Die Landwirtschaft im Kreuzfeuer

Neureichenau. Die lautstarken Bauernproteste der letzten Wochen gingen durch alle Medien. Die Hauptfrage ist wohl, wie viel Insekten-, Natur- und Klimaschutz notwendig sind, und wer das alles bezahlt. Themen wie Nitratbelastung und anderes sind schon jahrelang in der Debatte. Immer mehr Bauern geben ihren landwirtschaftlichen Betrieb auf.

Betrachten wir nun einmal die Zahlen des Landesamtes für Statistik für den Landkreis Freyung-Grafenau: 1999 gab es hier 1617 Rinderhalter mit durchschnittlich 28 Tieren. Im Jahr 2016 waren es nur noch 780 Rinderhalter, aber mit durchschnittlich 49 Tieren. Vielleicht noch ein Blick auf die Betriebsgrößen: 2003 gab es noch 630 landwirtschaftliche Betriebe mit einer Fläche von unter 5 Hektar, 2016 waren es nur noch 32 Betriebe. Die Anzahl der Betriebe mit einer Fläche von 50 Hektar stieg von 83 im Jahre 2003 auf 135 im Jahr 2016. Die Nahrungsmittelselbstversorgung für Deutschland, vor allem durch die Landwirtschaft, lag 2016 bei durchschnittlich 76%. Allerdings liegen Fleisch, Milch, Kartoffeln, Zucker und Getreide jeweils bei über 100% gemäß den Unterlagen der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung.

Ein Blick auf die lokale Situation bot ein Gespräch mit Siegfried Jäger aus Neureichenau. Er ist der Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes in Freyung-Grafenau. Er sieht seine Bauern derzeit einer öffentlichen Diskriminierung ausgesetzt. Etwa ein Drittel der Betriebe wollen ganz aufhören. Die Selbstmordrate unter Landwirten sei hoch. Teilweise gehe die Diskriminierung soweit, dass Kinder von Landwirten in der Schule verbal angegriffen werden. Jäger sagt, dass die Bauern derzeit im Bereich Umweltbelastung für alles verantwortlich gemacht würden. Bis vor fünf Jahren sei die Lage der Bauern akzeptabel gewesen. Dann hätte die Kampagne gegen die Bauern begonnen. In diesem Zusammenhang nennt er an erster Stelle die Grünen und die negative Berichterstattung in den Medien. Dazu kommt noch die Engerlingplage sowie der Borkenkäferproblematik.

Siegfried Jäger vor seinem Bauernhaus, das schon 1764 zum ersten Mal urkundlich erwähnt wurde (Foto: MuW/r.demont)

In seinem Heimatort Neureichenau seien 100% der Wiesen betroffen. Um Futter für seine Kühe zu bekommen, habe er im letzten Jahr zum ersten Mal Mais angebaut. Mais ist ein kostengünstiges, energiereiches Futter für seine Tiere. Nachdem jetzt vom Engerling zerstörte Wiesen für drei Jahre in Felder umgewandelt werden dürfen, wird der Maisanbau nach Jägers Meinung noch weiter steigen. Ein anderer Punkt sind die vielen Verordnungen, die den Handlungsspielraum der Bauern einengen. Wer kennt nicht früher die Schwalbennester in den Kuhställen. Heute darf kein Vogel mehr in einem Stall sein. Mistdüngen ist im Winter verboten. Die neue Misthaufenverordnung bringt weitere Probleme. Wenn man heute einen Stall unter Einhaltung aller Vorschriften baut, dann dauert es im Schnitt 20 Jahre, bis man ihn abbezahlt hat. Bei einer Maschinenhalle mit Photovoltaikanlage geht es erheblich schneller.

Welchen Weg sieht Stefan Jäger um die Situation seiner Bauern zu verbessern ? Neben vernünftigen Preisen für die landwirtschaftlichen Produkte setzt er auf einen Außenschutz der EU. Seit 1991 kommen immer mehr landwirtschaftliche Erzeugnisse von außerhalb der EU. Wie kann ein kleiner Betrieb mit vielleicht vierzig Kühen gegen einen Agrargroßbetrieb mit tausenden Kühen bestehen? Wenn keine landwirtschaftlichen Produkte mehr von außerhalb der EU importiert würden, dann hätten seine Bauern wieder eine Zukunft, und benötigen keine Subventionen mehr, meint Siegfried Jäger. Natürlich spielt das Bewusstsein des Verbrauchers ebenfalls eine Rolle. Regionale Produkte kaufen! Jedes Grad Klimaerwärmung kostet 10% der Lebensmittelproduktion.

Nach Jägers Aussage tun die Bauern selbst viel für die Umwelt. Die Nitratbelastung ist rückläufig, die Anzahl der Bienenvölker steigt, und auch für das Tierwohl täten er und seine Kollegen viel. Auch spritzt man Unkrautvertilgungsmittel nicht mehr als unbedingt notwendig. Selbst Gemeinden spritzen beispielsweise bei „Schadinsektenbefall“ oder bei zu viel „Unkraut“. Wie weit kann der Bauer noch selbst entscheiden, was er tut? Das sollte er aber wieder können, ist ein Fazit von Siegfried Jäger. Was wäre unser Land ohne die Bauern? Selbst die Pflege des Kulturlandes erfolgt überwiegend durch die Bauern. 1950 ernährte ein Landwirt 10 Personen, heute sind es 135 Menschen (Zahlen des Bauernverbandes).