WeiberRatsch mit Lockerung

(von Doris Blöchl)

Alles locker, alles wieder easy. So könnte man in Anbetracht der ersten Lockerungswelle der Beschränkungen denken. Im Alltag sieht das Ganze etwas anders aus. Nun heißt’s Vermummungsge- statt –verbot im öffentlichen Raum und das ganz ohne religiösen Hintergrund. Zum einen hat das natürlich den Vorteil, dass „frau“ morgens (Lippenschmink)-Zeit spart, ebenso wie Lippenstift, Konturenstift oder Lipgloss. Jetzt kommt das große ABER: das Hauptaugenmerk liegt auf der Augenpartie. Und dort muss dringend Hand angelegt werden, wenn die Krähenfüße nun plötzlich zum Blickfang mutieren und sie dieser Rolle so gar nicht gerecht zu werden bereit sind. Der Rest des Gesichts kann schließlich weder etwas raus- noch reinreißen. Insofern ist nun die Zeit der Augen. Und beim vermummten Ratsch – natürlich mit Abstand – muss das verächtliche Lippenzucken, der Schmollmund oder das überraschte Lippen-O mit Augenrollen, Wimperngeklimper oder Augenzukneifen ausgeglichen werden, um Stimmungen ans Gegenüber zu vermitteln. Wenn die Mimik auf Augen beschränkt ist, wird’s schwierig. Allerdings können wir nun je nach Farbe des Mund- und Nasenschutzes den passenden Lidschatten wählen, dann ist’s wenigstens stimmig. 

Männer können getrost die Bartrasur vernachlässigen – sieht ja keiner – und bringen dafür ihre Köpfe rasierend in Form, während wir Damen bei dem aussichtslosen Versuch verzweifeln, den nachwachsenden Ansatz und den herauswachsenden Schnitt zu kaschieren. Auch die Haarpracht lässt uns also im Stich, während der Erfolgsdruck, der auf den Augen lastet, wächst. Hoffentlich befällt uns nicht just in dieser Zeit noch die Altersweitsichtigkeit, so dass wir wenigstens von der Lese-Hornbrille verschont bleiben – und hoffentlich verfallen die Augen angesichts dieser psychischen Belastung nicht ins Burn-Out, denn dann hätten wir ein echtes Problem. Während die Brille in normalen Tagen sogar als modisches Accessoire verwendet wird, sieht sie zwischen ergrauten Strähnen und vermummtem Mund nicht unbedingt kleidsam aus – von der Unbequemlichkeit angelaufener Gläser ganz zu schweigen. Brillenträger/Innen haben es wirklich schwer in Zeiten der Masken und der Maskeraden. Der Schutz vor Tröpfchen ist zum Mantra geworden. Es wird darüber diskutiert, wie groß Tröpfchen sind, wie lange sie sich in der Luft halten und ob sie eine Wolke bilden und sich sozusagen zusammenrotten gegen die Menschheit oder mehr als Einzelkämpfer fungieren. Es wird überlegt, ob der Wind, der die Böden austrocknet, vielleicht das Virus schneller wegweht. All das sind Vermutungen in der Hoffnung, dass dieser virale Kelch bald an uns vorüber gegangenen sein wird. Und wie das mit Ängsten und Mutmaßungen so ist, kann es soweit gehen, dass man nun überall Tröpfchen vermutet – so wie Kinder oft Monster in Schränken vermuten. Trotz aller berechtigten Schutzmaßnahmen und vernünftigen Hygieneregeln – welche man jeden Winter und besonders in Influenza-Zeiten ohnehin pflegt – sind Angst und Panik in der Regel schlechte Ratgeber. Denn wer über jedem Mitmenschen eine „Tröpfchen-Wolke“ wähnt, der bekäme auf längere Sicht ein durchaus gestörtes Verhältnis zu anderen. Bei aller Vor- und Umsicht sollten wir also aufpassen, dass aus uns keine dauerhaft misstrauischen Einzelgänger mit Kontaktphobie werden. Sicher können wir uns dann irgendwann auch wieder einmal ins ganze Gesicht schauen, uns angrinsen und lauthals auf dieses Corona-Virus schimpfen, ohne Angst vor ein paar Tröpfchen zu haben.

Machen Sie’s gut, bleiben’S g’sund, klappen Sie hin und wieder das Visier hoch und – vergessen Sie nicht die subtile Sprache der Augen!