selbsternannten Freiheitskämpfern jemals das eine oder andere Buch von Manfred Spitzer gelesen haben?

Was mich (bald 42 Jahre alt, verheiratet und zwei Kinder im Alter von 3 und 8) anbelangt, so erübrigt sich doch eine Diskussion darüber, ob die Beschäftigung mit digitalen Medien dumm macht oder nicht. Das ist völlig gleichgültig, denn es gibt kein Leben mehr ohne digitalen Konsum. Das Rad der Zeit kann nicht zurückgedreht werden, weshalb es einzig und allein darum geht, uns immer wieder die Frage zu stellen, wie wir mit dieser digitalisierten Welt umgehen; mit besonderem Augenmerk auf unsere Kinder und Jugendliche. So kann ich mich den Worten von Prof. Jantke nur anschließen:

Spitzer fordert: „Beschränken Sie bei Kindern die Dosis, denn dies ist das Einzige, was erwiesenermaßen einen positiven Effekt hat. Jeder Tag, den ein Kind ohne digitale Medien zugebracht hat, ist gewonnene Zeit“.

Wieder die leider für Spitzer so typische Verkürzung – aber auch hier gilt: Mit etwas Tiefgang und einer differenzierten Betrachtungsweise wird klar: „Kompetenz wächst nicht dadurch, dass man der Technologie aus dem Weg geht, sondern dass man sich mit ihr auseinander setzt.“

Wer versucht, seine Kinder vor allen schwierigen Einflüssen fernzuhalten, wird lebensuntüchtige Kinder erziehen. Das Leben eines Kindes ist kein goldener Käfig, der als lebenslanger Schutzbunker dienen könnte.

(Quelle: Landesmedienzentrum Baden-Württemberg LMZ, Stellungnahme zu Manfred Spitzers „Digitale Demenz“)

Wie bereits eingangs erwähnt, haben die Lehrkräfte an unserer Grund- und Mittelschule einen Vortrag von Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer besucht und seinen Worten gelauscht. Kurze Zeit später erhielten wir von der Schule ein Rundschreiben, das unseren Kindern in die Hände gedrückt wurde. Zum einen wurden wir über diesen Fortbildungskurs in Kenntnis gesetzt und die, jedenfalls für mich, klare Botschaft an uns Erziehungsberechtigten: Digitale Medien, und alles was in diesem Zusammenhang steht, machen dumm und werden deshalb an unserer Schule, wann immer möglich, verbannt und an den Pranger gestellt. Letzteres zeigte sich dann sogleich, als in der Aula ein großer Zeitungsausschnitt am Anschlagbrett zu erkennen war; quasi ‚Pro Spitzer‘.

Ein Fazit? Mehr Gebote anstelle von Verboten in diesem Bereich. Die Schulen und andere Bildungsstätten hinken noch heute der digitalen Welt hinterher und sind teils offensichtlich maßlos überfordert. Es gibt keine Alternativen, denn wir alle leben in dieser digitalen Welt. Lehren wir also unseren Kindern, gute Mediennutzer zu sein anstatt den Konsum zu beschränken oder gar zu verbieten. Scientology-ähnliche Zustände, entschulden Sie diesen Ausdruck, haben – egal um was es sich dreht – an unseren Lehrstätten nichts verloren.