Gitarre spielen mit gleich zwei Schlaghänden. Bei Enwer Ismailow alsbald live in Passau zu hören

(von Tobias Schmidt)

Mit dem Gitarrespielen ist es zunächst einmal so: Mit der Greifhand wird ein Ton oder Akkord durch Abdrücken der Saiten gegriffen, mit der Spielhand werden dann die Saiten angezupft oder angeschlagen. So weit so gut so gut, so seit alters her über die Entwicklungsgeschichte der Laute in unsere Zeit gebracht. Doch im Laufe der Jahre schlichen sich weitere Spieltechniken ein. Warum nicht Saiten quer übers Griffbrett ziehen, also Töne verbiegen? Oder mit der Greifhand Töne anschlagen? Das kostet Kraft in den Fingern, eröffnet aber schöne, perkussiv klingende Spielweisen. Und direkt über den im Griffbrett eingelassenen Bundstäbchen mit geübter Fingerkuppe geschickt traktiert erzielt man feine Flageoletttöne. Klingt nicht nur schön, hilft auch beim Nach-Gehör-Stimmen.

Irgendwann in den 1970ern beschlossen dann einige Wagemutige Saitenhexer, dass man das Griffbrett ja generell als Schlagbrett auch für die (ja nun „unterbeschäftigte“) Spielhand verwenden könne. Das „Tapping“ war erfunden. Steve Hackett, damals Gitarrero bei der britischen Band Genesis soll’s gewesen sein – erstmals zu hören in „The Musical Box“, einer nicht ganz unblutigen 12-Minuten Moritat, über sich selbst überlassene Kinder. Ein Rock’n’Roll-Kunstlied mit Virtuoseneinlage, kann so etwas eigentlich in den Annalen der Kulturschreiber hängen bleiben? Nun, auch die brauchen manchmal Nachhilfe, in Gestalt eines ordentlich laut aufgedrehten Verstärker.

Dafür sorgte 1978 recht „eruptiv“ ein gewisser Edward Van Halen mitsamt einer unter seinem Nachnamen firmierenden Band. Höhepunkte seiner ausgefallenen Gitarrensoli: wenn Van Halen mit BEIDEN Händen schlagend das Griffbrett traktierte, die spielbaren Tonintervalle vergrößerte, weil er sein Instrument wie ein Klavier auffasste. Mit E-Gitarren geht so etwas, denn die klangformende und -verstärkende Korpusresonanz spielt eine geringere Rolle. Die Wirkungsgeschichte der Spielweise setzt sich stilübergreifend bis heute fort, und hat auch Spuren im Instrumentenbau hinterlassen. Allein, entwickelt hat Van Halen dieses double hand Tapping ebenfalls nicht.

Um das Jahr 1974 war es bereits im Jazz zu hören. Bei den frühen Aufnahmen des Musikstudenten Stanley Jordan, einem „Umsteiger“ vom Klavier. Und unabhängig davon in Zentralasien. In Fergana in Ostusbekistan, damals eine Sowjetrepublik. Und Exilheimat des Tataren Enwer Ismailow, damals ebenfalls Musikstudent und von Haus aus Fagottist und Kehlkopfsänger.

Heute Mitte Sechzig lebt Ismailow wieder auf der Krim und spielt rund um den Globus seine sehr eigene Musik, die sich aus zwei kulturellen Prägungen, den Musikfolkloren Südosteuropas und Zentralasiens, ungerade Metren, und eine „selbst entdeckte“ Schlagtechnik mit allen zehn Fingern speist. Ismailow nutzt Instrumente, nicht in Standardstimmung, dazu sinnvoll eingesetzte Live-Elektronik, um zum Beispiel eine einzelne Stimme fortzuführen, während ein neuer Lauf anderswo auf dem Griffbrett „seinen Lauf“ nimmt. Davon abgesehen arbeitet der Musiker aber weitestgehend ohne klangmodulierende Effekte. Doch selbst den Klangeindruck einer auf einem Spinett intonierten barocken Continuo-Stimme bekommt er so zustande – dieser Mann „holt viele Ohren ab“. Und sitzt dabei angenehm zwischen den Stühlen, Schablonen und ob des heutigen Überangebots an Klängen notwenigen Stilschubladen.

Wer Solistenartistik, Kammerjazz oder Weltmusik hören mag, bekommt das alles bei Enwer Ismailow zu hören. Am Mittwoch, 27. Februar auch in Passau. Ab 20 Uhr spielt der Gitarrist dann im Café Museum, wo er seit Jahren auf der Wunschliste der Programmmacher stand. Ticketinfo und mehr auch online unter: www.cafe-museum.de