Lesung mit der tschechischen Erfolgsautorin Kateřina Tučková am 22. November 2017

(von Tobias Schmidt)

Lässt man die südmährische Industriestadt Zlín mitsamt der funktionalistischen Architektur ihres ehemaligen Bürgermeisters und Mäzens, Unternehmers und (reichlich spinnerten) Sozialutopisten Tomáš Baťa (Gründer des heute weltgrößten Schuhherstellers Baťa) hinter sich und nähert sich der tschechisch-slowakischen Grenze, erreicht man alsbald die knapp eintausend Meter hohen Berge der Weißen Karpaten. Hier liegt das Dorf Schitkowa, ein Handlungsort des Romans „Das Vermächtnis der Göttinnen“ der tschechischen Erfolgsautorin und Kuratorin und Programmleiterin des Festivals Meeting Brno Kateřina Tučková.

Diese Berge nämlich waren auch das Refugium von Heilerinnen und Ratgeberinnen, die ihr Können von Generation zu Generation weitergaben und „Göttinnen“ genannt wurden. Die Romangestalt Dora Idesová hat sich selbst vom archaischen Leben abgewandt, forscht aber nach ihren familiären Wurzeln bei den Göttinnen. Ende der 1990er Jahre entdeckt sie im Archiv des Innenministeriums eine operative Akte der tschechischen Staatssicherheit über einen Feind von innen: Doras Tante, die Göttin Surmena. Eine Spur führt gar zu der vom Reichsführer SS Heinrich Himmler angelegten Hexenkartothek, ein Forschungsunterfangen mit fragwürdigem Ansatz und wissenschaftlicher Methodik. Kollaborierten die weisen Frauen etwa mit den Deutschen?

Ein mitreißender Roman über Macht, Korruption und Verrat in totalitären Regimen, über Magie und Rationalität, der reale Frauenschicksale des Dorfes Schitkowa geschickt fiktional zu verweben weiß. Der Roman verkaufte sich 2012 binnen weniger Monate nach Erscheinen 50.000 Mal in Tschechien verkaufte, bei Erscheinen der deutschen Übersetzung war es eines der erfolgreichsten Bücher in Tschechien der letzten Jahre. Ein nicht unbedeutender Teil der Leserschaft in unserem Nachbarland ist an literarischen Stoffen interessiert, die das Verstriktsein in Schuldfragen rund um NS-Terror, Protektorat, Vertreibung der Deutschen und die kommunistische Herrschaftsperiode auf neue Weise in den Blick nimmt.

Das war Kateřina Tučková bereits 2009 mit „Die Vertreibung der Gerta Schnirch“, einer deutschmährische Mutter-Tochter Biographie über das Fremdsein im eigenen Land gelungen. Der Publikumspreis des Magnesia Litera, des wichtigsten tschechischen Literaturpreises, für die damals gerade 30-Jährige sorgte für Aufsehen und Erwartungen an den Nachfolgeroman.

Gegenwärtig stellt Kateřina Tučková dem hiesigen Publikum die in der Deutschen Verlagsanstalt erschienene deutsche Romanübersetzung von „Das Vermächtnis der Göttinnen“ im Rahmen einer Lesereise vor. Die Perspektive Osteuropa hat sie für eine tschechisch-deutsche Lesung am Mittwoch, 22. November, in der Library Lounge der Universität Passau, Gebäude Zentralbibibliothek, Innstraße 39 gewinnen können. Václav Maidl moderiert die um 20 Uhr beginnende Veranstaltung; der Eintritt ist frei.

(Bildnachweis: Vojtěch Vlk)