Lesung mit Michal Hvorecký und „Troll“, einem ziemlich gegenwärtigen Zukunftsroman

(von Tobias Schmidt)

Etwas mehr als ein Vierteljahrhundert ist die so genannte „Samtene Revolution“ in Ostmitteleuropa nun her. Dort geführte Debatten um Zivilgesellschaft und Mitteleuropa hatten seinerzeit zu eigenen Wegen aus dem Warschauer Pakt und dem COMECON geführt. Aufgrund der anders verlaufenen bundesdeutschen Wiedervereinigung fand dies hierzulande zu wenig Beachtung. Doch heute driftet dieser unweit der Dreiflüssestadt beginnende, spannende postimperiale Raum wieder gen Osten.

Nach der Entfesselung eines Torbukapitalismus in den 1990er Jahren, testen Populisten nun slawische und panslawische Identitätskonstrukte gegen Europa und gegen europäische Flüchtlingskompromisse. Sie fahren viele zivilgesellschaftlichen Errungenschaften an die Wand, indem sie die Bevölkerungen aufhetzen. Korruption komplettiert schließlich diesen Kanon moralischen Niedergangs.

In der Slowakei begann diese Entwicklung bereits 1990 mit dem Autoritarismus des ersten frei gewählten Ministerpräsidenten Vladimír Mečiar, und es lässt sich eine Kontinuität bis zur Ermordung Ján Kuciaks im Februar 2018 fortschreiben. Dieser Journalist hatte über die Zusammenarbeit von Regierungskreisen mit der italienischen Mafia recherchiert. In der sowohl unweit von Wien als auch von der ungarischen Grenze gelegenen slowakischen Hauptstadt Bratislava lebt der Autor und Publizist Michal Hvorecký. Anfang vierzig, ist er vor allem nach der „Samtenen Revolution“ sozialisiert, gehört – wie etwa auch der momentan viel beachtete Tscheche Jaroslav Rudiš – zur Literatengeneration nach Jáchym Topol, Andrzej Stasiuk oder Jurij Andruchowytsch und anderer, Anfang der 1960er Jahre geborener Autoren. Alle vermessen sie Ostmitteleuropa beschreibend neu, Hvorecký schließt dabei jedoch zusätzlich den entgrenzten virtuellen Raum mit ein. Erstmals geschehen 2006 im Debütroman „City: Der unwahrscheinlichste aller Orte“ und aktuell im 2018 im Tropen Verlag auf Deutsch erschienenen Roman „Troll“. Der wartet mit einer rotzig-frechen, dem Leseerlebnis Geschwindigkeit verschaffenden Sprache auf, die aber auch zornig zu sein vermag. Vorsatztexte, die von literarischer Totalitarismuskritik russischer Provenienz bis zu Zitaten des russischen Präsidenten Wladimir Putin reichen, lenken den Blick des Lesers. Hvorecký will eine Internet-Dystopie wider die ideologische und geopolitische Bewegung seiner Heimat gen Osten schreiben. Heute sagt er selbst, dass die Realität diesem Buch ein Stückweit in die Quere kam.

Michal Hvorecký (Foto: Privat)

Zum Inhalt: In einer nicht allzu fernen Zukunft, herrscht ein Widerstreit zwischen der Festung Europa und dem diktatorisch geführten „Reich“. Der Kampf wird vor allem über die Beeinflussung der öffentlichen Meinung geführt. Internettrolle, lenken von eigens dafür eingerichteten Agenturen, regelrechten Hassfabriken, aus. Es sind virtuelle Killer, die Menschen- und Meinungsvielfalt gezielt diskreditieren. Zwei am Rande der Gesellschaft stehende Freunde, der namenlose Held und die drogenabhängige Johanna schleusen sich selbst in eine, dieser Agenturen ein, um das System von innen heraus zu stören. Die Netzwelt erweist sich aber als unberechenbar, und der Enttarnung Johannas folgt eine Art Apotheose. Doch dann ändern sich die Fronten. Die Feinde im Haus adaptieren die eigenen Strategien. Es wird eng für den Helden – nur durch drastische, seine endgültige Namenlosigkeit besiegelnde Maßnahmen entkommt er dem Shitstorm. Dies ist keine Liebesgeschichte, doch endet sie mit dem Wiederfinden beider Protagonisten durch Einsatz eines „Zugangscodes zueinander“. Der entstammt so ganz und gar nicht der Netzwelt, ist ein Beharren auf Ehrlichkeit und die Absage an Lüge und Kompromiss. Eine Science Fiction-Erzählung, die desillusioniert, weil sie nicht recht in die die Kategorie Zukunftsmärchen passen will und bei alledem so klar und uns so nah verortet ist.

Am Mittwoch, 3. April, liest Michal Hvorecký im Passauer Scharfrichterhaus aus „Troll“. Die von der Buchhandlung Pustet und dem Passauer Pegasus präsentierte Veranstaltung beginnt um 20 Uhr. Karten zu 10,-/ermäßigt 8,- Euro sind unter Tel. 0851 5608913 oder per Email an passau@pustet.de reservierbar.  

(Quelle: Verlag Klett-Cotta)