Wirtshauskultur 2.0

In Passauer Wirtshäusern auf der Suche nach neuen Trends

Das Traditionswirtshaus „Der Apfelkoch“, das in Passau seit Jahren ein gemütlicher Treffpunkt für Jung & Alt war, schloss bereits im Dezember 2015. Seit Kurzem bleiben auch die Türen des Gasthauses Spetzinger nach 31 Jahren geschlossen. Vom Wirtshaussterben auf dem Land ist schom länger die Rede und für das junge Publikum ist es mittlerweile viel „hipper“, die veganen Burger eines neuen In- Restaurants in ihre In-
stagramstory hochzuladen, anstatt die altbekannte Schweinshaxe mit Semmelknödeln.
Besteht die breite Nachfrage in den bayerischen Wirtshäusern in einem Zeitalter, in welchem „Netflix and Chill“ bei vielen als die gängigste Abendbeschäftigung gesehen wird, überhaupt noch? Ist die Wirtshauskultur wirklich vom Aussterben bedroht?

Mein Passau hat sich auf die Suche nach der heutigen Wirtshauskultur begeben und fand viele unterschiedliche Meinungen.

Die Suche führte mich als Erstes zum Gasthaus Auer, im Stadtteil Heining – der Inbegriff von urigen Stammtischrunden und Geselligkeit. Seit 1952 ist das Wirtshaus bereits im Besitz der Familie Auer, im Jahr 1970 wurde es von Kajetan jun. Auer übernommen und bis heute fortgeführt. Der Wirt selbst ist vor allem darüber bekümmert, dass die Vereine und Stammtische immer weiter schrumpfen: „Früher kamen 50 bis 60 Veteraner zum wöchentlichen Stammtisch, heute kommen nur noch 30 und das lediglich zum Jahresessen“. Viele Vereine lösen sich auch komplett auf, so beispielsweise auch die „Heiniger Gmoa“, die seit 1954 bestanden. Junge Nachfolger finden sich kaum. Jedoch hat das Wirtshaus immer noch einen festen Stand im Ort und die alten Stammgäste bleiben.
Der Grund, warum viele Wirtshäuser schließen, sieht Kajetan Auer auch vor allem im Nachfolgerproblem: „Das ist ein Fulltime Job. Ich hatte am Wochenende noch nie frei, dazu ist Sonntag der stressigste Tag. Hinzu kommen saisonbedingte Flauten. Daher suchen sich viele lieber einen geregelten Job, der ihnen auch genug Freizeit verschafft.“ Der Internet-
auftritt des Gasthauses Auer wurde von der Tochter organisiert, aber das meiste Geschäft läuft noch über Mundpropaganda.

Anders sieht dies im Gasthaus „Zum Bayerischen Löwen“ aus. „Wenn montags um 11.oo Uhr die Mittagsrenner noch nicht online sind, rufen die Leute bereits an und beschweren sich“, berichtet der Wirt Adrian Hüttenberger. Er selbst sieht den derzeitigen Wandel in der Wirtshauskultur eher negativ. „Das gemütliche Feierabendbier ist schon lange nicht mehr unser Hauptgeschäft“.

Schnelllebigkeit ist eingekehrt. Während das Wirtshaus früher ein Ort der Gemütlichkeit war, kommen die Leute nun in ihrer Mittagspause, essen und trinken in 45 Minuten, wobei sie hierbei meistens auf ihr Handy schauen. Um dem entgegenzuwirken teilt der Wirt das WLAN-Passwort nicht mal mehr aus. So werden auch im Bayerischen Löwen die Stammtische weniger, die Runden kleiner.

Einen ganz anderen Blick darauf hat die Wirtin des Alten Bräuhauses Michela Rohmann. Das bereits seit 1996 bestehende Wirtshaus zeichnet sich sowohl durch das junge und dynamische Personal, als auch durch die schmackhafte Küche und eine herzliche Art aus.

Wirtin Michela Rohmann berichtet zwar vom Schwund an Stammtischen, sie kann sich jedoch mit 15 bis 20 Stammtischen pro Monat (in denen auch junges Publikum vertreten ist) nicht beklagen. „Gute Gespräche, Gemütlichkeit, Spaß am Leben und die Alltagssorgen bei einem Feierabendbier vergessen, das alles ist für mich die Wirtshauskultur“, berichtet die 35- jährige.

Ihr Geheimrezept sind zum einen die jungen Mitarbeiter, die viel Publikum anziehen und zum anderen verschiedene Aktionen wie das Schlachtschüsselessen, das Starkbierfest oder Live Musik im Sommer.

Als unerlässlich sieht Michela Rohmann auch die Intenetpräsenz. „Heutzutage spiegelt die Website den Charakter eines Gasthauses wider. Die Leute kommen nicht mehr einfach vorbei, sondern informieren sich online, wo es was gibt“. Die Wirtin ist jedoch überzeugt, dass die Wirtshauskultur noch lange erhalten bleiben wird, vorausgesetzt man findet gutes Personal. „Damit steht und fällt alles“, erklärt die 35- jährige, „an den Gästen liegt es nicht.“

Anders sieht dies der Geschäftsführer des Hacklberger Bräustüberls. Er verfolgte das Motto „Aus Alt mach Neu“ und revolutionierte im Jahr 2014 die Wirtshauskultur. Das Bräustüberl gliedert sich in den traditionllen Bereich der Zunftstube, dem gehobenen Raum der Fürstenstube und dem moderenen Ambiente der Hackelbar mit hochgestellten Tischen und moderenen Accessoires.

Diese Neuerungen sah der Wirt als absolut notwendig: „Heutzutage sind die Ansprüche der Gäste höher. Sie wollen guten Service und eine Speisekarte, die außer Schweinebraten auch vegetarische und vegane Speisen zu bieten hat.“ Durch den Umbau wurden laut Martin Vrbnjak komplett neue Gästekreise erschlossen.„Auf diese Weise können wir ein breites Publikum abdecken und haben täglich mehrere Stammtische aller Altersklassen“, berichtet der Inhaber.
Dass die Wirtshauskultur durch die Digitalisierung verändert wird, kann
Vrbnjak selbst sehr gut nachempfinden. Auch das Hacklberger Brästüberl hat eine eigene Internetseite und ist darüber hinaus auf Facebook und Tripadvisor vertreten. Dies erhöht natürlich die Reichweite, was Fluch und Segen zugleich ist: „Früher sagte man dem Wirt ins Gesicht, wenn man mit dem Essen unzufrieden war. Auch das ist für mich Wirtshauskultur. Heute aber gehen die Leute heim und schreiben auf Facebook schlechte Kommentare, wodurch heftige Diskussionen ausgelöst werden“, erklärt der Wirt.

Was ist also das Wichtigste, um den Betrieb am Laufen zu halten? Bei dieser Frage waren sich alle Wirte einig. Man muss mit der Zeit gehen, darf nie stehen bleiben. Durch die ständige Weiterentwicklung wird die Wirtshauskultur vermutlich noch lange erhalten bleiben, jedoch nicht mehr in dem Ausmaß wie vor 50 Jahren. Die Digitaliersung und neue Trends sind in den Traditionsgasthäusern bereits angekommen und anstatt über Mundpropaganda ist nun die Website das Aushängeschild, während Stammtische abends auf Facebook und Snapchat geteilt werden. Doch das Grundkonzept des gemütlichen Beisammensitzens, um zu diskutieren oder zu Schafkopfen wird noch lange erhalten bleiben. Denn „Geselligkeit will jeder“ ist sich die Besitzerin des Alten Bräuhauses Michela Rohmann sicher.